Zeitung Heute : "Wie sechs Richtige im Lotto"

HOLGER SCHLÖSSER

Studenten haben die Interaktiv-Seite des Tagesspiegel begleitetVON HOLGER SCHLÖSSER

Mit Praxis hat ein Universitäts-Kolleg in der Regel nichts zu tun.Eher schon mit trockener Theorie.Da sie aber beides wollten, nämlich dem journalistischen Nachwuchs aus Berlin theoretisches Wissen und praktische Erfahrung vermitteln, kreierten der Tagesspiegel und das Institut für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der FU Berlin (IKK) das Praxiskolleg Tagesspiegel.Ermöglicht wurde das Projekt durch die Zusammenarbeit zwischen Tagesspiegel-Chefredakteurin Monika Zimmermann und dem IKK. So wählten die Gründer anfang letzten Jahres 25 Studenten aus den drei Berliner Universitäten aus.Diese sollten sich ein Jahr lang mit dem Thema Neue Medien beschäftigen und ihre Ideen in die neu gestaltete Interaktiv-Seite des Tagesspiegels einfließen lassen.Hermann Haarmann gehört mit Klaus Siebenhaar und Erhard Schütz zu den Professoren des IKK, die das Kolleg in den vergangenen zehn Monaten begleitet haben."Wir suchten junge Leute," sagt Haarmann, "die nicht nur schreiben wollen, sondern die sich auch für die neuen Technologien und den theoretischen Hintergrund interessieren". So wie Patrick Conley.Er hatte schon früher eine Computersendung im Hessischen Rundfunk moderiert und ähnlich wie viele andere Studenten bereits vor dem Kolleg Erfahrungen mit dem Internet gesammelt.Ihnen allen bot das Praxiskolleg die Gelegenheit, sich mit Themen wie Demokratie im Netz, Internet-Marketing und Veränderung von Wahrnehmung und Denken theoretisch auseinanderzusetzen.Experten aus dem Multimediabereich, wie der Marketingprofi Jens Oenike, waren zu Gast in dem Kolleg und stellten ihre Projekte vor.Hoch ging es dabei teilweise her, etwa als Oenike die Frage aufwarf, wie man mit dem Internet Geld verdienen könne.Darüber hinaus sahen sich die Studenten vor Ort in Firmen um und lernten auf diese Weise die Praxis der neuen Branche kennen. Um eine Lehrveranstaltung im klassischen Sinn handelte es sich bei dem Praxiskolleg nicht: Die Seminare fanden im Verlagshaus des Tagesspiegel statt, den Studenten, die auch in den Semesterferien aktiv waren, konnte ein Leistungsschein nur für eine wissenschaftliche Arbeit, nicht aber für ihre Beiträge in der Zeitung garantiert werden. Insgesamt verhalfen ihnen das Praxiskolleg und die Arbeit im Tagesspiegel zu einem realistischen Bild der Neuen Medien und zu einer besseren Vorstellung von der Funktionsweise und Bedeutung des Internets, darin sind sich die Studenten einig.Auch aus Sicht des IKK war das Experiment ein Erfolg."Ich denke, es war eine gute Kombination: schreibfreudige und wißbegierige Studenten auf der einen Seite und eine Redaktion, die dieses Angebot für die Interaktiv-Seite zu nutzen wußte, auf der anderen", resümiert Haarmann. Für manche Studenten war der Zeitungsalltag ernüchternd."Ich habe gemerkt, daß ich den Tagesjournalismus ungern mache", offenbart eine Teilnehmerin im Gespräch.Die tägliche Deadline, der Streß, das "ewige Pulsieren" sei nicht ihre Art, da würde sie lieber für eine Zeitschrift oder als Wissenschaftlerin arbeiten. Ein solches, praxisbezogenes Studienmodell ist an der Universität nicht selbstverständlich.Für die Teilnehmer bedeutete dies, daß sie vorrangig aus persönlichem Engagement am Kolleg teilnahmen.Einer unter den Studenten war Patrick Conley, der derzeit über das Radiofeature in der DDR promoviert.Die Gelegenheit, in der Redaktion des Tagesspiegels zu arbeiten und die Aussicht, Leute mit ähnlichen Interessen zu treffen, waren ausschlaggebend für seine Entscheidung, sich für das Kolleg zu bewerben.Ob dabei ein Leistungsschein herausspringt, war für ihn zweitrangig.Entscheidend sei, daß er es geschafft habe - zusammen mit einigen anderen Teilnehmern - regelmäßig für den Tagesspiegel zu schreiben.Eine Chance, "wie sechs Richtige im Lotto", fügt er hinzu.
16.02.97

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