Zeitung Heute : Wie sich das Zuhause verwandelt

Die junge Generation hat wieder Sinn für Dekoration: Die neuen Tapeten fesseln den Augenblick

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Von der Rolle. Matthias Gerber, Grafik- designer und Geschäftsführer eines Tapetengeschäfts in Berlin, entwickelt unter anderem...

Grob oder fein gekörnt? Diese Frage spielte in Deutschlands Wohnstuben in den vergangenen Jahrzehnten die wichtigste Rolle, wenn die Wände neu eingekleidet werden sollten – oder mussten. Zumeist wurde dann Raufaser geklebt: robust, preiswert, immer wieder gut für einen Neuanstrich – solang der alte Kleister das Vorhaben mittrug. Das Tapetendesign ordnet sich seit den 20er Jahren in seiner Form- und Farbsprache vor allem sachlichen Zwecken unter. Allein in den siebziger Jahren, in der Flower-Power-Zeit, gaben sich die Tapetenmuster etwas lustbetonter, bestimmten großformatige und farbenfrohe Ornamente die Optik. Ihren letzten großen Höhenflug erlebte die Tapete aber im 18. Jahrhundert. Es scheint, als sei es jetzt wieder so weit: Dem Zeitgeist ist es etwas langweilig geworden inmitten der zumeist unscheinbaren Mauern.

„Junge Leute kennen ja gar keine Tapeten mehr“, sagt Matthias Gerber. Der Schweizer betreibt mit seiner Geschäftspartnerin Kathrin Kreitmeyer in Prenzlauer Berg die Firma „extratapete“. Sie haben sich auf die Gestaltung und Produktion von individuellen Designtapeten spezialisiert. „Für junge Leute ist die Tapete ein völlig neues Medium zur Wandgestaltung“, hat Gerber beobachtet, „die sind in ihrer Kindheit und Jugend meist mit weißen Wänden und minimaler Deko aufgewachsen.“ Deshalb haben jetzt viele junge Leute Lust auf Farbe und Muster.

Neue Materialien, leuchtende Farben, modernste Drucktechniken – Gerber kann heute in kleinen Auflagen seine Tapeten anbieten, die mit Blick auf den Variationsreichtum an das 18. Jahrhundert anknüpfen. Damals bestimmten schwere Farben, Goldledertapeten, üppige Motive aus geschwungenem Bandwerk und Ornamente des distelartigen Akanthusblatts das Zeitalter. Die prunkvollen und schweren Formen wandelten sich im Spätbarock ins Zierliche und Leichte. Neben zartem Blumendekor waren auch die handbemalten chinesischen Tapeten sehr beliebt. Exotische, fernöstliche Blütenmalerei galt als Inbegriff von Luxus.

„Asiatisches kommt auch heute wieder gut an“, sagt Gerber. Die Bandbreite aktueller Dessins von floralen und geometrischen Mustern ist wieder en vogue. Bei der modernen Wohnraumgestaltung müssen auffällige Akzente her. Tapeten mit einem barocken Blumenmuster oder Vintage-Tapeten, die auf alt gemacht sind, passen sowohl zu schlichten Küchenmöbeln als auch zum Kronleuchter und zu Antiquitäten.

Doch nicht immer geht es um das Tapezieren großer Flächen. Oft wird nur ein Eyecatcher gesucht – seien es nun Bordüren oder Fototapeten, die sich tapetengeschichtlich auf die Panoramatapeten des Biedermeiers zurückführen lassen: Beide Spielarten öffnen den Raum für einen Blick ins Freie. Diese großen Motive, die es einst zunächst nur in Discotheken, Modeläden und Coffee-Shops gab, sollten nicht großflächig eingesetzt werden. Aufdringliche Motive sollten auf eine Wand beschränkt werden. Gerber, gelernter Grafiker, achtet darauf, dass seine Tapeten zu den gängigen Trends der Inneneinrichtungen passen, Farben und Muster aufeinander abgestimmt sind. Abstrakte Motive mit Schilfgras, Schattenrisse von Astwerk laufen derzeit gut. Die Möbel sollten mit einer auffälligen Tapete farblich nicht konkurrieren. Zu bunten Sofas und Kissen passen sie in der Regel nicht.

Tapeten machen nicht nur Wände schöner. Mit ihnen können auch Kommoden und Regalfächer ausgekleidet werden: Auf der Rückseite einer Schranktür aus Milchglas zum Beispiel ist ein auffälliges Motiv ein echter Hingucker. Auch ein Lampenschirm kann mit Tapetenresten aufgehübscht werden.

Die Qualitätsmerkmale moderner Tapeten liegen in der Vielfalt von Mustern und Designs, in der einfachen Verarbeitbarkeit (z. B. die Vliestapete, die sich auch wieder von der Wand abziehen lässt) und anspruchsvolleren Kollektionen. Hinzu kommen die besondere Materialqualität moderner Tapeten sowie das Know-how in der Herstellung, wie z. B. Druckqualität und Prägung. Das Angebot der Hersteller ist riesig. Die größten haben zwischen 3000 und 4000 Muster zur Auswahl. „Je größer das Angebot, je größer die Verwirrung“, kommentiert der „extratapete“-Geschäftsführer Matthias Gerber. Sein Betrieb setzt auf ein überschaubares Angebot für private und für professionelle Anwender wie zum Beispiel Rechtsanwälte, Betreiber von Wellnesstudios oder Krankenhäusern, Ärzte oder Innenarchitekten. „Von zweihundert Aufnahmen, die wir zum Beispiel für Fototapeten machen, funktionieren ohnehin nur fünf oder sechs.“ Oft stellt sich erst nach einem Jahr heraus, welche Optiken gefallen. „Wir machen einen Vorschlag – und dann muss es erst einmal gesehen werden“, sagt Gerber.

Gibt es etwas, was alle Käufer verbindet? „Es sind neugierige Menschen, die nicht überfrachtet werden wollen mit ungesichtetem Bildmaterial“, sagt Gerber, der mit seinen Produkten immer stärker auf den einen „Augenblick“ zielt. Besonders gut verkaufen sich derzeit die Panoramaborten. Die selbstklebenden Collagen sind nicht so teuer, machen mit ihren jeweils vier Metern Länge (11,6 cm breit) aber viel her und bringen mit ihren Landschafts- oder Städteaufnahmen viel Feeling. Noch in der Entwicklungs- und Erprobungsphase sind die sogenannten Tapetenpaneele – kleine Flächen, nur 150 mal 46,5 cm groß. Sie sind bedruckt zum Beispiel mit dem U-Bahn-Plan von Tokio oder anderem Kartenmaterial, wie etwa vom Mount Everest, dem Jakobsweg, dem Bermudadreieck oder von Timbuktu. Originell das alles, und die Individualisierung der Tapete wird 2010 voraussichtlich noch weiter ausgebaut – bzw. ausgedruckt. In diesem Jahr setzen die Hersteller zunehmend auf den Digitaldruck, sagt Karsten Brandt vom Deutschen Tapeten-Institut in Frankfurt am Main. Fototapeten in gestochen scharfer Digitaldrucktechnik sind ein Trend, der in immer mehr Wohnungen einzieht. Noch extravagantere Geschmäcker lassen sich mit Textiltapeten aus Wolle, Jute, Leder und Seide bedienen.

Weitere Informationen unter:

www.extratapete.de

www.annawand.de

www.wall-art.de

www.berlintapete.de

www.tapetenagentur.de

www.tapetenshop.de

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