Zeitung Heute : Wie sind seine Labour-Werte?

Er galt als mächtigster Mann Großbritanniens. Er erfand New Labour, Tony Blair und überlebte seine Alkoholprobleme. Dann stürzte er über den Irak-Krieg. Nun wartet Alastair Campbell auf sein Urteil.

Moritz Schuller

Der mächtigste Mann Großbritanniens begann seine Karriere als Autor von Pornogeschichten. Für ein englisches Schmuddelmagazin notierte er, was er als „Riviera Gigolo“ in Südfrankreich so Aufregendes erlebte. Später, auf dem Höhepunkt seiner Macht, rief er den britischen Außenminister an, als der gerade am Flughafen Heathrow eincheckte: ,Entscheide Dich sofort zwischen Deiner Frau und Deiner Geliebten.’ Der Außenminister gehorchte.

Als Alastair Campbell die Tür zu seinem schmalen Stadthaus im bürgerlichen Teil des Londoner Nordens öffnet, hat er ein Telefon in der Hand, er trägt abgelaufene Sportschuhe und einen Jogginganzug. Der „verlogenste, stinkendste Staatsdiener des Landes“ („Daily Mail“) ist blass, sein Gesicht grau und eingefallen. Er leide unter dem „Post-Success-Syndrome“, dem Nach-Erfolg-Syndrom hatte der „Daily Telegraph“ geschrieben, Stimmungsschwankungen machten ihm zu schaffen und eine innere Leere. Der mächtigste Mann Großbritanniens, so war die Botschaft der Geschichte, gehe an seiner Machtlosigkeit zugrunde. Daran, dass er hilflos zu Hause abwarten muss, ob die Hutton-Untersuchung zum Irak–Krieg, die ihren Bericht im Januar vorlegt, ihn freispricht oder nicht.

Im August war Alastair Campbell als „Director of Communications“, als Planungschef des Premierministers zurückgetreten. Als ein „getriebener Mann“ schrieb der „Independent“, der „Observer“ redete vom Abschied des „Scharfrichters“. Tony Blair nannte Campbell an jenem Tag einen „guten Freund“, dessen Bild von den Medien „zu einer Karikatur verzerrt“ worden war. Mehr als ein Jahrzehnt lang hatte die Geschichte von Campbell die britischen Medien fasziniert und zum Abschied feierten sie ihn noch einmal mit aller Leidenschaft, vielleicht sogar Hass.

„Es war absurd geworden, vollkommen, absolut absurd. Natürlich besteht ein legitimes Interesse an dem politischen Führer und den Leuten, die ihn umgeben.“ Campbell hat Tee mit Milch gemacht und läuft nun hin und her wie ein eingesperrtes Tier. Auf dem Küchentisch liegt eine DVD über Churchill. Das Telefon klingelt zum ersten Mal, irgendein französischer Radiosender will mit ihm über Sport sprechen. „Ich spreche ziemlich gut französich“, sagt er ohne Bescheidenheit. „Rufen Sie doch in einer halben Stunde wieder an.“

Alastair Campbell, der so genannte „Spindoctor“ von Tony Blair, ist für die Geschichte, man kann schon fast sagen: für den Mythos von New Labour verantwortlich. 1994 waren die Konservativen an der Macht und Labour im Keller und Tony Blair ein unbekannter neuer Parteichef. Campbell war damals politischer Redakteur beim „Express“, als Blair ihn fragte, ob er nicht sein Pressechef werden wolle, ein junger erfolgreicher Journalist, der bereits einen dramatischen Alkoholzusammenbruch hinter sich hatte. Campbell war ein Anhänger Neil Kinnocks gewesen, jenes erfolglosen, halbsozialistischen Labourführers, der von Margaret Thatcher regelmäßig versohlt wurde.

„Neil Kinnock, ein guter Freund von mir, ich treffe ihn übrigens heute Abend, Kinnock war von der britischen Presse verunglimpft worden. Und das sollte uns nicht noch einmal passieren. Wir sagten uns: Okay, die Zeitungen sind schrecklich, aber wir haben keine andere Wahl.“ Und so machten sie sich an die Arbeit. Der krönende Abschluss von Campbells Bemühungen: Im Wahlkampf 1997 rief sogar die Boulevardzeitung „Sun“ dazu auf, Labour zu wählen.

Der Ex-Journalist Campbell hatte sich zum Dompteur der britischen Presse gemacht, und eine Weile ließ sie sich auch zähmen. Tony, der jugendliche Held, der Dritte Weg, die neue Sozialdemokratie, die egalitäre Gesellschaft – er fütterte sie mit großen Brocken. Als Prinzessin Diana starb, nannte Tony Blair sie die „Prinzessin der Herzen“. Campbell hatte sich das ausgedacht. Als der bisweilen frömmelnd wirkende Blair nach seiner Religion gefragt wurde, unterbrach der ungläubige Campbell. „We don’t do God“, sagte er, „Gott ist nicht unser Ding.“ Campbell wurde vom Geschichtenerzähler zur Geschichte selbst. In einer Satiresendung im Fernsehen gab die Campbellpuppe längst der Blairpuppe die Befehle. Das war ein Fehler.

Der Bauch der Macht

Campbell bleibt stehen, um sich das Sweatshirt auszuziehen. Dabei rutscht ihm das T-Shirt mit und der Bauch des mächtigsten Mannes kommt zum Vorschein. Kein großer Bauch, kein kleiner Bauch, der Bauch eines 46-jährigen Mannes, der regelmäßig läuft. Das französische Radio ruft wieder an, Campbell wandert mit dem Telefon ins Wohnzimmer, das von der Straße bis zum großen Wintergarten reicht. Was macht einen guten Sportler aus? „Die Opfer, die man bereit ist zu bringen.“

Campbell kommt wieder und macht weiter, wo er aufgehört hat. Es war ein Fehler, sagt er, die Beziehung zur Presse nach der Machtübernahme nicht neu zu organisieren. „Am Anfang war es wichtig, den Dialog aufzubauen. In der Opposition muss man seine Botschaft raushauen.“ Einmal an der Regierung, hätten sie es verpasst, zu entscheiden „wie und was wir anders machen sollten“. Plötzlich wirkte die aggressive Kommunikationspolitik wie Ersatz für echte Politik. Blair sei eine PR-Puppe, hieß es, und Campbell der Totengräber der britischen Demokratie.

„Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden, dass er nicht mehr hält“, schreibt Rainer Maria Rilke über den Panther im Pariser Jardin des Plantes. Campbell, noch müde vom Wohltätigkeitslauf am Wochenende in Äthiopien, geht zur Spüle, zurück zum silbernen Kühlschrank und wieder zurück zur Spüle, dann zur Tür. Weil Campbell keinen Briefkasten haben darf („langweilige Geschichte“), muss der Postbote klingeln.

„Die Medien sind so negativ, so vergiftet – man muss sich ihnen entgegenstellen.“ Ein kleines, banales Beispiel: „Vor einigen Jahren erschien im ,Sunday Express’ eine Geschichte, dass ich meinen Job aufgebe, um für Manchester United zu arbeiten. Wenn man eine Geschichte erfinden möchte, spricht vieles dafür: Ich mag Fußball, ich bin ein guter Freund von Alex Ferguson (der Trainer von Manchester United, Anm. d. Red.). Diese Geschichte landet in der Zeitung, vollkommene, komplette Fiktion, zu 100 Prozent. Am Ende rufe ich den Typen an, der sie geschrieben hat. ,Was soll das über mich und Manchester United?’ ,Das ist doch eine gute Geschichte.’ ,Aber sie stimmt überhaupt nicht.’ ,Ich weiß, aber es ist eine gute Geschichte.’ So funktionieren die.“

Hat er sich als Spindoktor nie Geschichten ausgedacht? War die Regierung zum Beispiel ehrlich, als sie Blairs Herzprobleme runterspielte? „Die Regierung war sehr ehrlich. In der Tat, sehr viel ehrlicher, als irgendein normaler Bürger sein müsste. Und dennoch machte die Presse mehr daraus, als da ist.“ Das Telefon klingelt wieder. Alex Ferguson ruft an. „Dann hast Du ja das Gleiche gehabt wie Tony“, sagt Campbell. Lachen. „Yeah. Naja, ich bin froh, dass es Dir wieder gut geht. Wann ist das nächste Spiel? Ja. Ja. Pass auf Dich auf.“ Am Morgen hatten die Zeitungen berichtet, der Trainer sei wegen Herzflattern behandelt worden. Das stimmte also.

Campbell ist wieder bei seinem Lieblingsthema. „Am Montag stand im ,Telegraph’ eine Geschichte, dass ich depressiv sei, unter Stimmungsschwankungen leide. Absoluter, vollkommener Müll.“ Ob es nicht auch ironisch sei, dass er, der früher bei einem nicht für Sensibilität bekannten Boulevardblatt geschrieben hat, nun die Immoralität der Presse beklage. Nein, sagt er. Er habe immer für etwas gekämpft, politisch. „Was auch immer gut ist, wir zerstören es, so denken die Zeitungen. Das ist krank.“ Dass die Zeitungen plötzlich anfingen, eigene, nicht mehr seine Geschichten zu schreiben, das war der Anfang vom Ende.

Inzwischen ist Fiona Millar nach Hause gekommen. Drei Kinder haben die beiden, alle drei wurden auf eine öffentliche Schule geschickt. Keine Privilegien, auch wenn Campbell inzwischen angeblich 25 000 Pfund pro Vortrag verdient. „Alastair“, sagt sie, „macht keine halben Sachen.“ Campbell hat Kinnock fanatisch unterstützt, er hat gesoffen, Kette geraucht, dann hat er Blair fanatisch unterstützt. Und mit diesem Fanatismus eines bisweilen als selbstgerecht bezeichneten Getriebenheit kämpfte Campbell auch für den Irak–Krieg. Und damit begann seine größte Geschichte.

Joggen um den Küchentisch

Der Irak–Krieg ist der Grund, warum der mächtigsten Mann Großbritanniens, den Titel gab ihm der „Daily Mirror“, um elf Uhr morgens nicht im Anzug in der Downing Street Nummer 10 sitzt, sondern im Jogginganzug um den eigenen Küchentisch jagt. Der Krieg zwischen Campbell und der Presse wäre aber vermutlich früher oder später auch so ausgebrochen. Die Geschichte ist schnell erzählt: Im Sommer behauptete der BBC-Reporter Andrew Gilligan, eine Quelle habe ihm anvertraut, Alastair Campbell habe den Bericht der britischen Regierung über die Bedrohung durch den Irak bewusst aufgebauscht. Er soll wider besseren Wissens eingefügt haben, dass Saddam innerhalb von 45 Minuten eine Rakete mit chemischen Kampfstoffen abschießen könne.

Campbell schlug zurück. Mit der Selbstgerechtigkeit eines moralischen Märtyrers stellte er sich der BBC entgegen. Der Krieg, sagt Campbell, war richtig und die Behauptung, er habe gelogen, falsch. In seinem Tagebuch, das er in Teilen bei der Hutton-Untersuchung vorlegen musste, notierte er damals: „Ich wollte einen eindeutigen Sieg, kein unsauberes Unentschieden.“ Er suchte und fand die Quelle (Tagebucheintrag: „it would fuck Gilligan“). Am Ende hatten beide Seiten ein blutiges Gesicht, die Regierung und die BBC, David Kelly war tot und Campbell trat zurück.

Er hätte diesen letzten Kampf nicht führen dürfen, nicht so, sagen heute sogar Freunde. Campbells Antwort: „Nein … (er atmet laut aus). Ich weiß nicht. (Pause). Ich meine, Sie wissen (kurzes Lachen), die … (wieder atmet er laut aus). Ich werde über die ganze Kelly-Sache nicht reden, denn wir sollten auf die Hutton-Untersuchung warten und schauen, was er sagt. Aber an einem bestimmten Punkt, verstehen Sie, wenn einem unterstellt wird, dass man britische Soldaten aufgrund einer Lüge in den Tod schickt, werde ich mich nicht hinstellen und das schlucken. Und das ist die ganze Geschichte.“

Lord Hutton wird über die Vergangenheit richten – und über Campbells Zukunft. „Ich bin kein Mensch, der sich ausruht“, sagt er, doch bleibt ihm jetzt nicht anderes übrig. Er sitzt in seinem schönen Haus, und wo und wann er kann, verteidigt er Tony Blair. Sie sind Freunde geblieben, vielleicht auch mehr. Alastair Campbell, der ehemals mächtigste Mann Großbritannien, legt das Telefon wieder einmal hin. Warst du schon laufen, fragt Fiona. Nein, sagt Campbell, noch nicht.

Auf Seite S7: Warum die Konservativen in England noch nicht an die Macht kommen – ein Essay.

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