Zeitung Heute : Wie trauert eine stolze Stadt?

Im Atocha-Bahnhof hängt ein Spiegel. Darauf steht: „Schau dich an. Es hätte dich treffen können.“ Es gibt kein Entrinnen in Madrid, die Bilder des Attentats sind überall. Bericht aus einem gebrannten Ort.

Jürgen Schreiber[Madrid]

Weithin sichtbar steht das Friedhofskreuz von Alcalá de Henares auf einer schroff abfallenden Felswand. Bis dort hinauf steigt das Wehklagen der Trauernden, die sich unter einem Zipfel blauen Himmels zur Totenwache versammeln.

Supermärkte und Möbelcenter grenzen an die Gräber, die moderne Anlage mit Teich und Skulpturen hat nichts von einem herkömmlichen Gottesacker. Am Eingang das schicke Infobüro, rechts hat das Café für den Leichenschmaus geöffnet. Heute ist alles anders. Heute drängen Journalisten aus aller Welt zum Tresen. Im Gelände parken Übertragungswagen, Aggregate surren, Antennen werden ausgefahren. Schon richten sich Kameras auf die vielen Kränze. Ein überreiches Gebinde rot-weißer Nelken kommt laut der Schleife vom „Bürgermeister von Madrid“.

Es sind die Tage nach dem 11.März, an dem islamistische Terroristen in der spanischen Hauptstadt 201 Menschen ermordeten und 1400 verletzten. Keine 30 Minuten nordwestlich von hier starben bei dem Massaker auch jene, die in Alcalá de Henares beweint werden. Am schwarzen Donnerstag fuhren sie mit der voll besetzten Linie C2 Richtung Madrid ins Verderben. Auf dem Friedhof flattert Absperrband in der kühlen Luft, mannshohes Schilfgras zittert. Stiefmütterchen säumen den Weg. Im Gegenlicht glänzen die Ulmen, dankbare Motive für die internationale Fotografenschar. Aber unter den Hinterbliebenen ist niemand, der einen Blick für die Natur hätte. Es ist die Landschaft nach der Schlacht.

16 ewige Lichter

An der nahen Bahnstation prangt weiter die Werbung „Die besten Träume habe ich, wenn ich wach bin“. Vor der Tür aber flackern neben einem Fotoautomaten 16 ewige Lichter, die zum Symbol des trauernden Landes geworden sind. In der Kneipe berichtet die Bedienung stockend, hier vorne habe eines der Opfer seinen Stammplatz gehabt, „ein Rumäne. Auch er ist tot, wir werden ihn nie vergessen.“

Auf dem Friedhof wird in Raum 2 gleich des 51-jährigen Felix González gedacht, Leutnant der Luftwaffe, verheiratet. Ihn trafen die Bomben auf dem Weg zur Fortbildung in Madrid. Eben trug man seinen Sarg in die Turnhalle zur Gedenkfeier, die Compañeros salutierten. In den bleichen Gesichtern seiner Söhne Marcos und Mariano malte sich bei der Zeremonie eine um Tapferkeit bemühte Verständnislosigkeit. Ihr Vater starb an Marianos neuntem Geburtstag, die Mutter sorgte dafür, dass der Kleine trotzdem gefeiert wurde. Die Familie rückt eng um den Aufgebahrten zusammen, als könnte man durch Nähe des Elends irgendwie besser Herr werden.

Zeitgleich treffen sich in Raum 5 Verwandte und Freunde von Francisco und Rodríguez Sánchez: Vater und Sohn, 51 und 22 Jahre alt. Am 11.März gleichfalls mit dem Todeszug unterwegs, der eine wollte in die Hauptstadt zur Arbeit, der andere studierte Elektronik an der TH. Da rissen die in Rucksäcken versteckten Sprengsätze sie aus dem Leben. In Raum 6 ist die Stunde des Abschieds von Francisco Moreno gekommen, das Wehklagen ist kaum zu ertragen. Es werden immer mehr Menschen, die Spiegelungen in den Glasscheiben des Leichenschauhauses verdoppeln das Leid. Morenos Sohn wankt aus dem Gebäude, fällt schluchzend auf den Rasen. Sanitäter kümmern sich um ihn, er wird beatmet und im Rollstuhl weggefahren.

Eine Schockwelle planzt sich fort

Madrid kann so schön sein, aber seit „11-M“ (wie der Terrortag heißt) lastet ein Albtraum auf der Metropole. Vordergründig herrscht die vertraute Geschäftigkeit, Verkehr tost auf der Gran Vía. Wie gehabt lässt der Pianist im Hotel Palace Kaffeehaus-Melodien dahinplätschern. Im Retiropark bolzen Freizeitkicker. Zur Hochzeit von Kronprinz Felipe und Letizia Ortiz läuft die Stadtkosmetik auf Hochtouren, nur dass von dem für einschlägige Fernsehfeature beliebten Metropolis-Bau bis gestern eine haushohe, schwarze Trauerschleife hing.

Unter der pulsierenden Oberfläche ist dieses Madrid eine gebrannte Stadt, eine Stadt mit einer Katastrophenzone. Ground Zero. Die Schockwelle pflanzt sich fort, ein Ende des Bebens ist nicht abzusehen. Gerüchte kursieren. Wie viele Täter waren es? Fünf, zehn? Die Fernsehschirme in der U-Bahn zeigen Königin Sofia in Nahaufnahme bei der Trauermesse in der Kathedrale. Mit schmalem Mund ringt sie auf ihrem rotsamtenen Gestühl um Fassung. In der San-Bernardo-Straße beklagt die Versicherung „Reale“ mit Aushang den Tod der Kolleginnen Dolores und Nuria; andere Betriebe tun es ihr nach. Spätabends brennt Licht im schwer bewachten Nationalen Gericht bei der Plaza Colón. Die Festgenommenen werden verhört. Nachbarn diktieren Reportern das Üblich-Nichtssagende zu den ihrer Meinung nach „freundlichen“ Männern. Zeitungen bringen das Schema der Bombenzünder mit dem alarmierenden Effekt, wie wenig es eigentlich braucht, die Zivilgesellschaft aus den Angeln zu heben.

Bis tief in die Nacht durchstreifen Menschen den Atocha-Bahnhof, der für immer mit den Bildern Sterbender belastet sein wird. Am Gleisfeld, auf Höhe des Tatorts, schildern zwei Kabelverleger, sie hätten kurz vor dem Anschlag Schichtende gehabt, deuten zur Halle und beteuern, das Ganze wäre in die Luft geflogen, hätte sich nicht der erste von vier mit 100 Kilo Plastiksprengstoff bestückten Zügen verspätet: „Was für ein Desaster.“

Rasch wachsen die Inseln mit roten Grabkerzen, täglich werden es mehr in dieser Woche. Dorthin zieht es die Masse, eine Dauerprozession aus Mitgefühl, Neugier, Sensationslust. Auf handgemalten Zetteln steht „Warum?“, Ausdruck der durch Furcht gesteigerten Ratlosigkeit und Verunsicherung; die Dimension des Schreckens übertrifft das für möglich Gehaltene. Die Frage, ob es trotzdem Momente des Vergessens gebe, beantwortet der Psychiater Francisco Ferre vom Krisenstab mit Hinweis auf einen im Atocha-Bahnhof hängenden Spiegel. Er trägt die Mahnung: „Schau dich an. Es hätte dich treffen können.“

Wir stöbern Francisco Ferre in einem labyrinthischen Bürotrakt auf, ein stattliches Modellbauschiff mit Namen „Villa“ schmückt sein Zimmer. Das Fachbuch „Wie kann man ein psychisches Trauma überwinden?“ liegt griffbereit. Das Gesicht offen, aber müde, streicht er die Seiten des Einsatzplans glatt. Von dem Spezialisten ist zu lernen: Trümmerbeseitigung mit schwerem Räumgerät ist nur das eine. Im Gelände deutet tatsächlich nichts mehr auf den Angriff hin, würden nicht Gedenksträuße entlang der Böschung den Weg weisen. Man sieht neue Gleise, Schwellen, frischen Schotter. Sechs Tage später verkehren die Pendlerzüge wieder auf der Stammstrecke, von erheblich weniger Fahrgästen wird berichtet, aber immerhin: „Unter Tränen und Angst vor Rucksäcken“ seien sie zu ihrer Routine zurückgekehrt. Obwohl Spanien wegen der Eta eine lange, leidvolle Geschichte des Terrors habe, bombten sich, folgt man Experte Ferre, erst die zu Al Qaida gezählten Mörder in die Tiefe des kollektiven Bewusstseins: „Die 200 Opfer stehen für jeden von uns!“ Zunächst war das, grausam genug, eine anonyme Zahl. Inzwischen erzählen Porträts in Zeitungen die persönliche Geschichte eines jeden. Indem sie ein Gesicht erhalten, sprechen die Toten zu den Lebenden.

Am 11.März hatte Doktor Ferre seine Uni-Vorlesung zum Thema Alkohol und Drogen auf dem Kalender. Er hörte im Autoradio vom Anschlag, die Hilfsmaschinerie sprang an. 1000 Psychologen, Schwestern, Sozialarbeiter wurden für die Krisenintervention mobilisiert. Er zeichnet die Verteilung auf. „Alle wussten, eine große Zahl von Toten wird zur Messehalle 6 gebracht, ihre Familien kommen.“ Gegenüber öffnete just die auf Lebenslust getrimmte Ausstellung für Möbel und Tourismus ihre Pforten. Ein paar Schritte weiter rollten Leichenwagen durch den Liefereingang Nord. Die Identifizierung der Zerfetzten begann, durch Sichtschutz getrennt vom Messebetrieb, einer Sportbar und einer Pizzeria. 140 Helfer umsorgten im Wechsel die Angehörigen. Ferre weiß von Kollegen, die bei acht solchen Dramen seelischen Beistand geleistet hätten. Sie, die Psychologen, seien selbst der Nachbetreuung bedürftig. Was für ein Horror in der Tiefe des kahlen Raumes, eine von schmalen Neonröhren erhellte Gruft, von Schluchzen erfüllt. In einem besonders bedrückenden Fall musste einer Frau zuerst ein Beutel mit einem Personalausweis gezeigt werden. „In einem zweiten Beutel waren die wenigen Überreste ihres Mannes.“ Ferre seufzt: „Es gibt noch Leichen ohne Namen.“

Jetzt ist es wieder still in Halle 6, unheimlich still. Alles sperrt sich gegen die Vorstellung, hier könnten demnächst Geschäfte getätigt werden. Durch die Scheiben sieht man noch blaue Bänder gespannt, Stellwände, die Einteilung in die Zonen A bis F. Unwillkürlich sucht man den Boden nach Blutspuren ab. Ferre berichtet vom „totalen Chaos“ der ersten Stunden, man habe versucht, innerhalb des Durcheinanders einen individuellen Rahmen für Gefühle zu schaffen. Jetzt versteht man, warum der „Leitfaden“ für die Trauerarbeit betont: „Nehmen Sie sich so viel Zeit zum Weinen und zum Klagen, wie Sie benötigen.“ Am Montag eröffnen „Anlaufstellen“ für Retter, die am 11.März durch die Hölle von Atocha gingen und mit dem Erlebten nicht fertig werden. Fachleute aus New York kommen, mit 11.-September-Erfahrung.

Es war ja Krieg, Bombe zündete auf Bombe. Nach der Heimsuchung wird Madrid nie mehr sein, wie es war. Ferre spricht von bleibender „Unsicherheit“. Dermaßen brutal sei der Tod in ihre Gemeinschaft eingebrochen, da könne man nicht ausschließen, dass sich „eine Phobie“ gegen Versammlungsorte entwickle. Spanier ergingen sich gern im Freien, „plötzlich gibt es viele Plätze, wo wir Angst haben müssen“. Der 11. März zerstörte ihr Grundvertrauen.

Im fortwährenden Ansturm entsetzlicher Sequenzen krallen sich besonders emotionale Zeichen ins Gedächtnis. Es sind zum Mund geführte Hände, Ausdruck stiller Verzweiflung, wie wenn Schreie zurückgehalten werden müssten angesichts des Unsagbaren. In dieser Stimmung druckt „El Pais“ neun Fotoseiten zur Katastrophe und erklärt, die schauerlichen Dokumente seien „eine Realität“: auf Gleisen liegende Tote, verrenkt wie Spielzeugpuppen. Aus Waggons hängende Gliedmaßen. Eine eingeklemmte Frau, die Lippen wie zu einem letzten, unerhörten Flehen geöffnet. Neben ihr das erstarrte Antlitz eines weiteren Toten: unrettbar Verlorene, Opfer blinden Hasses, zum Abtransport in schwarzen Leichensäcken aufgereiht, gleich Paketen mit Begleitzetteln versehen.

Man sieht die zum Mund geführten Hände dann bei den 1300 Männern und Frauen, die zur ersten großen Trauerfeier in die Sporthalle Alcalá de Henares strömen. Weiße Plastikstühle auf dem hellblauen Spielfeld geben der Feier einen beinahe frivol-heiteren Akzent. Weihrauch steigt auf. Trotz Verstärker predigt der Bischof mit dünner Stimme, man sei beisammen zum „Akt der Liebe für die Opfer“. Durch Glasbänder in der Decke fällt Tageslicht ein, das Weiß der Ministranten korrespondiert mit dem Weiß der Ärzte, mit rasch geschriebenen Namensschildern am Kittel. Sanitäter nehmen Untröstliche in die Arme. Niemand schämt sich auf den Presseplätzen seiner Tränen, während die Gemeinde zu Ehren der Toten donnernd Beifall spendet, wie es Sitte ist. Innig die Bitte, sich die Hände zu reichen bei den Worten „Der Friede sei mit euch“.

Der ernste Sieger

Tiefe Wolken hängen bei den Totenwachen überm Friedhof. Improvisierte Schilder an rosenumrankten Säulen weisen den Weg zu Räumen für die Einkehr bei den Opfern. Wohnzimmer-Stehlampen brennen. Die Hinterbliebenen sitzen in schweren Klubsesseln, nehmen Beileidsbekundungen entgegen. An den Wänden alte Stiche der mauerbewehrten Stadt, als müsste den Lieben noch einmal gezeigt werden, woher sie kamen, bevor sie auf so entsetzliche Weise gehen mussten.

Es gibt im Madrid des März 2004 kein Entrinnen. Die Bilder vom Attentat schlüpfen durch strenge Sicherheitskontrollen mit ins Haus der Sozialistischen Partei, eine Adresse mit den Charme einer Kombinatsverwaltung. Das Spalier Topfpflanzen erweckt den Anschein einer Extrazuteilung Grün. Der Terror beherrscht die Pressekonferenz nach der Landeswahl, Gewinner Rodriguez Zapatero ist klug genug zu wissen, dass die 100 Journalisten weniger wegen ihm als wegen „11-M“ gekommen sind. Der künftige Regierungschef gedenkt der Toten, Verletzten und Angehörigen, verspricht „verstärkten Kampf gegen den Terror“. Sein Lächeln ist ernst. Zapatero verspricht gleich nach dem Sieg, im Amt „nicht manipulieren, nicht lügen“ zu wollen, verspricht, „zuzuhören, verstehen und respektieren zu wollen“, kurz: das Kontrastprogramm zu Vorgänger Aznar. Die schäbige Informationspolitik des Konservativen nach dem Attentat machte den Überraschungscoup der Sozialisten erst möglich.

In der Genovastraße ist das Massaker beim Treff mit dem noch regierenden Aznar erst recht präsent. Azurblauer Hintergrund im Saal 714 suggeriert noch den Optimismus der rechten Volkspartei, PP, die sich auf dem Weg zur Mehrheit wähnte. Während Verlierer Aznar mit den Seinen tagt und tagt, flackern auf sechs Fernsehern im Flur zwischen Werbespots für Hautöl fast surreale Tatort-Bilder. Ein Vater präsentiert das Foto seiner toten Tochter. Aznar war im gepanzerten Audi mit der Nummer 7202 BCL vorgefahren. Vorsichtig, fast steif in der Bewegung kam er unter schlaff hängenden Flaggen zur Krisensitzung. Was ging ihm durch den Kopf? Die gewonnen geglaubte Wahl verloren. Dreiste Lügengeschichten flogen auf, von Verschwörung gegen die Wahrheit ist die Rede. Aznar verpfändete gegenüber Chefredakteuren sein Ehrenwort, hinter dem Anschlag stehe die Eta, berichten Agenturen und klagen über „Zensur“. Von der Eta faselte die Regierung noch am Wahlsonntag. Da enthüllte „El Pais“ dank Informationen erzürnter Ermittler die Spur zu Al Qaida – mitten im Herzen Madrids.

Wortloser Abgang

Aznar verschanzte sich mit dem Parteivorsitzenden Mariano Rajoy und Ministern hinter verschlossenen Türen. Der durfte sich bei fünf Punkten Vorsprung in Umfragen als künftiger Regierungschef fühlen. Sein Mentor stiehlt sich später wortlos davon, peinlicher Abgang eines Gernegroß mit mokanter Miene, der im Irak-Krieg dabei sein wollte, indes die oberste Feldherrnregel ignorierte: Die Truppe, die Wähler, muss man hinter sich haben. Rajoy nuckelt an der Cohiba, bis er sich der Presse stellt. Einer wagt zu fragen, ob die Partei sich wegen Spaniens Kriegsbeteiligung mitschuldig fühle an den Toten vom 11.März. Rajoy antwortet nicht mal brüsk, dazu könne man „viele Analysen abgeben“.

Es ist die Woche danach. Bilanzen erscheinen: 64000 Helfer waren im Einsatz, 1750 Personen wurden behandelt, gestern starb Jacqueline Contreras, 22, Haushaltsgehilfin aus dem Dschungel von Peru, Opfer 202. Vier sind immer noch in „kritischem Zustand“. Zehn Verdächtige bleiben in Haft.

Ob Madrid eine traumatisierte Stadt sei? Doktor Ferre diagnostiziert: „Ja, ganz sicher, aber diese Folgen sehen wir erst später.“

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