Zeitung Heute : Wie Walter Schmidinger meinen Studenten eine private Vorstellung gab

Hellmuth Karasek erzählt jeden Sonntag von ei

Walter Schmidinger ist einer der wenigen Schauspieler, die man, ohne zu zögern, "begnadet" nennen darf, wobei man sich darüber klar sein muss, dass "begnadet" immer auch "verflucht" heißt und bedeutet: Gnade und Fluch sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Und so folgten Schmidingers Triumphen in den 70er Jahren immer auch schmerzliche Abstürze; große Kunst ist immer auch ein Pakt mit dem Teufel (der im Falle Schmidingers wie in so vielen Fällen auch mittels Alkohol abgezeichnet und geschlossen wurde). Und klar ist auch: Wer wie Schmidinger so empfindlich feinnervig in die Abgründe und Kluften der Psyche blicken kann, der muss nicht nur ohne Furcht sein, der droht auch von Zeit zu Zeit ins Bodenlose zu fallen.

"Auswendig seh ich einem lustigen Kerl gleich". Diese Selbstbeschreibung Nestroys ist mir bei dem Österreicher Schmidinger, bei dessen großen, lustigen, erschrockenen Kinderaugen hinter der dicken Brille immer wieder eingefallen: Der Schauspieler, der oft hilflos wirkte, wie der Welt ausgeliefert durch Verletzlichkeit und Schüchternheit (die ihm etwas Ungelenkes gab), überspielte das durch einen beißenden Witz und eine explosive Fröhlichkeit; er hatte die dünne Haut eines Rothaarigen.

Mitte der 70er hatte ich für ein Semester eine Gastprofessur in Göttingen und fuhr jeden Montagnachmittag (der Montag ist der ruhige "Spiegel"-Tag, ich war damals dort Kulturressortleiter) mit dem D-Zug von Hamburg nach Göttingen und spät am Abend wieder zurück. Zwischendurch hielt ich eine zweistündige Vorlesung. Das Thema: Das Volksstück von Nestroy und Raimund bis zur Gegenwart. Gegenwart, das hieß damals Ödön von Horvath und Marie Luise Fleißer und deren Enkel. Und die hießen Franz Xaver Kroetz, Martin Sperr, Rainer Werner Faßbinder. Diese kritischen, gesellschaftskritischen Volksstücke (vor allem Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern") waren damals als Gegenbewegung zum allgegenwärtigen, allmächtigen Brecht-Theater - Brecht hatte allerdings, etwa mit der "Kleinbürgerhochzeit", selbst so etwas wie ein Volksstück geschrieben - en vogue. In den Münchner Kammerspielen spielte Schmidinger in einem Einakter von Franz Xaver Kroetz einen debilen Mörder ("Heimarbeit"), ein Stück in der "Woyzeck"-Nachfolge. Es war einer der wichtigsten, schrittmachenden Skandale der 70er Jahre.

An einem Montag im Mai stieg ich also in den Zug und traf in einem Abteil Walter Schmidinger, der damals auch am Schauspielhaus Hamburg spielte. Wir kannten uns von den Premierefeiern, er kannte mich durch meine begeisterten Kritiken, die ich über ihn geschrieben hatte, schreiben musste - es ging gar nicht anders. Wie jeder Schauspieler mochte er einen Kritiker, der ihn vorbehaltlos lobte, aber wahrscheinlich mochten wir uns auch sonst, weil der eine (ich) Nestroy und Horvath liebte wie der andere (Schmidinger), der ihn im Unterschied zu mir auch noch verwirklichen und verlebendigen konnte.

Schmidinger fragte mich, wo ich denn hinführe und als ich ihm sagte, dass ich in Göttingen gerade vor Studenten über Nestroy und Raimund sprechen würde, sagte er (Schmidinger war eigentlich auf dem Weg nach München): "Da komme ich mit!" Und: "Wenn du willst, spiele ich den Studenten ein bisschen was vor!" Und wie ich wollte! Es mag sein, dass Schmidingers freundliche Spontaneität auch daher rührte, dass wir beide inzwischen im Speisewagen ein Glas Wein (Weiß) getrunken hatten.

Ich habe ihn dann voller Stolz meinen Studentinnen und Studenten vorgestellt, und er hat wunderbar erzählt und herrlich rezitiert und gespielt. Und falls die Studenten vorher noch nicht wussten, wen sie da eigentlich vor sich hatten (ich glaube, die wenigsten kannten seinen Namen) - nachher wussten sie bestimmt, was sie da erlebt hatten.

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