Zeitung Heute : Wie war ich eigentlich als Kind?

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Eine vage Vorahnung hat sich vor ein paar Wochen eingeschlichen. Noah machte sich an dem rachitischen Nachtschränkchen zu schaffen, das ich vor ein paar Jahren auf dem Trödel gekauft und noch immer nicht repariert habe (das Problem wird sich irgendwann von selbst lösen; das Schränkchen wird einfach zu Staub verfallen, noch aber biegt es sich tapfer unter der Last der Bücher, die ich mir seit Noahs Geburt vornehme zu lesen). Vor meinem geistigen Auge lief augenblicklich ein Katastrophenfilm ab: Noah wirft das Schränkchen um, die Bücher regnen auf ihn nieder, Michael Moores „Volle Deckung, Mr. Bush“ sticht ihm ein Auge aus, Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“ bohrt sich in sein Herz, ich fahre mit Noah ins Krankenhaus, wo sein Leben in letzter Sekunde gerettet wird, dann kämpfe ich in einem jahrelangen Prozessmarathon dafür, dass das Jugendamt mir mein Kind lässt…

Als ich aus meiner Schreckensstarre erwacht war, zerrte ich mein Kind vom Schränkchen weg. Da entfuhr Noahs kindlicher Kehle ein Laut, den ich noch nie zuvor gehört hatte, spitz wie der Degen von D’Artagnan, lang wie eine Debatte zur Steuerreform. Noahs Körper bog sich noch stärker als das Schränkchen, und ich hatte erkannt, dass mein kleines, süßes Baby inzwischen eine starke Persönlichkeit geworden war. War ich stärker?

Es gibt da diesen Werbespot, der nie im deutschen Fernsehen lief, den mir aber gleich mehrere kinderlose Freunde netterweise per E-Mail geschickt haben. Der Spot geht so: Ein Kind wirft sich im Supermarkt auf den Boden, es schreit, wird rot und immer röter, und auch die Mutter wird rot und immer röter, und irgendwann schreit auch sie. Am Ende kommt der Slogan, etwa in der Art: Wollen Sie Spaß? Daran hätten Sie vorher denken sollen. Werbung für Kondome.

Ich fürchte, ich war früher ein bisschen wie das Kind aus dem Werbespot, jedenfalls erzählen das meine Eltern, und wenn sie normal sind (woran ich als Kind natürlich meine Zweifel habe), dann neigen sie eher dazu, schlechte Erinnerungen auszublenden. Vermutlich war also alles noch viel schlimmer. Über mich sagen meine Eltern jedenfalls immer: „Die Tanja war total lieb.“ Nur hätte ich eben manchmal mit den Füßen gestampft und „Ich will aber!!!“ gebrüllt. Und leider habe man das Gebrüll einfach nicht abstellen können.

Als Noah dagegen protestierte, dass ich ihn vom Nachttischchen wegzog, durchzuckte mich ein Gedanke, der mir sogleich physische Schmerzen bereitete: Und was, wenn unsere Kinder uns einfach das heimzahlen, was wir früher unseren eigenen Eltern angetan haben? (Die wahre Bedeutung des biblischen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ schien mir damit zu tun zu haben; das Kindergebrüll, wenn die Zähne kommen, ist jedenfalls eine geeignete Waffe für einen Rachefeldzug. Was aber, fragte ich mich ängstlich, verbirgt sich hinter „Auge um Auge“? Der anklagende Blick des Pubertierenden?) Ich stellte mir vor, wie ich für alle Sünden meiner Kindheit büßen würde, für all die Wann-sind-wir-endlich-da-Quengeleien, all die bis ins Erdinnere bohrenden Warum-Fragen, die kleinen Schwindeleien und die großen Lügen, die geklauten Lippenstifte aus dem Badezimmerschrank meiner Mutter, die hysterischen Anfälle wegen ein paar Nacktschnecken im Feld…

So grausam kann das Leben nicht sein, oder? Lieber Gott, wenn es dich wirklich gibt, kannst du das nicht zulassen. Nein, wirklich, nein… Es gibt Momente, da möchte man die Uhr zurückstellen. So um 33 Jahre, etwa.

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