Zeitung Heute : Wie wir Roland Koch in der Luft zerrissen haben

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Das erste, was ich in diesem Jahr gemacht habe: Ich habe es den Politikern mal so richtig gezeigt. In Darmstadt.

Ich habe zum ersten Mal Silvester weit weg von meiner Familie gefeiert. Wir haben Spiele gemacht, gekocht, mit Hilfe eines Gummibärchen-Orakels die Zukunft gedeutet. Ich habe mit geschlossenen Augen aus einer Schüssel folgende Kombination gezogen: zwei weiße, ein orange farbenes, ein grünes und ein rotes. Die Deutung war ganz klar: Ich soll nicht so schnell über andere urteilen.

Wir haben Sekt getrunken und später auf dem Balkon drei Cape Canaveral Raketen gezündet. Das war aber so ziemlich das einzige Feuerwerk in Darmstadt. Die sind wohl eher sparsam.

Wir waren zu fünft. Zwei Mädchen und drei Jungs. Inklusive mir. Die drei Jungs sagten: „Jetzt muss noch was passieren!“ Wir rannten hinunter auf die Straße. Da stand auf einem Grünstreifen ein riesiges Schild mit dem Kopf des hessischen Ministerpräsidenten und dem Spruch: Auf ein gutes Neues! Da waren wir uns einig: „Das reißen wir jetzt ab!“

Um uns kurz zu beschreiben: Einer war groß und hatte einen braunen Lockenkopf, er redete hessisch, der zweite war klein und kurzhaarig und kam aus Berlin. Und der dritte, nun ja, ich hatte einen braunen Pullover an mit der Aufschrift: Go Sight Seeing!

Wir marschierten zum Ministerpräsidenten, zogen das Gestell aus dem Boden und legten es halb auf die Straße. Dann fingen wir an, Stück für Stück den Herrn Koch abzureißen. Bis nichts mehr übrig war von ihm. Dann stellten wir das Gestell wieder auf, sammelten die Papierfetzen zusammen, und steckten es als ordentliche Bürger in einem ordentlichen, sehr sauberen Land in den Papierkorb, der da stand. Der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer hat mal gesagt, er habe Angst vor Ländern wie Deutschland, vor sauberen Ländern überhaupt, denn irgendwo müsse Dreck ja hin. Und wenn der Dreck nicht sichtbar sei, werde er nur versteckt, sei aber trotzdem noch da.

Der Berliner sagte: „Jetzt haben wir es ihnen gezeigt!“ „Wem?“ fragte der Lockenkopf. „Allen. Den ganzen scheiß Politikern.“ Als der Lockenkopf etwas ungläubig dreinblickte, sagte ich: „Wenigstens haben wir etwas gemacht.“ „Toll,“ gibt er zurück. Wir liefen schweigsam nebeneinander her zum Haus zurück. Dann sagte der Berliner: „Ich bin jedenfalls gegen den Irak-Krieg.“ „Und?“ fragte ich. „Was hat der Irak-Krieg mit unserer Aktion zu tun?“ „Keine Ahnung.“ Ich kam mir ein bisschen bescheuert vor.

Dieses Ganze „Lass uns etwas machen!“ war in der Luft verschwunden. Ich sagte: „Wenn jetzt irgendwo ein Plakat vom Bush hinge, würde ich es abreißen und mit schwarzer Farbe auf die leere Wand schreiben: „Hören Sie auf mit dem Irak-Krieg, Herr Bush.“ Das würde wenigstens Sinn machen.

Aber es hing nirgends ein Plakat von Bush. Dann sind wir wieder in die Wohnung, lachten noch ein bisschen, warfen die Gummibärchen in die Luft und fingen sie gegenseitig mit dem Mund auf.

Wir tranken noch etwas. Später lagen wir zu fünft wie die Heringe in einem Bett. No Sex. Wir sind anständige Bürger in einem anständigen Land.

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