Zeitung Heute : Wie wurde Idi Amin zum Schlächter?

Vom „nice guy“ der Briten zum Monster, das seine Feinde an Krokodile verfütterte. Ein afrikanisches Trauerspiel – nur nicht für den Diktator selbst

Randolph Braumann

Als ich ihn 1969 kennen lernte, hatte er sein erstes Massaker schon hinter sich, aber für die Engländer war er immer noch ein „nice guy“. Ein netter Kerl. Mit meinem alten Freund Anthony Divall vom britischen Auslandsgeheimdienst MI6 war ich auf dem Weg in den Süden des Sudan, und Tony hatte es arrangiert, dass wir im Gästehaus seines Freundes übernachten konnten. Der Freund war Idi Amin, Oberbefehlshaber der ugandischen Armee, aber er war nicht da, um seine Gäste willkommen zu heißen.

Kurz vor Mitternacht, wir hatten schon das Licht gelöscht – ich war aus dem Kongo gekommen und wunderte mich, dass hier in Uganda sogar das elektrische Licht funktionierte – fuhr draußen ein Landrover vor. Und dann stand da ein riesiger Typ in Uniform und rief „Tony?“ Tony kroch unter dem Moskitonetz hervor, zu meiner Überraschung mit Krawatte. Die beiden begrüßten sich mit klatschenden Handschlägen auf afrikanische Art, und ich wurde mit dem Uniformierten bekannt gemacht. Schnell war klar, was Amins Auftauchen mitten in der Nacht bedeutete: reden und trinken und trinken und reden. Whisky, Whisky und noch eine Flasche Whisky.

Uganda, unabhängig seit 1962, war damals ein wirtschaftlich blühendes Land, das wegen einer komplizierten politischen Struktur allerdings nicht richtig funktionierte. Es gab eine stark dem Sozialismus zugeneigte Regierung unter Apollo Milton Obote vom Uganda People’s Congress. Staatsoberhaupt und Vertreter der britischen Krone war aber Mutesa II. Kabaka (König) von Buganda, einem der vier traditionellen Königreiche innerhalb der Republik Uganda.

In einem System, in dem Eliten, die an britischen Universitäten geprägt worden waren, die Hauptrollen spielten, war Idi Amin ein exotischer Außenseiter. Er wurde eher belächelt als gefürchtet. Sein Geburtsdatum ist unbekannt – die Angaben schwanken zwischen 1924, 1925, 1928. Auf jeden Fall gehörten seine Eltern zu dem kleinen Stammes der Kakwa. Die Kakwa siedeln zu beiden Seiten der ugandisch-sudanesischen Grenze. Auch Arua, wo wir ihn damals besuchten, liegt dort, es ist sein Geburtsort.

Idi Amin soll lediglich vier Schulklassen hinter sich gebracht haben, und dass, ohne Lesen und Schreiben gelernt zu lernen. Auch Englisch konnte er nie korrekt sprechen, obwohl die britischen Kolonialisten sein Leben entscheidend geprägt haben. Als Hilfskoch hatten sie ihn gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit nach Burma genommen. Der Junge war körperlich in Topform und immer sportlich aktiv, boxte und spielte Rugby. So kam es, dass er seinen Weg zu den „King’s African Rifles“ fand: Mit dem 4. Uganda-Bataillon wurde er von 1953 bis 1957 in Kenia zur Bekämpfung eines Aufstandes gegen die britische Kolonialregierung eingesetzt und schließlich zum Sergeant befördert.

Seine außergewöhnliche Militärkarriere bewahrte ihn davor, für die in Kenia begangenen Kriegsverbrechen später zur Rechenschaft gezogen zu werden – in seinem Distrikt waren extrem viele Zivilisten ermordet worden. Die Geschichte von Idi Amins Aufstieg ist eben auch eine Geschichte von der rücksichtslosen Interessenpolitik der Kolonialmächte: Einem afrikanischen Offizier kurz vor der Entlassung Ugandas in die Unabhängigkeit den Prozess zu machen, erschien nicht opportun.

Als erster schwarzer Soldat Ugandas erhielt Idi Amin 1961 das Offizierspatent – eine Parallele zu dem Diktator Mobutu, der ja der erste afrikanische Offizier im benachbarten belgischen Kongo war. 1963 wurde Idi Amin als Major zur weiteren militärischen Ausbildung nach Großbritannien abkommandiert. Aus jener Zeit stammten auch seine engen Beziehungen zum Geheimdienst MI6. 1966 vermittelte MI6 ihn zum Training nach Israel. Sein dort erworbenes Fallschirmjägerabzeichen trug er immer stolz an seiner Uniform. Die Tatsache, dass er Moslem war, spielte erst später eine Rolle.

Als wir uns damals in Arua trafen, war Idi Amin noch nicht lange Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Gerade hatte ihn Ugandas Premier Obote dazu ernannt. Obotes Auftrag, König Mutesa II. in Buganda abzusetzen, hatte er mit der ihm eigenen Brutalität erledigt. Die Straßen Kampalas, so erzählte Idi Amin selbst, seien „voll von Leichen“ gewesen. Journalisten wie Diplomaten gaben damals aber nicht Idi Amin, sondern dem geflohenen Staatsoberhaupt Mutesa II. die Schuld an den Massakern. Denn Mutesa hatte versucht, sein Königreich aus der Republik Uganda herauszulösen. Die westliche Welt hielt übrigens auch Obote für gefährlich. Denn der spielte, zusammen mit seinem Freund Julius Nyerere in Tansania, immer offener die sozialistische Karte. Idi Amin hingegen, der „nice guy“ der Briten, galt als verlässlich und manipulierbar. Als er sich 1971 an die Macht putschte, Obote war gerade außer Landes, berichtete der Londoner „Daily Telegraph“ von einer „großen Erleichterung“ bei den noch in Uganda lebenden Briten. Auch die „Times“ begrüßte den Putsch. Amin versprach denn auch, vor allem mit Großbritannien und Israel gute Beziehungen zu pflegen. Israel spendierte ihm für seine ersten Auslandsreisen als Präsident sogar ein Flugzeug, einen Jet Commander.

Dass sich dann alles ganz anders entwickelte als die westlichen Geheimdienste vorausgesagt hatten, war historisch gesehen so überraschend nicht: Auch dieser Diktator war eben nicht mehr bereit, sich beraten oder gar belehren zu lassen, als er über die absolute Macht verfügte.

Zunächst einmal schickte er, sicherlich ein Traum seit seiner African-Rifles-Zeit, die britischen Armee-Instrukteure nach Hause, was ihm prompt den Zorn der Londoner Medien eintrug. Dann warf er die israelischen Berater aus dem Land – was ihm wiederum finanzielle Unterstützung aus Libyen brachte. Dann ordnete er die Ausweisung der etwa 50000 in Uganda lebenden Asiaten mit britischem Pass an – was weltweite Empörung auslöste und auch Verwunderung, denn die Inder nahmen Schlüsselstellungen in der Wirtschaft Ugandas ein. Jahrzehntelang litt das Land unter dem Exodus. Schließlich enteignete Idi Amin auch noch die britischen Firmen – was zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen führte.

Währenddessen agitierte der ehemalige Staatschef Milton Obote vom tansanischen Exil aus unablässig gegen Idi Amin. Es gab Invasionsversuche und Attentate, ausgeführt von Obote-treuen Rebellen. Idi Amin fühlte sich ohne Unterlass bedroht, und wo er Rivalen vermutete, schlug er grausam zu: Politiker, Professoren, hohe Geistliche und auch Parteifunktionäre, die ihn kritisierten, wurden umgebracht. 300000 bis 400000 Landsleute sollen seiner Schreckensherrschaft zum Opfer gefallen sein. Seine Grausamkeit brachte ihm die Beinamen „Schlächter von Afrika“ und „Afrikas Hitler“ ein. Er soll seine Opfer sogar den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen haben.

Der Diktator ernannte sich zum Feldmarschall und zum Präsidenten auf Lebenszeit. Nachdem er sich zunächst über die Kritik der europäischen Medien geärgert hatte, begann er, mehr und mehr Gefallen daran zu finden, dass die weiße Welt sich über ihn erregte. Im Jahre 1975, zum ugandischen Nationalfeiertag ließ er sich von englischen Geschäftsleuten in einer Sänfte durch Kampala tragen. Einer der Engländer lief hinterher und hielt einen Sonnenschirm übers Haupt des Feldmarschalls. Amins prahlerisches Auftreten ließ viele an seiner geistigen Verfassung zweifeln, aber er fand in Afrika deswegen auch viele Bewunderer, weil seine Person für eine aggressive schwarz-nationale Führerschaft stand.

Ich war gerade in Uganda, als er sich von den Engländern herumtragen ließ, und fand die Symbolik zumindest erstaunlich: Wir sind groß geworden mit Expeditionsberichten aus Afrika, in denen von „einheimischen Trägern“ die Rede ist. Selbst Missionare – wie der sehr verehrte Dr. Livingstone – ließen sich durch Afrika schleppen, von kleinen Kolonialbeamten und ihren Damen ganz zu schweigen. Und mit größter Selbstverständlichkeit waren die Träger immer schwarz.

Idi Amin – 140 Kilo schwer – war der erste schwarzafrikanische Potentat, der die Sache umdrehte. Wobei zu beachten bleibt, dass die Engländer in Kampala die Show freiwillig mitmachten – im Gegensatz zu den Schwarzen früher.

Aber es ist klar, dass man diese kolonialen Regeln nicht ungestraft auf den Kopf stellt. Jetzt schlug das Imperium endgültig zurück, indem es Amins Gegner mit besseren Waffen ausstattete. Im Herbst 1978 konnte Idi Amin die soundsovielte Invasion aus Tansania abwehren. Aber als im Januar 1979 die Tansanier und Exil-Ugander erneut angriffen, brach sein Regime zusammen. Ende Mai fiel seine letzte Bastion – Arua mit dem Gästehaus. Seine Whiskyvorräte musste er zurücklassen. Einen Teil seiner Familie und seine Leibgarde rettete er über Kongo, wo ihm Mobutu half, nach Libyen. Aber lange blieb er nicht in Gaddafis Land. Es war dann ausgerechnet das whiskyfeindliche Saudi-Arabien, das dem Präsidenten auf Lebenszeit – der ja auch Glaubensbruder war – schließlich Asyl auf Lebenszeit gewährte. In Saudi-Arabien lebte Idi Amin bequem am Rande der Hafenstadt Dschidda – wenn auch nicht mehr ganz so luxuriös wie zuvor. Häufig soll er dort beim Shoppen und auch im Fitness-Studio gesehen worden sein. Und – von nun an wurde er gezwungen, seine Tage gesund – weil alkoholfrei – zu verbringen. Neben dem Schutz der Saudis, die ihn nie auslieferten, war das vielleicht der Grund, warum einer der grausamsten Diktatoren Afrikas seinen Sturz um ein Vierteljahrhundert überlebte. Niemals wurde er vor ein internationales Gericht gestellt, ein angenehmes Schicksal, das einige afrikanische Diktatoren mit Idi Amin teilen – nun möglicherweise auch Liberias ehemaliges Staatsoberhaupt Robert Taylor, der vor wenigen Tagen Exil in Nigeria fand.

Am Samstagmorgen ist Idi Amin nach langem Koma in einer Klinik in Dschidda gestorben. Mehrere Organe hätten versagt, berichten die Ärzte. Idi Amin ist fast 80 Jahre alt geworden.

Randolph „Randy“ Braumann arbeitete viele Jahre für den „Stern“ als Afrika-Reporter. In dieser Zeit traf er drei Mal mit Idi Amin zusammen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben