Zeitung Heute : Wieder mehr Kinder in Deutschland

Erstmals seit zehn Jahren steigt die Zahl der Geburten leicht / Elterngeld als Ursache?

Michael Schmidt
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Berlin - Erstmals seit zehn Jahren sind in Deutschland wieder mehr Kinder geboren worden. In den ersten neun Monaten des Jahres sei die Zahl der Lebendgeburten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nach vorläufigen Berechnungen um etwa ein Prozent gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag mit. Demnach kamen in Deutschland von Januar bis September 514 152 Mädchen und Jungen zur Welt. Das waren etwa 5000 mehr als in den ersten neun Monaten des Jahres 2006.

Das Bundesfamilienministerium begrüßte die Zahlen aus Wiesbaden. Ein Sprecher von Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte dem Tagesspiegel, man freue sich, „dass offensichtlich junge Familien wieder den Mut haben, mehr Kinder zu bekommen“. Die Hoffnung sei groß, „dass der Trend sich fortsetzt“.

Die Vorsitzende des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese (SPD), wertete die Zahlen als ein „Signal, dass unsere Familienpolitik anfängt, sich positiv auszuwirken“. Die SPD-Politikerin verwies vor allem auf die Einführung des Elterngeldes und mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten, sieht die Politik aber weiter in der Pflicht: „Wir müssen noch mehr tun“, sagte Griese dem Tagesspiegel.

Wie Dieter Emmerling vom Statistischen Bundesamt mitteilte, lässt sich auf Grundlage der jetzt veröffentlichten Zahlen eine Aussage für das gesamte Jahr noch nicht treffen. Juli, August und September seien „erfahrungsgemäß geburtenstarke Monate“. Von daher sei nicht auszuschließen, dass der sich jetzt abzeichnende Trend „von anderen Entwicklungen noch überlagert“ würde.

2006 waren knapp 673 000 Kinder geboren worden – gut 123 000 weniger als 1996. Laut Statistikamt gab es einen Anstieg der Geburtenzahlen zuletzt 1990, 1996 und 1997. Ein Vergleich mit den Septemberzahlen der vergangenen Jahre könnte aber darauf hinweisen, dass der Geburtenrückgang in Deutschland 2007 tatsächlich gebremst wird. In den Vorjahren lagen die Septemberzahlen stets im rückläufigen Trend des Gesamtjahres: bei 539 612 im Jahr 2004, 519 600 im Jahr 2005 und 509 165 im vergangenen Jahr. Sollte sich das Plus nach den ersten neun Monaten bis zum Jahresende 2007 halten, wäre der Trend stetig sinkender Geburtenzahlen nach mehr als einem Jahrzehnt tatsächlich erstmals durchbrochen. Und das, obwohl es derzeit rund 200 000 weniger Frauen im gebärfähigen Alter zwischen 15 und 45 Jahren als 2006 gibt.

Ob es allerdings tatsächlich das Elterngeld ist, das die neue Lust am Kinderkriegen fördert, ist unter Demografen umstritten. Der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg sagte dem Tagesspiegel, die Wirkung politischer Einzelmaßnahmen zur Geburtenförderung sei „oft gering und kaum von Dauer“. Häufig komme es allenfalls zu einem einmaligen Effekt, weil „ohnehin geplante Geburten vorgezogen“ würden. Eine Kultur geringer Kinderzahlen wie in Deutschland sei nur durch einen gesamtgesellschaftlichen Mentalitätswandel zu erreichen. Er führe den aktuellen Trend eher „auf die Euphorie im Zusammenhang mit der Fußball-WM 2006 im eigenen Land“ zurück.

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