Zeitung Heute : Wiedererweckt

BORIS KEHRMANN

"Mala Punica" aus Bologna eröffnet das Festival "Eros & Ecclesia"BORIS KEHRMANNMan kann die Worte der Messe auf eine der vielen gregorianischen Choralmelodien singen.Man kann ihnen aber auch weltliche Weisen unterlegen.Zehn solcher geistlichen Gesänge auf der Grundlage weltlicher "Cantilenae", mehrstimmige Sätze einer metrisch wie melodisch hochkomplizierten "ars subtilior", wie sie um 1400 in Norditalien blühte, hat der argentinische Flötist Pedro Memelsdorff aus verschiedenen Prachthandschriften zusammengetragen und in der Reihenfolge des Ordinariums zu einer "Missa Cantilena" angeordnet. Mit ihr eröffnete das international besetzte Vokal- und Instrumentalensemble "Mala Punica" aus Bologna das Mittelalter-Festival "Eros & Ecclesia" im Berliner Dom.Der Festival-Titel deckt im mittelalterlichen Kontext eine enorme Bandbreite ab.Vom erotischen Beigeschmack mystischer Heiligenverehrung bis zu den religiösen Formen weltlichen Minnediensten reicht das Spektrum.In der "Missa Cantilena" beschreibt er das Eindringen erotischer Kunstlieder und Gassenhauer in den Gottesdienst. Schwer zu sagen, wovon die überwältigende Faszination dieses Abends ausging.Das reich differenzierte System der Kirchentonarten statt der auf den Gegensatz von Dur und Moll reduzierten modernen Harmonik verleiht den Melodien ihr eigentümlich verfremdetes, aber nicht völlig fremdes Gepräge.Die spätmittelalterliche Stimmung, die "Mala Punica" nach dem pythagoräischen Prinzip praktiziert, läßt Harmonien noch voller und wärmer, Dissonanzen schräger und schriller als gewohnt klingen.Zudem bereichert sie das Repertoire der verfügbaren Töne um eine Welt kleinster Nuancen, Zwischenfarben und Schattierungen.In großen und kleineren Bögen türmen sich die filigranen Stimmen der Vokalisten übereinander, drängen sich möglichst viele kleine Noten zwischen zwei Melodietöne zusammen, schwingen sich Melismen in kleinsten Intervallschritten schwebend wie Strebepfeiler gotischer Kathdralen in die Höhe.In besonders reichen Sätzen mischen kopfgroße Glocke, die pythagoräisch gestimmt in zwei Reihen an einem Stahlgestell hängen und mit zwei Hämmern angeschlagen werden, die Choralmelodie in den immer wilder und vielschichtiger werdenden Taumel.Meist werden die Stimmen vom diskreten, näselnden Klang der Fiedeln oder von der gedämpften Sonorität der Truhenorgel gestützt.Die auf dem linken Oberschenkel ruhende und mit der rechten Hand gespielte kleine Handorgel und Blockflöten mischen elegische, die klare Mittelalter-Harfe spitzere Farben bei. Grandios sind die Leistungen der acht Sängerinnen und Sänger, die sich solistisch oder chorisch, im Einzel- oder im in einander übergreifenden Wechselgesang mit traumwandlerischer Sicherheit durch diese harmonisch wie metrisch-rhythmisch überdifferenzierten Figuren bewegen.Sie verstehen es, durch pointierte Artikulation und Affektgestaltung jenen Geist anzudeuten, der sich mit den Melodien der Gassenhauer und Kunstlieder in die "Glorias" und "Credos" einschlich.Nur die ungünstige Akustik des Berliner Doms tat der Klarheit und Unmittelbarkeit der Ansprache Abbruch, eine Einschränkung, die sich erledigte, sobald sich die Sängerinnen und Sänger aus dem Altarraum in die Vierung begaben und die Raumwirkung der Musik mit zur Geltung kommen ließen.Bis zum kommenden Sonntag besteht Gelegenheit, noch sehr unterschiedliche Repertoires und Interpretationsweisen mittelalterlicher Musik beim Festival "Eros & Ecclesia" zu hören.Das Ensemble "Mala Punica" aber hat einen der am gründlichsten vergessenen Bereiche völlig unerwartet zu überwältigendem neuem Leben erweckt.

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