Zeitung Heute : Wiedergutmachung für eine kaputte Kindheit

Der Tagesspiegel

Von Sandra Dassler

Bernau. Nur seiner Mutter zuliebe ist er Richter geworden. Und nun gerät Andreas Müller immer wieder in die Schlagzeilen. Weil er beispielsweise rechte Schläger und NPD-Funktionäre im Amtsgericht Bernau die Springerstiefel ausziehen und in Socken aussagen lässt. Auch weil er sie hart und oft ohne Bewährung bestraft. Manche nannten ihn deshalb einen „Richter Gnadenlos“.

Dass er vor vier Wochen das Bundesverfassungsgericht anrief, weil er das geltende Betäubungsmittelgesetz für grundgesetzwidrig hält, bestätigte seinen Ruf als „roter Schill“. Dass er jetzt für die PDS in den Bundestagswahlkampf ziehen will, erst recht.

Über den „Richter Gnadenlos“ hat er sich furchtbar aufgeregt. „Niemand darf gnadenlos sein“, sagt Müller, der als Kind vor allem von katholischen Padres geprägt wurde: „Gnade zu erweisen gehört zu den wichtigsten Eigenschaften eines Menschen und eines Richters sowieso.“ Außerdem könne er sehr wohl verstehen, was in einer Mutter vorgehe, deren Sohn er gerade zu einer Gefängnisstrafe verurteilt hat – schon der eigenen Biografie wegen.

Die Biografie des Andreas Müller begann 1961 im Emsland. Er war das Nesthäkchen einer Bäcker-Familie in Meppen und als solches bekam er von den Ausfällen seines alkoholkranken Vater am wenigsten mit. Für seinen älteren Bruder muss es schwieriger gewesen sein – kurz vor dem Tod des Vaters schmiss der als 16-Jähriger das Gymnasium und tauchte in der Hippie-Szene unter. Der damals elfjährige Andreas vermisste den Vater und tröstete die Mutter, indem er brav zur Schule ging, brav lernte und brav auf den Gitarrenkurs verzichtete, weil das Geld dafür einfach nicht da war. Nur brav zu lügen fiel dem Jungen schwer. Der Bruder war nämlich inzwischen wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verhaftet worden. „Das Schlimmste war, dass ich den Nachbarn sagen musste, er sei sonstwo, nur damit nicht herauskam, dass er im Knast war.“

So hielt der Junge seine Abenteuerlust und seinen Tatendrang als Schülerzeitungsredakteur und Brokdorf-Gegner im Zaum. „Ich war das weiße Schaf in der Familie“, erzählt er. Er wollte es sein. Später legte er ein gutes Abitur ab und schwankte dann zwischen Publizistik-Studium in Mainz oder München und Jura in Berlin. Er entschied sich für die Spree, zog – natürlich – nach Kreuzberg, das in den vergangenen zwanzig Jahren seine große Liebe blieb. Wenn er heute bei einer Verhandlung glaubt, dass bei einem Rechtsradikalen noch nicht Hopfen und Malz verloren ist, schickt er ihn als Bewährungsauflage auf ein Kreuzberg-Tagesprogramm, was keineswegs nur Döner-Essen beinhaltet und manchem jungen Deutschen zu mehr Verständnis für fremde Kulturen verholfen hat.

Andreas Müller studierte Jura, jobbte nebenbei, heiratete, bekam zwei Töchter. Für Politik blieb da keine Zeit. Seit 1990 arbeitete er als Referendar beim Kammergericht Berlin. Im April 1993 erkrankte seine Mutter an Krebs und Andreas Müller schwankte: „Einerseits hätte ich meine Mutter gern gepflegt, andererseits wusste ich, dass sie irgendwie einen fertigen Juristen braucht.“ Also zog er die letzten Klausuren im Eiltempo durch und schaffte es, dass seine Mutter, die sich noch einmal von ihrer Krankheit erholte, den Nachbarn verkünden konnte: „Wir haben jetzt einen Richter in der Familie.“ Das war sie – die Wiedergutmachung für Vater und Bruder.

Dass er dann ausgerechnet Jugendrichter wurde, war folgerichtig. Müller kennt die Gefahr, wenn ein junger Mensch wie damals sein Bruder, der heute heroinabhängig ist, zu früh weggesperrt wird: „Damit macht man ihn kaputt. Aber wenn er zu spät weggesperrt wird, schafft man vielleicht Opfer.“

Politisch ungeschickt ist dieser Mann nicht – die Anrufung des Bundesverfassungsgerichts vor vier Wochen, kurz bevor er seine Kandidatur für die PDS verkündete, hat ihn deutschlandweit bekannt gemacht. Momentan hastet er von einem Termin zum anderen: Radio, Fernsehen, Zeitungen. Mit Medien geht er gelassen um, so lange sie ihm nicht unterstellen, er sei populistisch oder zu naiv, um nicht zu wissen, wie Gesetze im Bundestag zustande kommen.

„Zur Zeit laufe ich auf Hochtouren“, sagt er. Aber das ist eine maßlose Untertreibung. Andreas Müller muss seine normalen Verfahren als Richter durchziehen, die Begründung für die Anrufung des Bundesverfassungsgerichts schreiben, was ihn „unendlich viel Zeit“ kostet, und zwischendurch Freund’ und Feind’ erklären, was das mit der PDS soll. Unberührt liegen zwei kleine Hanteln in seinem Büro im Amtsgericht Bernau. „Die habe ich besorgt, als ich mir vor Jahren mal das Rauchen abgewöhnen wollte.“

Inzwischen ist Andreas Müller wieder Kettenraucher. Kaum hat er eine Zigarette ausgedrückt, beginnen seine Finger, die nächste Kippe zu drehen. „Ich rauche Tabak nicht etwa, weil es schick, sondern weil es billiger ist“, rechtfertigt er sich. Während des Gesprächs nimmt er mehrfach Anrufe entgegen, dabei schickt er den Interviewer jedes Mal vor die Tür. Ein Telefonat scheint besonders unangenehm gewesen zu sein – in den Minuten danach ist Müller völlig von der Rolle. Nein, wehrt er genervt eine Frage ab, es war nicht das Justizministerium. Der Justizminister sei schließlich nicht sein Vorgesetzter und außerdem habe auch ein Richter das Recht, sich politisch zu betätigen.

Auf dem Weg zur Einweihung eines Jugendrechtshauses in Bernau verfährt er sich. Muss an jeder Kreuzung neu überlegen. Und vertilgt hinter dem Steuer in rasender Geschwindigkeit ein Dutzend Ferrero-Küsschen als Ersatz für die Zigaretten und „weil ich heute noch keine Zeit zum Essen hatte“. Das holt er dann bei der Einweihungsfeier nach – Small-Talks mit Jugendsozialarbeitern, Bewährungshelfern und Streetworkern. Die wünschen ihm zwar einerseits, dass er in den Bundestag gewählt wird, andererseits wären sie traurig, wenn er wegginge. Andreas Müller habe in Bernau viel bewegt, erzählen sie. Nicht nur mit den harten Strafen. Seine permanenten Besuche in Schulen, wo er mit den Mädchen und Jungen über Ausländerfeindlichkeit und die Nazizeit diskutiert, hätten Wirkungen erzielt, die größer seien als der statistisch nachweisbare Rückgang rechtere Straftaten in der Region.

Andreas Müller liebt seine Arbeit, hat aber manches an der eigenen Branche auszusetzen: „Wir beschäftigen uns in aufwändigen Verfahren mit erwachsenen Menschen, die drei Gramm Haschisch bei sich tragen oder mit Jugendlichen, die ohne Fahrerlaubnis Moped fahren. Zugleich müssen vergewaltigte Frauen neun, zwölf oder gar achtzehn Monate auf einen Prozess warten. In dieser Zeit läuft der Täter meist frei herum.“

Müller möchte besseren Opferschutz, eine Entschlackung der Justiz und mehr beschleunigte Verfahren. Weil das nicht ohne Legislative geht, will er in den Bundestag. Also doch „roter Schill“? Schulternzucken. „Ich empfinde es als Beleidigung, mit Herrn Schill verglichen werden“, sagt Müller. Was die PDS angeht, bleibt der Mann besonders wortkarg: „Ich meine, dass die PDS das Potential hat, sich zu einer normalen europäischen linken Volkspartei zu entwickeln“. Schluss.

Die gestrige PDS-interne Wahl sah Andreas Müller gelassen. Ich weiss selbst nicht, ob es gut für mich ist, in die Politik zu gehen“, schätzt er ein. Und zitiert – wen sonst? – seine Mutter. „Du mot nich immer dat Entken Vörmeier sin“, hat sie früher immer zu ihm gesagt. „Entken Vörmeier“ könnte man im Hochdeutschen mit „Entchen Vornewegmeier“ übersetzen. „Aber es muss Leute geben, die vorpreschen“, sagt Müller. „Und wenn man es nicht versucht, wird man nie wissen, welche Chancen man gehabt hätte.“

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