Zeitung Heute : Wiederkehr einer Reise

Aufbrüche Teil V: 1938 flohen tausende jüdische Kinder nach England – allein. Die Fahrten endeten nie

Mona Koerte

Meine Familie hasst Bahnhöfe. Entweder behandeln wir die Aufbrechenden unter uns betont nachlässig und meinen, der Weg zum Bahnhof kann doch wohl so schwer nicht sein, oder wir begleiten sie wie hohe Tiere im Tross. Unsere Abschiede fallen also übertrieben groß oder eben gar nicht aus. Keine Normalität liegt auf der Strecke zwischen uns und dem Bahnhof. Wir schützen uns vor dem Ort, der so vieles geschehen ließ und zwischen den freiwilligen, den ungewollten und den erzwungenen Aufbrüchen keinen Unterschied macht.

Mutters Aufbruch ist der Grund dafür. Er ist lange her. Es war ein erzwungener.

Die Mutter weiß nichts über ihre frühe Biografie. Bei ihrer Vertreibung war sie mit vier Jahren zu jung, um ein Bild ihrer Herkunft in sich aufzunehmen; Zeugen gab es bereits 1942 keine mehr. Ihren wirklichen Namen, jenen, den sie trug, bevor sie weggehen musste, hat sie erst spät erfahren. Ich habe ihn für sie in den Akten gefunden. „Ich will ihn nicht“, sagt die Mutter.

Manchmal hat sie sich vorgenommen, der unaushaltbaren Unruhe nachzugehen, die an Haltestellen und Bahnhöfen, aber auch bei geschlossenem Fenster über sie herrscht. Ein echtes Interesse am Nachforschen hat sie jedoch nicht, zu widersprüchlich sind die Informationen, die immer nur auf den Anfang verweisen: auf das Kind jüdischer Eltern aus Belgien, die die Kraft besaßen, sich von ihrem Mädchen zu trennen, es wegzugeben, um ihm ein Weiterleben zu ermöglichen.

In den Jahren 1938 und 1939, auf den Bahnhöfen von Prag, Wien, Berlin, Frankfurt am Main und München haben sich die Hände von Eltern und Kindern an Koffergriffen ein letztes Mal berührt. Die sogenannten Kindertransporte, die Rettung von 10 000 jüdischen und nichtjüdischen Kindern aus Nazi-Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach England. Nachdem die britische Regierung sich Ende 1938 bereit erklärt hatte, Sammelvisa an Kinder auszustellen, wurde im Verein mit den jüdischen Gemeinden die beispiellos schnelle Ausreise organisiert. Am 1. Dezember 1938 verließ der erste Transport Berlin, bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs folgten weitere. Die Kinder sind der drohenden Ermordung im letzten Moment davongefahren.

Das wenige, was die Mutter weiß, tut weh: Obwohl man aus der Aktenlage auch andere Schlüsse ziehen kann, besteht sie darauf, dass es ihre Mutter und nicht eine Tante oder eine andere, heute nicht mehr bekannte Person war, die sie in Bahnhofsnähe verabschiedet hat. Auf die Frage, ob sie ein Bild ihrer Mutter, meiner Großmutter, im Kopf oder je zur Hand hatte, antwortet sie tonlos: „Ich erinnere mich an eine große, dicke Frau. Aber dieses Bild ist falsch.“ Und: „Ich bin keine gute Erinnerin“, sagt sie, zu viele Lücken – überall.

Die Mutter meiner Mutter war zu dem Zeitpunkt vermutlich nicht mehr da, sie war untergetaucht. Zumindest wird das so von der einzigen Überlebenden aus der Verwandtschaft von Mutters Vater kolportiert, die sich auf ein – verlorenes – Dokument beruft. Im Juli 1942 wird sie, und nur das gibt es schwarz auf weiß, nach Auschwitz deportiert.

Die Mutter mag nur Gepäckstücke, die keine Ähnlichkeit mit einem Koffer haben, Rucksäckchen und korbartige Gebilde, die an Picknick oder andere kurze Abwesenheiten erinnern. Abgenutzt müssen sie sein und dürfen nicht nach Schuhen riechen, auch „Reise“ darf man nicht sagen, „Ausflug“ ist besser. Hastig und von allen unbemerkt hat sie immer schon ihren Teil gepackt. Nie muss man auf sie warten.

Mit eiserner Hand umklammert sie Riemen oder Griff, und jeder Versuch, ihr das Tragen abzunehmen, endet in erbittertem Gerangel, das uns verdächtig macht. Sie gibt ihr Gewicht nicht aus der Hand, da können wir noch so sehr an ihm ziehen.

Wie mag es damals gewesen sein, bei ihr und den 10 000 anderen? Aus späteren Erzählungen einzelner von ihnen weiß man, dass etliche Koffer viele Male ein- und wieder ausgepackt worden sind, bevor es endgültig in Richtung Bahnhof ging. Neben einem Handgepäckstück und zehn Reichsmark war nur ein Koffer erlaubt, und manchmal wussten nicht einmal die Eltern, dass sein Inhalt aus letzten Dingen bestehen würde. Was braucht das Kind im Moment, was wird es brauchen, wenn es größer wird?

Manchen der zwischen 4- und 16-jährigen Kinder kommt ihr Gepäck schon irgendwo zwischen Deutschland und England abhanden, und sie erreichen das Land, das sie vor der Deportation bewahrt, mit leeren Händen.

Eva Gladdish, heute eine alte Frau, ist eines der einstigen Kinder, die sich erst spät und über den Umweg der Dinge an ihre Erlebnisse erinnern. Sie erzählt von eben dem Verlust ihrer Andenken bereits im Zug, erste Schuldgefühle entstehen, zu denen sich später noch andere – etwa Freude bei der Abfahrt empfunden zu haben – kommen werden. Sie lässt das Silberarmband der Mutter, aus den Tagen der russischen Kriegsgefangenschaft des Vaters stammend, die Taschenuhr der Großmutter und ein Etui im Zug liegen. „Es war, als ob ich die letzten greifbaren Überreste meiner Eltern und meines Zuhauses verloren hätte“, fasst Eva Gladdish im Rückblick zusammen.

In welchem Alter beginnt man, seine Koffer selbst zu packen? Als Kind jedenfalls packt ihn die Mutter, und wenn man ihn an seinem Bestimmungsort öffnet, finden sich mitunter nicht nachvollziehbare oder gar absurde Dinge darin. Ich sehe die Kinder ihre Koffer leeren, hier liegen Gebrauchssachen neben Dingen mit Erinnerungswert, liegt Beständiges neben Vergänglichem, Peinliches neben Überflüssigem: ein aufs Ordentlichste zusammengelegtes Handtuch, das derart gefaltet die Handgriffe der Mutter einfängt, zu viele Uhren, die genealogisch an den Vater, den Großvater und den Urgroßvater erinnern; ein Spielzeug; ein Talisman; ein Buch, das nicht wieder aufgeschlagen wird, weil es untrennbar an die Vorlesestimme gebunden bleibt; aber auch Kleider: Dirndl und Hosenträger, die in der Fremde Gelächter erzeugen; oder – eine Wurst, ja eine Wurst.

Die 1929 geborene Lore Segal, ursprünglich Lore Groszmann aus Wien, erzählt in ihrer Biografie „Others people’s houses“ von den letzten Stunden vor ihrer Abfahrt. Ihre Trauer über die bevorstehende Trennung in Aktionismus verwandelnd versucht die Mutter zunächst vergeblich, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen. Eigentlich wunschlos fällt dem Kind in seiner Verlegenheit nur eine Knackwurst ein, die von der Mutter augenblicklich besorgt und schließlich in den Rucksack gepackt wird. Der Wurst wegen ist die Mutter in den letzten Minuten aus dem Haus gegangen; kaum ist die erzwungene Trennung vollzogen, gewinnt die Wurst, weil an ihr so viel Unausgesprochenes hängt, als ein sehr vergängliches Pfand und wenig haltbarer Ersatz der abwesenden Eltern an Bedeutung.

Die Knackwurst beschäftigt das Mädchen tagelang, auf der Reise, bei der Ankunft, und schließlich als erwachsene Frau. Sie will sie aufheben; im Auffanglager Dovercourt bei Harwich angekommen, versteckt sie die bereits angegammelte Wurst unter ihrem Bett – sucht, um nicht aufzufallen, mit den anderen nach dem Grund des fürchterlichen Gestanks, versucht die Wurst in einem unbeobachteten Augenblick zu „begraben“ und muss sie schließlich vor den Augen anderer in den Mülleimer werfen.

In Dovercourt und anderen Camps warteten die Kinder mit Schildern um den Hals auf ihr neues Leben und wurden von dort auf Gastfamilien, Heime und Klöster verteilt. Zunächst durften sich die englischen Familien die Kinder selbst aussuchen, bis man die Unwürdigkeit einer solchen Auslese erkannte.

Die an sich glückliche Rettung hatte schwierige und paradoxe Auswirkungen auf die Kinder: Die neuen Eltern verdrängen allmählich das Bild der alten, das Leben in den Gastfamilien ist schwierig, auch wenn sie ihrem Pflegekind die Anpassung zu erleichtern hoffen – mitunter durch die stille Beseitigung des Mitgebrachten oder durch den oft unmöglichen Versuch, eine Kontinuität herzustellen, beispielsweise über die Pflege jüdischer Traditionen. Es sind keine Erfolgsgeschichten gelungener Aufbrüche oder Neuanfänge, vielmehr steht die Zeit erst einmal still.

„Ich packe meinen Koffer“ ist ein Kinderspiel für drei oder mehr Spieler ab fünf Jahren. Das Spiel besteht darin, vom „Einpacken eines Koffers“ zu berichten und Dinge zu nennen, die bereits eingepackt wurden. Ein Zeitvertreib, der Kindern und Erwachsenen empfohlen wird, um deren graue Zellen auf Trab zu bringen.

Meine Mutter kann sich bis heute an keinen Koffer erinnern. Für sie gibt es kein Ding aus einem Koffer, dessen Lebensdauer sie beeinflussen oder es vielleicht einem Museum schenken könnte. Von ihrem weiteren Leben in Amerika, Kanada und Deutschland hat sie nichts aufgehoben, obwohl sie das gekonnt hätte.

Und wir? Wir werden wohl weiterhin die Bahnhöfe meiden oder stürmen. In unseren verweigerten Abschiedsgesten bleiben wir der Erinnerung an die eine ganz große und unfreiwillige Reise treu.

In der Serie über Menschen im Aufbruch lesen Sie in der nächsten Folge von jenem Umzug, der für viele der letzte im Leben ist: der ins Altersheim.

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