Wien : Krieg der Kutscher

Fett auf die Räder, Peitsche aufs Maul, selbst die Messer sitzen schon mal locker unter Wiens Fiakerfahrern. Innenansichten aus einem kriselnden Traditionsgewerbe.

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Fiakerfahrer in Wien.
Fiakerfahrer in Wien.Foto: picture-alliance/ dpa

Bald wird wieder was passieren. Wenn es Frühling wird in Wien und die Fiaker durch die Stadt klappern, Kutschen mit weißen Pferden, darin Touristen oder Bräute, die für einen Tag Sissi sein wollen. Dann werden sie einem Kutscher die Zügel durchschneiden, dem Freddy, dem Nockerl, dem Kopfscheuen oder wie sie alle heißen. Vielleicht werden Messer im Spiel sein, so wie damals beim Harry und beim Hansl. Hansl wurde zwar freigesprochen, weil er zum Richter gesagt hat, dass das Messer für eine „harmlose Jause“ war. Aber Harry hat es genau gehört: „I stich di in Hals“, hat der Hansl gesagt.

Wenn im Prater die Bäume blühen, dann wird wieder was passieren. Weil in den vergangenen Jahren immer etwas passiert ist zwischen den Fiakerfahrern. Fettcreme haben sie einander auf die Wagenräder geschmiert, sie haben sich eins mit der Peitsche aufs Maul gegeben oder sich bei der Polizei verpfiffen. Und niemand wird in der Hitze des Gefechts daran denken, dass die Fiaker eine Institution sind. Ein Wiener Wahrzeichen. Wie die Sängerknaben oder die Lipizzaner.

Da stehen sie, am Stephansplatz, beim Burgtheater, am Graben. Die „Landauer“ und die Viktoria-Kutschen, auch „Wiener Wagel“ genannt, manche haben noch den Doppeladler an den Türen. Die Pferde mit den bunten Decken auf dem Rücken und einem Sack hinten dran – der „Pooh Bag“, der seit 2004 Pflicht ist, man braucht dafür einen Kotauffangvorrichtungsgenehmigungsbescheid, Vorschrift ist Vorschrift. Die Wiener sind genervt vom Geruch und vom Mist, viele würden die Fiaker am liebsten loswerden. Wie in Berlin, wo Tierschützer die Pferdekutschen seit Jahren auf dem Kieker haben. Oder in Rom, wo man nun auch die letzten 50 Gefährte abschaffen will.

Jetzt kann man natürlich fragen: Fiaker, wen interessiert das. Pass’ auf, wie der Ich-Erzähler aus einem Wolf-Haas-Roman sagen würde. Die Fiaker sind für Wien mehr als Kutschen mit Touristen, die für 65 Euro einmal die Ringstraße umrunden. Der Wiener Bürgermeister hat gesagt: „Der Fiaker ist ein Teil von mir.“ Die Art, wie sich Bürgermeister darstellen, erzählt ja viel über eine Stadt – ob sie die Feierhauptstadt sein will wie Berlin mit seinem Regierenden Partymeister oder satt und gemütlich wie Wien, mit einem schnauzbärtigen Dicken an der Spitze. Der heißt Michael Häupl und ist so lange im Amt, dass eine ganze Generation von Wienern keinen anderen Bürgermeister erlebt hat. Und am liebsten inszeniert er sich als Fiaker.

Wobei ein Fiaker zweierlei sein kann. Die Kutsche, meistens aus der Zeit der Monarchie und immer schön geputzt, neuer Glanz und altes Gloria. Oder der Mann auf dem Kutschbock, mit dem Melonenhut und dem Wiener Schmäh. Einmal „Gnä’ Frau“ sagen, und die Damen schmelzen dahin, sagen sie bei den Fiakern. Kein Wunder, dass Begriffe wie Trinkgeld und Schmiergeld aus dem Gewerbe kommen. Trinkgeld gab man den Kutschern, wenn sie auf den anstrengenden Fahrten über Stock und Stein einst Durst bekamen. Schmiergeld war fällig, damit die Wagenräder ordentlich gefettet werden. Natürlich nicht so, dass der Fiaker von der Konkurrenz auf dem Pflaster wegrutscht, wie es in Wien immer wieder passiert. Sondern so, dass alles gut läuft wie vor 300 Jahren. Als die Fiaker aufkamen, benannt nach der Pariser Rue de Saint Fiacre, wo die ersten Pferdelohnkutschen standen. Wie auch immer: Der Wiener Bürgermeister will einer sein, der mit Schmäh, Charme und Melone die alte Pracht in moderne Zeiten bringt. Der oberste Fiakerfahrer gewissermaßen.

Johann Trampusch findet das nicht lustig. Trampusch ist Kutscher in der dritten Generation. Der Großvater hat Lasten ausgefahren, der Vater Bier. Johann Trampusch arbeitet seit 32 Jahren als Fiaker, schon als kleines Kind hat er die Pferde gestriegelt, das Leder gepflegt und der Mama beim Putzen der Kutsche geholfen. Trampusch sagt „Mamá“, mit Betonung auf der zweiten Silbe, wie die Wiener in den feinen Bezirken. Weil die Fiaker eben auch fein sein können, allen bösen Geschichten zum Trotz.

Trampusch steht in Gummistiefeln in einem alten Gewerbehof, Sitz seiner Firma „Alt-Wiener Fiaker Johann Trampusch“. Es stinkt nach verbranntem Horn, der Hufschmied erneuert die Hufeisen. Auf einer Koppel stehen die Pferde, die nicht unterwegs sind. Der Nero, der Aaron, der Schani, der Sascha, der Rubin. 18 Pferde hat er, Trampusch spricht jeden Namen zärtlich aus wie den einer Geliebten. Er erzählt von der Ilona, die 24 Jahre im Einsatz war. Von den beiden Pferden, die er seinem Onkel abgeluchst hat. Eigentlich wollte er nur auf ein Bier, aber dann hat er die Tiere gesehen, „es war Liebe auf den ersten Blick“.

Trampusch ist groß und muskulös, ein Kraftlackel, wie man in Wien sagt. Trampusch liebt es, mit seiner Melone auf dem Kutschbock zu sitzen und den Leuten „Wien von seiner schönsten Seite zu zeigen“. Die Ringstraße, Oper, Burgtheater, Rathaus. Immer mit einem Schmäh dazu, Stichwort Trinkgeld. Wenn Trampusch am Parlament vorbeiklappert, zeigt er auf die rot-weiß-roten Fahnen, Zeichen, dass das Parlament tagt: „Wenn die Fetzen heraußen sind, sind die Lumpen drinnen.“ Am schönsten findet es Trampusch aber, durch die stillen Gassen der Innenstadt zu fahren. Herrengasse, Habsburgergasse, „da fühlt man sich wie zu Kaisers Zeiten“. Manche Fiaker haben sich sogar einen Backenbart wachsen lassen wie der Kaiser Franz-Joseph. Das war der Mann von der Sissi.

Das war es aber mit dem schönen Schein. Früher, da gab es gerade 15 Familien, die von März bis Oktober Fiaker fuhren. Die Brautpaare zur Kirche brachten und Jugendliche nach der Firmung in den Prater, was in Wien früher zum Sakrament gehörte wie der Heilige Geist. Mitte der 90er Jahre wurde das Gewerbe freigegeben. Jeder, der ein paar ausrangierte Rennpferde auftrieb, konnte nun durch die Innenstadt kutschieren. Wohin man schaute, „Drei-Tagler“, wie die Fiaker die Neuen schimpfen, die erst ein paar Tage auf dem Bock sitzen. Trampusch sah ehemalige Jockeys, Studenten mit Rastalocken und Frauen. Frauen! Zu einer Zeit, als Frauen noch nicht einmal bei den Wiener Philharmonikern mitspielen durften. Trampusch sieht aus, als könne er es noch immer nicht fassen. Ihm ist jetzt manchmal so komisch ums Herz, oft denkt er ans Aufhören. „Das ist nichts Gemütliches mehr.“

Hinter seinem Gewerbehof ragen die Gasometer in die Höhe. Vier Backsteinzylinder, die Architekten wie Jean Nouvel oder „Coop Himmelb(l)au“ mit luftigen Anbauten aus Glas versehen haben. Ein geschäftiges Zentrum aus Büros, Läden und Wohnungen entstand, schnell, laut, futuristisch, die Gasometercity. Johann Trampusch hat sich davor fotografieren lassen. Mit schwarzer Kutsche und weißen Pferden, fesch. Alt-Wien trifft moderne Weltstadt, es könnte so schön sein. Wenn nicht ständig was passieren würde.

Irgendwann waren 120 Gespanne unterwegs. Die Fiaker haben dann nicht nur geflucht wie Droschkenkutscher, sie gingen auch aufeinander los. Die Alten ließen so viele Kutschen wie möglich ausfahren, damit die Jungen keine Kunden kriegen. Die Jungen zeigten die Firmen der Alten bei der Krankenkasse an oder hetzten ihnen die Polizei auf den Leib – was gar nicht geht, Fiakerehrenkodex. Noch mehr Brösel, wie eins der vielen Wiener Worte für Konflikte lautet. Blutwies’n heißt ein anderes, das passt auch ins Bild.

Irgendwann war es den Behörden zu bunt. Platzkarten wurden eingeführt. Besser wurde es nicht. Die 57 Plätze werden teilweise verlost, es bewerben sich 41 Firmen mit 200 zugelassenen Fiakern. Unternehmer wie Trampusch wissen also nie, ob und wie viele Fiaker sie hinausschicken können, wenn es Frühling wird in Wien. Zudem gehen die Umsätze zurück, an einem Tag hat ein Fiaker vielleicht drei, vier Fuhren. „Früher war das ein Konkurrenzkampf, jetzt ist es ein Existenzkampf“, sagt Trampusch.

Martina Michelfeit hat dabei einiges abgekriegt. Sie ist unter den Fiakern in jeder Hinsicht besonders. Weiblich und nicht aus einer Fiakerfamilie. Michelfeit hat Soziologie studiert. Pferde haben sie immer fasziniert, aber sie wollte in keinen Reitstall, zu viele Reiche, zu viele Schickimickitussis. Mit 18 kaufte sie sich ein Pferd, „die Fanny“. „Ich hatte keine Wohnung, aber ein Pferd.“ Das Studium hat sie sich mit Fiakerfahren finanziert. Eine Frau und eine Großkopferte dazu – mehr hat Michelfeit nicht gebraucht. Sie wurde beschimpft, es gab „schwache Tätlichkeiten“, Rempler, Peitschenhiebe. „Aber das sitze ich aus und warte, bis die Leichen in der Donau an mir vorbeischwimmen.“

Sicher, sie habe anfangs „Drei-Tagler“-Fehler gemacht, den Fuhrlohn nicht kassiert, die Leinen nicht losgemacht. Aber Frauen, die inzwischen die Hälfte der Kutscher ausmachen, seien oft die besseren Fiaker. „Verlässlicher, liebevoller, geben weniger Druck beim Pferd. Manche Reiseführer raten: Fahrt mit Frauen, die bescheißen euch nicht.“ Michelfeit lebt mit ihren 22 Pferden in einer alten Schamottefabrik, wo sie auch Pferdetherapie für behinderte Kinder anbietet. Sie stapft durch die Ställe, ein kleines Mädchen trippelt hinterher, ein Kind aus einer Romafamilie, das bei ihr in Pflege ist. Michelfeit ist eine, die anpacken kann, das Gesicht ist rosig von der Arbeit an der Luft. Die ist frisch und klar, die Praterauen sind nicht weit, und bald werden wieder die Bäume blühen. „A so a scheener Tag“ nennen die Fiaker Michelfeit. Weil sie immer sagt, was für ein schöner Tag es sei.

Michelfeit betrachtet das Milieu mit der Distanz, aber auch der Zugewandtheit der Außenstehenden. Allein die Sprache der Fiaker. Dass man ein „Halter“ ist, also hält, was man verspricht. Oder ein „Linker“. Und erst die Kutscher. „Das sind welche, die von der Kälte, der Unsicherheit angezogen werden. Wir mögen die Freaks, die Angesoffenen, die, die gegen die Obrigkeit sind.“ Der Robin-Hood-Typ, sagt Michelfeit. Als ein Fiaker einen Unfall hatte, haben sie für ihn gesammelt. Und so viel sei auch wieder nicht passiert. Michelfeit weiß nur, dass der Strichi und der Freddy sich im Wirtshaus um eine Frau gerauft haben. Es hat „einen Stich gegeben“ und zwei Jahre Gefängnis.

Michelfeit, die Neue, will die alte Tradition retten. Einer hat Ende 2011 aufgegeben, einer ist nach Berlin gegangen, wo es allerdings noch schwieriger ist. Lange Wege, strenge Auflagen. Wo die Fiaker doch schon in Wien Nummernschilder und einen Führerschein brauchen, Atteste für die Pferde und nur zu bestimmten Zeiten in die Stadt fahren dürfen. Die Wiener Polizei sei ständig am Strafen, sagt Michelfeit. Melone nicht auf dem Kopf: 350 Euro. „Die behandeln uns, als wären wir sittenwidrig.“

Ein anderes Problem: Die schwarzen Schafe, die ihre Pferde schlecht behandeln. Wo doch jeder Fiaker weiß: Das Pferd ist dein Mitarbeiter. Wasser auf die Mühlen der Tierschützer und der feinen Leute, die finden: Die Gäule müssen raus aus der Stadt. Ein Kaffeehausbesitzer hat – kein Schmäh – seine Mehlspeisen testen lassen und angeblich Spuren von Pferdemist gefunden. Michelfeit will jetzt, dass sich die Wiener Fiaker zusammentun, Alte, Junge, Männer, Frauen, Etablierte, Neue. Dass sie die Gräben zuschütten und sich nicht mehr zermürben lassen. „Die wollen uns nicht offiziell abschaffen, die wollen, dass wir aufgeben.“ Dann würden die Touristen wie die Wiener durch eine „sterile Stadt“ fahren. Martina Michelfeit streichelt einen Pferdehals, als wolle sie sich daran festhalten.

Und Johann Trampusch? Er und seine Pferde treten jetzt viel mit André Rieu auf. Trampusch fährt mit einer goldenen Krönungskutsche vor, Sissi steigt aus, und alle singen. Er war schon in 30 Hauptstädten, in Fußballstadien und in Filmen. Er sei jetzt mehr so ein „Horse-Manager“, sagt Trampusch.

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