Zeitung Heute : Wild die Taube, zahm der Falke Wie Cohn-Bendit in Amerika über den Krieg streitet

Malte Lehming[Washington]

Der rote, unwirtliche Kasten steht mitten in der amerikanischen Hauptstadt. Vom Dach ragt eine riesige Antenne in den Himmel. Ein mächtiger Eisenzaun schreckt Passanten ab, der Parkplatz wird durch Stacheldrahtrollen geschützt. Ins Haus sehen kann man nicht, die Scheiben sind dunkel getönt. Hier logiert die diplomatische Vertretung des Irak. Im Nebenhaus ist der altehrwürdige „Washington Club“ untergebracht. Im Sommer stehen dort oft schicke Leute mit Champagnergläsern auf dem Balkon.

Wie nahe hier alles ist. Und wie fern. Auch am Montag war der „Washington Club“ gut besucht. Reporter aus aller Welt und ein beachtlicher Teil von Amerikas politischer Klasse wollten das Duell der Titanen verfolgen, das Duell der personifizierten Gegensätze: Daniel Cohn-Bendit, Motor der Studentenbewegung, diskutiert mit Richard Perle, dem einflussreichsten Militärstrategen Amerikas, über den Irak. Alteuropäische Taube trifft auf amerikanischen Superfalken. Das Duo platzierte sich unter einem schweren Kronleuchter. Die Show konnte beginnen.

Den ersten Punkt verbucht Perle schon in der Warmlaufphase. „Dany, the Red“ hatte betont, kein Pazifist zu sein. Er sei für die Interventionen in Bosnien und Kosovo gewesen, ja, sein eigenes Leben habe er der amerikanischen Armee zu verdanken, weil die seine Eltern aus der Hitler-Diktatur befreit hat. Darauf Perle: „Dann sind Sie also ein Kollateralschaden Eisenhowers.“ Der Saal lacht.

Das wurmt Cohn-Bendit. Nun gibt er sein Bestes. Wie immer recht laut, heftig gestikulierend, wirft er Perle so ziemlich alles an den Kopf, was das Arsenal der Friedensfront bietet: die Doppelmoral wegen Israel, einen schadenfrohen Osama bin Laden, der den Krieg der Zivilisationen herbeisehnt, die Mobilisierung aller negativen Energien in der arabischen Welt, kurz: „Dieser Krieg ist dreckig.“

Perle lässt sich nicht provozieren. Er beherrscht, statt der Talkshowkunst, die bedächtige Politseminarprosa. Die Demokratie im Irak sei nur ein willkommener Nebeneffekt des Krieges. Seit zwölf Jahren verstoße Saddam Hussein gegen mittlerweile 17 UN-Resolutionen. Die Frage, warum jetzt?, beantwortet er mit der Gegenfrage: Warum nicht jetzt? Die Anschläge vom 11. September seien gegen Amerika gerichtet gewesen. Beim nächsten Mal würden die Terroristen Massenvernichtungswaffen einsetzen. „Unser Land fühlt sich bedroht wie nie zuvor.“

Ihre Widersprüche scheren die Kontrahenten wenig. Cohn-Bendit freut sich über den amerikanischen Truppenaufmarsch, der die Arbeit der UN-Inspekteure ermöglicht hat. Andererseits findet er es richtig, dass die Schröder-Regierung von Anfang an gegen diesen Truppenaufmarsch war. Perle beruft sich auf die Autorität von 17 UN-Resolutionen, fordert aber im nächsten Satz, dass die USA auch ohne neues UN-Mandat zuschlagen sollten.

Zwei Welten prallten aufeinander. Eine Annäherung fand, wie zu erwarten, nicht statt. Einig waren sich Taube und Falke erst zum Schluss. „Ich bin fast sicher, dass der Krieg bald beginnt“, orakelt Perle. „Ich auch“, ergänzt Cohn-Bendit. Während des anschließenden Büfetts wurde über Termine spekuliert. Aus dem Nachbarhaus war niemand eingeladen worden.

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