Wildbad Kreuth : Die CSU und der Charme der 44 Prozent

Schon lange war die CSU nicht mehr so gut gelaunt. Dabei wäre ein Umfragewert von 44 Prozent früher eine glatte Katastrophe gewesen. Und der Fall Wulff? Man steht halt zu ihm. Alle - bis auf einen.

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So friedlich kommen wir nicht wieder zammen. Horst Seehofer und Gerda Hasselfeldt bei der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe in Wildbad Kreuth.
So friedlich kommen wir nicht wieder zammen. Horst Seehofer und Gerda Hasselfeldt bei der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe in...Foto: Reuters

Die CSU, sagt einer ihrer Oberen, sei nun einmal eine höfliche Partei. Im Kaminzimmer im alten Wildbad von Kreuth ist deshalb am Mittwochabend kein Fernsehgerät angeschaltet gewesen. Die CSU-Landesgruppe hat sich vielmehr dem anderen Präsidenten zugewandt, dem des Bundesverfassungsgerichts nämlich. Andreas Voßkuhle ist der Ehrengast der Bundestagsabgeordneten in diesem Jahr. Einen Ehrengast versetzt man nicht, nicht mal um ein paar Minuten.

Trotzdem hat sich natürlich jeder auch den anderen Präsidenten angeschaut, den mit dem Amtssitz im Schloss Bellevue – per Smartphone, in kleinerem Kreis nach dem Abendessen anstelle des Nachtischs oder, notfalls, später in der Wiederholung. Geredet worden ist über Christian Wulff in der Traditionsklausur ansonsten amtlich gar nicht und untereinander in einem Sinne, den nachher die meisten so zusammenfassen: Ab jetzt stehe man halt zum Herrn Bundespräsidenten.

Bei den Leuten draußen, glaubt ein Spitzenmann der Partei, werde von Wulffs Fernsehauftritt sowieso bloß das Menschelnde haften bleiben, also ein halbwegs zerknirscht sich gebender Schwiegersohntyp, der Schwächen und Fehler wie du und ich reklamiert.

Nur einer ist davon noch nicht überzeugt. Jeder kleine Beamte wisse, dass er sich nicht von Leuten einladen lassen dürfe, die etwas von ihm wollen könnten – und der erste Mann im Staate erklärt zu harmlosen Freundschaftsdiensten, was bei jedem anderen Staatsdiener zu Disziplinarstrafen führen würde? Der Mann schüttelt den Kopf. Lauten Einspruch erheben wird er nicht. „Wir wollen den ja halten“, sagt ein anderer Parteifunktionär. „Und im Übrigen hat der Parteivorsitzende gesagt, dass wir zu ihm Vertrauen hätten. Also: Schluss.“

Das hat Horst Seehofer in der Tat gesagt, schon bevor Christian Wulff überhaupt in Berlin vor die Kamera getreten war. Hinterher sagt er nichts mehr. Die Pressekonferenz zur Mitte der Klausur findet zum ersten Mal seit Menschengedenken ohne den Parteivorsitzenden statt. Der sei, sagt Hasselfeldt, verhindert wegen anderer Termine. Die CSU kann, wenn es ihr gerade passt, also auch eine äußerst unhöfliche Partei sein.

Vor allem ist sie aber eine relativ erleichterte Partei, die sich ihre vergleichsweise gute Laune nicht durch einen Präsidentenrücktritt verderben lassen mag. Die Erleichterung hat einen Grund. Pünktlich zur traditionellen Winterklausur der Landesgruppe im traditionsbewusst tief verschneiten Tegernseer Tal hat der Bayerische Rundfunk eine Umfrage unter den Bayern veröffentlicht. Die taxiert die CSU auf 44 Prozent und den gesamten Rest auf 43 Prozent, wobei in diesem Rest die FDP nicht mehr und die Piraten noch nicht nennenswert vorkommen.

Für die frühere Staatspartei CSU wären 44 Prozent eine glatte Katastrophe gewesen. Die CSU im Jahre vier der neuen Zeitrechnung nach dem Verlust der absoluten Mehrheit hat aber den Charme des Relativen entdeckt. „Zwei Prozent besser als bei der Landtagswahl 2008“, rechnet die Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt nach. Vor allem aber viel besser, als zu befürchten stand. „Das vergangene Jahr war äußerst schwierig“, merkt Hasselfeldt an. Seehofer zitiert in der Sitzung den Klassiker Herder: „Die größten Tyrannen sind der Zufall und die Zeit.“ Wie recht der Herder hat, wird nirgendwo erleichterter aufgenommen als im abgelegenen Hochtal von Kreuth.

Man muss dazu nur kurz an die kleine Szene erinnern, die sich hier vor genau einem Jahr abgespielt hat. Der Schnee lag damals noch höher als heute; draußen war es schon dunkel, als sich zwei Männer am Haupteingang sozusagen die Klinke in die Hand gaben. Der eine, Horst Seehofer, hatte gerade im Schnee ein Fernsehinterview absolviert. Der andere, Karl-Theodor zu Guttenberg, war auf dem Weg zu einem solchen. „Ich gehe“, witzelte Seehofer, „du kommst.“ Guttenberg blieb stehen, überlegte kurz und wies dann mit großer Geste auf seinen Vorsitzenden: „Was soll ich sagen – ein Prophet!“

Seehofer ist damals sehr schnell durch die Tür verschwunden. Der weitere Gang der Geschichte ist bekannt. Seither haben sich die Rollen verkehrt: Es ist jetzt Seehofer, der sein Spiel mit Guttenberg treibt. Am Dienstagnachmittag steht der Vorsitzende unter einem Regenschirm vor dem Tagungsgebäude und sperrt dem gefallenen Hoffnungsträger gewissermaßen die Tür einen Spalt weit auf. Karl-Theodor, das sei einer, den die CSU „zu gegebener Zeit in einer aktiven Rolle sehen möchte“, sagt Seehofer. „Wir wollen, dass er sich einreiht in unser Team.“ Seehofer lächelt sein Beißzahnlächeln.

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