Zeitung Heute : Wilde Erdbeeren

Wie baut man den perfekten Garten? Eine Anleitung. / Von Francis Bacon

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G ott der Allmächtige pflanzte zuerst einen Garten, und in der Tat ist dies die reinste aller menschlichen Freuden: Es ist die größte Erfrischung für den Geist des Menschen, ohne welchen alle Gebäude und Paläste nur rohe Machwerke sind; und man wird stets finden, dass die Menschen mit dem Fortschritt der Jahrhunderte zur Bildung und Verfeinerung zuvor prachtvolle Bauten aufführen, ehe sie schöne Gärten anlegen, als ob der Gartenbau eine höhere Entwicklungsstufe wäre. Ich bin dafür, dass man beim Anlegen königlicher Gärten für jeden Monat des Jahres einen besonderen ausführt, in dem jeweilig die höchste Schönheit sich entfaltet.

Für den Dezember und Januar, wie auch für die letzte Hälfte des November muss man solche Dinge wählen, die den ganzen Winter über grünen: wie Stechpalmen, Efeu, Lorbeer, Wacholder, Zypressenbäume, Eiben, Fichten, Kiefern, Rosmarin, Lavendel, weißes, purpurnes und blaues Wintergrün, Vergissmeinnicht, Schwertlilien und auch Pomeranzenbäume, Zitronenbäume und Myrten, falls man sie in Warmhäusern halten kann, sowie an geschützter Stelle würzigen Majoran. Sodann folgt für Ausgang Januar und Februar Seidelbast, der dann zu blühen anfängt, der gelbe und veilchenblaue Frühlingssafran, Primeln, Anemonen, die frühzeitige Tulpe, die orientalische Hyazinthe, Zwerglilie, Kaiserkrone. Zum März kommen Veilchen, namentlich die einfachen blauen, welche die frühesten sind; gelbe Narzissen, Maßliebchen, Mandel-, Pfirsich- und Kornelkirschblüten sowie Hagedorn.

Ewiger Frühling

Im April folgen die gefüllten weißen Veilchen, Goldlack, Levkojen, Schlüsselblumen, Schwert- und andere Lilienarten, Rosmarinblüten, Tulpen, gefüllte Pfingstrosen, schneeweiße Narzissen, französisches Geißblatt, blühende Kirsch-, Damaszener- und gemeine Pflaumenbäume, Weißdornlaub, Flieder. Im Mai und Juni erscheinen Nelken aller Art, besonders die Purpurnelke, Rosen aller Art außer der Moschusrose, die später kommt; Geißblatt, Erdbeeren, Ochsenzungen, Akelei, Ringelrosen, gefüllte und ungefüllte; Kirschen- und Feigenbäume tragen Frucht; schwarze und rote Johannisbeeren, Himbeeren, Reben- und Lavendelblüten, das duftige weißblütige Knabenkraut, Traubenhyazinthen, Maiglöckchen, Apfelblüten.

Im Juli kommen Levkojen in großer Mannigfaltigkeit, Moschusrosen, Lindenblüten, zeitige Birnen, Pflaumenobst, Johannisäpfel sowie Kochäpfel. Im August reifen alle Arten Pflaumen, Birnen, Aprikosen, Berberitzen, Haselnüsse, Melonen; Mönchskappen leuchten in allen Farben. Im September kommen Trauben, Äpfel, Mohnblumen in allen Farben, Pfirsiche, Quitten, Aprikosenpflaumen, Kornelkirschen, Pfundbirnen, Apfelquitten. Im Oktober und Anfang November gibt es Elsbeeren, Mispeln, Schlehen, späte Herbstrosen, Stechpalmen und dergleichen. Dieses Verzeichnis dient für das Londoner Klima; allein ich hoffe erwiesen zu haben, dass man sich tatsächlich „ver perpetuum“ („ewigen Frühling“, Anm. der Red.) verschaffen kann, wenn man sich nach dem richtet, was der Boden jeweils bringt.

Weil aber der Blütenduft in der Luft, wo er wie flutende Musik hin und her zieht, weit lieblicher ist als in der Hand, so kann man sich diesen Genuss leicht verschaffen, wenn man diejenigen Blumen und Pflanzen kennen lernt, die die Luft mit den köstlichsten Wohlgerüchen erfüllen. Damaszener- und rote Rosen sind zurückhaltend mit ihrem Duft, so dass man an einer ganzen Reihe davon vorbeigehen kann, ohne etwas von ihrem Wohlgeruch zu verspüren, wäre es auch selbst im Morgentau. Lorbeer gibt gleichfalls keinen Duft von sich, solange er wächst, Rosmarin wenig, ebenso der wohlriechende Majoran. Diejenige Blume, welche vor allen andern den lieblichsten Wohlgeruch in der Luft verbreitet, ist das Veilchen, namentlich das gefüllte weiße, welches zweimal im Jahre erscheint: gegen Mitte April und um Sankt Bartholomä. Gleich danach kommt die Moschusrose, darauf die Erdbeerblätter, die im Absterben den köstlichsten, herzhaftesten Duft ausströmen.

Sodann die Rebenblüte, die einem kleinen Staubkörnlein gleicht, wie das Knöspchen des Riedgrases, wenn sie zuerst aus dem Traubenbüschel hervorguckt; dann der Hagedorn, der Goldlack, der ganz köstlich ist, wenn er unter dem Fenster eines Wohnzimmers oder unter einem tief herunterreichenden Fenster steht; darauf folgen Nelken und Levkojen, besonders die Gewürznelke und gefüllte Levkoje; dann Lindenblüten; endlich Geißblatt, am besten aus einiger Entfernung. Von Bohnenblüten spreche ich nicht, weil sie Feldblumen sind. Von denen aber, welche die Luft am köstlichsten durchduften, an denen man nicht wie an den übrigen vorübergeht, sondern sie mit Füßen tritt und zerknickt, gibt es drei an der Zahl: sie heißen Pimpinelle, Thymian und Pfefferminze; man sollte ganze Alleen davon ziehen, will man sich beim Lustwandeln den Genuss ihres Duftes verschaffen.

Die wirklich fürstlichen Gärten, von denen ich nur sprechen möchte, wie zuvor von den fürstlichen Bauten, müssen einen Flächenraum von nicht unter dreißig Morgen Landes einnehmen und in drei Abteilungen geteilt sein: eine Rasenfläche am Eingang, eine Heide oder Wildnis im Hintergrunde und in der Mitte der Hauptgarten, außerdem Alleen zu beiden Seiten. Am besten ist es, wenn man vier Morgen für den Rasen, sechs für die Heide, je vier für die Seitenlagen und zwölf für den Hauptgarten ansetzt. Die Rasenfläche gewährt ein zweifaches Vergnügen: einmal, weil nichts dem Auge wohltuender ist als wohlgeschorenes grünes Gras; zweitens, weil durch die Mitte ein ziemlich breiter Pfad läuft, auf dem man auf eine stattliche, den Garten einschließlich Hecke zuschreiten kann. Weil dieser Weg jedoch lang und im Sommer oder zur Mittagszeit sehr heiß sein wird, so soll man sich nicht erst den Schatten im Garten mit einem Gang durch die Sonnenhitze der Rasenfläche erkaufen und lasse deshalb auf beiden Seiten des Pfades einen fein gezimmerten überdachten Durchgang von etwa zwölf Fuß Höhe errichten, durch den man im Schatten bis in den Garten gelangen kann. Was die Anlage von verschlungenen Wegen oder Mustern mit verschiedenfarbiger Erde betrifft, die man gewöhnlich unter den gartenwärts blickenden Fenstern des Hauses anbringt, so sind das bloße Spielereien. Man kann auf Torten oft einen ebenso schönen Anblick genießen. Der Garten selbst hat am besten die Form eines Quadrats, dessen vier Seiten mit einer stattlichen gewölbten Hecke umgeben werden. Ihre Bogen ruhen wiederum am besten auf gezimmerten Pfeilern von etwa zehn Fuß Höhe und sechs Fuß Breite und der Zwischenraum soll von derselben Breite wie die Weite der Bogen sein. Die fortlaufende, einige vier Fuß starke Hecke soll sich über die gleichfalls gezimmerten Bogen hinziehen und oben über jedem Bogen ein kleines Türmchen bilden mit einer genügend großen Aushöhlung, um einen Vogelkäfig aufnehmen zu können. In den Zwischenräumen zwischen den Bogen kann ein beliebiger anderer vergoldeter Zierrat Platz finden, mit breiten Scheiben aus rundem, farbigen Glas, in denen die Sonne spielen kann. Diese Hecke möchte ich auf einem nicht abschüssigen, sondern flach aufgeworfenen, etwa sechs Fuß hohem Erdwall errichten, der ganz und gar mit Blumen übersät sein muss.

Auch meine ich, dass dieses Gartenviereck nicht die ganze Breite des Grundstücks einnehmen, sondern auf jeder Seite genügenden Raum für allerlei Seitenalleen übrig lassen müsse, zu denen die verdeckten Alleen des Rasenplatzes hinführen könnten. Keine der beiden Seitenalleen dieser großen Anlage darf jedoch an einem der beiden Enden Hecken haben: weder oberhalb, um nicht die Aussicht auf jene schöne Hecke vom Rasenplatz aus, noch unterhalb, um nicht die Aussicht von der Hecke aus durch die Wölbungen auf die Heide zu behindern.

Die Einteilung des Bodens innerhalb der großen Hecke überlasse ich dem verschiedenen Geschmack: Ich möchte nur den Rat erteilen, wie auch immer dieser Teil des Gartens gestaltet werden soll, in erster Linie darf er nicht überladen und voll gepfropft werden. So gefallen mir persönlich darinnen nicht die Figuren, die aus Wacholder oder andern Gartensträuchern ausgeschnitten werden; das ist etwas für Kinder. Dagegen sehe ich gern kleine, niedrige, abgerundete Hecken als Einfassung, mit einigen zierlichen Pyramiden sowie dann und wann hübsche Säulen auf gezimmerten Untersätzen. Auch die Alleen würde ich weiträumig und hübsch anlegen. Auf den Seitenanlagen dürfen sie allerdings lauschiger sein, aber nicht im Hauptgarten. Gleichfalls sähe ich gern ganz in der Mitte einen gefälligen Hügel mit drei Aufgängen und Alleen, breit genug, dass vier Personen nebeneinander gehen können; sie müssten sich kreisförmig um den Hügel ziehen, aber ohne alle Bollwerke und Erhöhungen. Der ganze Hügel soll dreißig Fuß Höhe haben und oben darauf soll ein reizvolles Lusthaus stehen mit einigen zierlichen Schornsteinen und mit nicht übermäßig viel Glas.

Springbrunnen sind eine große Zierde und Erfrischung; Teiche dagegen verderben das Ganze und machen den Garten ungesund und voll von Fliegen und Fröschen. Springbrunnen müssen von zweierlei Art sein; der eine, der Wasser ausstrahlt oder hervorsprudelt; der andere, der ein geräumiges Wasserbecken von etwa dreißig oder vierzig Fuß im Geviert füllt, aber weder Fisch noch Schlamm oder Schmutz enthält. Als Verzierungen für den ersteren eignen sich besonders vergoldete oder marmorne Figuren, wie sie jetzt Mode sind; die Hauptsache ist jedoch, das Wasser so zu leiten, dass es weder im Becken noch in den Behältern jemals stehen bleibe, damit es durch die Ruhe nicht grünlich oder rötlich oder sonst wie sich färbt, weder moosig noch faulig wird. Außerdem muss es alltäglich mit der Hand gereinigt werden.

Das Wasser in Bewegung halten

Auch nehmen sich einige hinaufführende Stufen nebst einem hübschen Pflaster ringsum gut aus. Was die zweite Art von Brunnen betrifft, die wir ein Badebassin nennen können, so gibt sie zu allerlei Ausschmückung und Verschönerung Anlass, worum wir uns jetzt nicht weiter kümmern wollen, wie, dass sowohl der Boden wie auch die Seiten mit schönen Mustern gepflastert und zugleich mit farbigem Glase und ähnlichen glänzenden Dingen verziert sowie mit schönen Geländern von niedrigen Bildsäulen eingefasst sein müssen. Die Hauptsache ist jedenfalls dieselbe, wie bei der erstgenannten Springbrunnenart, nämlich das Wasser in beständiger Bewegung zu erhalten, dass es von einem höher als das Bassin selbst liegendem Gewässer aus schönen Wasserspeiern heraussprudelt und sodann durch unterirdische Röhren wieder abgeleitet werden muss, damit es nicht zum Stehen kommt. Was die hübschen Erfindungen betrifft, Wasser in einem Bogen auszuwerfen, ohne etwas zu verschütten, oder es in verschiedenen Formen, wie in Federn, Trinkbechern, Baldachinen und dergleichen springen zu lassen, so ist das zwar niedlich anzusehen, trägt aber weder zur Gesundheit noch Annehmlichkeit etwas bei.

Der Heide, die den dritten Teil unseres Entwurfs bildet, möchte ich soweit wie möglich das Aussehen einer natürlichen Wildnis geben. Bäume sollen gar nicht darin sein; dagegen einige nur aus Hagedorn und Geißblatt bestehende Gebüsche mit etwas wildem Wein dazwischen, und der Boden mit Veilchen, Erdbeeren und Primeln bepflanzt. Denn diese sind wohlriechend und gedeihen im Schatten, doch müssen sie hier und dort auf der Heide verstreut, nicht in irgendeiner regelmäßigen Anordnung stehen. Mir gefallen auch kleine Häufchen nach Art der Maulwurfshügel, wie man sie auf natürlichen Heiden antrifft, die teils mit Feldthymian, teils mit Nelken, teils mit Gamander, dessen Blüte köstlich anzusehen, bewachsen sind. Auf den einen stehen Wintergrün, auf andern Veilchen, auf noch andern Erdbeeren, Schlüsselblumen, Maßliebchen, rote Rosen; auf einigen Maiglöckchen, rote Federnelken, Bärenklau und ähnliche niedrige Blumen, die zugleich wohlriechend und hübsch anzusehen sind. Auch müssen einzelne dieser Hügel mit kleinen Strauchstämmen, die außen Stacheln tragen, bepflanzt, einzelne aber leer gelassen werden. Die Stämme können Rosen sein, Wacholder, Stechpalmen, Berberitzen (diese nur hin und wieder, des Geruchs ihrer Blüten wegen), Johannisbeeren, Stachelbeeren, Rosmarin, Lorbeer, Hagedorn und so weiter. Diese Gesträuche müssen jedoch oft beschnitten werden, damit sie nicht die Form verlieren.

Die Seitenanlagen müssen von abwechslungsreichen, lauschigen Alleen, die reichlichen Schatten geben, durchzogen werden; einige müssen so dicht sein, dass sie die Sonne auf keiner Seite durchlassen. So sollte man ebenfalls einen Teil der Alleen als Wetterschutz einrichten, damit man selbst bei scharfem Wind wie in einer Galerie darin spazieren gehen kann; zu dem Zwecke sollen sie auch an beiden Enden mit Hecken abschließen, um den Wind abzuhalten. Ferner sind diese geschützten Wandelgänge stets mit feinem Kies zu bestreuen; Gras ist nicht zu empfehlen, weil man feucht darauf geht. Ferner muss man einzelne dieser Alleen mit Fruchtbäumen aller Art, sowohl die Mauern entlang, als in den Reihen besetzen. Dabei sollte man sich im allgemeinen zur Regel machen, dass die mit Fruchtbäumen bepflanzten Beete reichlich groß und flach, nicht abschüssig sind, und mit schönen Blumen, wenn auch nur dünn und spärlich, versehen werden, so dass diese den Bäumen keinen Eintrag tun. An jedem Ende beider Seitenanlagen würde ich einen Hügel von ziemlicher Höhe aufwerfen und die Umzäunungsmauer des Grundstücks brusthoch aufführen, damit man auf die Felder blicken kann.

Vogelhäuser missfallen mir

Auch dem Hauptgarten möchte ich einige freundliche Alleen wünschen, die zu beiden Seiten aus Reihen von Obstbäumen angelegt sind; außerdem vereinzelte Gruppen von Obstbäumen. Ferner Lauben mit Sitzplätzen, die sinnig verteilt sein müssen. Sie dürfen nicht zu dicht zusammenstehen und den Hauptgarten nicht zu sehr überfüllen, damit die Luft frei und unbeengt bleibt. Denn Schatten soll man ja in den Alleen der Seitengärten finden, um dort, wenn man dazu aufgelegt ist, in der Sommer- und Mittagshitze spazieren zu gehen. Dagegen bedenke man, dass der Hauptgarten für die gemäßigteren Jahreszeiten, und während der Sommerhitze für Morgen und Abend, sowie für bewölkte Tage angelegt worden ist.

Vogelhäuser missfallen mir, außer wenn sie von solcher Größe sind, dass sie mit Rasen ausgelegt und lebende Pflanzen und Gebüsche hineingesetzt werden können, damit die Vögel mehr Platz und natürliche Nistplätze haben und sich keine Fäulnis auf dem Boden des Vogelhauses sammelt.

So habe ich denn den Plan zur Anlage eines fürstlichen Gartens entworfen, teils durch allgemeine Hinweise, teils indem ich nicht ein genaues Modell, sondern nur eine Skizze dazu gezeichnet habe. Dabei habe ich keine Kosten gespart. Aber sie bedeuten ja auch nichts für große Herren, die meistens doch nur Fachleute um Rat fragen und auch nicht billiger zur Erfüllung ihrer Wünsche kommen. Manchmal fügen sie, des Prunks und der Herrlichkeit wegen, noch Bildsäulen und dergleichen hinzu, aber die richtige Gartenfreude steigern sie damit nicht.

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