Zeitung Heute : Wilde Mädchen und zahme Jungs hören

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Christine Lang

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

In der letzten Woche hatte ich den Auftritt der Dänin Heidi Mortenson im Trafo angekündigt. Wer nicht da war, hat eine sensationell wilde One Woman Show verpasst. Ausgerüstet mit Laptop, Telefonhörer, Plastikradio, Minikeyboard und anderer veralteten Kleintechnik trat sie in Zwangsjacke und langer Männerunterhose auf die kleine Bühne und zeigte, wie man sich von technischen, räumlichen und symbolischen Einschränkungen befreit. Für eine Feedback-Orgie benötigt man eben keine The Who Gitarre; mit einem an die Box gehaltenen alten Mikro lässt sich die Katharsis von My Generation ebenso nachbilden. Mit diesem Gestus jedenfalls trat Heidi Mortenson an. Von der ersten bis zur letzten Sekunde mimte sie eine Irre, sprang auf den Tisch, haute auf ihrem Kleingerät herum und brachte das Friedrichshainer Publikum zur Begeisterung. Erst bei der Transmediale in einer Woche werden Sie noch mal die Möglichkeit haben, Heidi Mortenson live in Berlin zu sehen. Dafür tritt sie morgen im WMF schon mal als DJ auf.

In Berlin existiert seit einiger Zeit ja eine regelrechte Girlgroup-Szene, deren Akteure sich alle durch eine exzessive Performance in Punk-Tradition auszeichnen. Einige der Bands gehören inzwischen zu Exportschlagern der einheimischen Musikszene; die beispielsweise gerade absolvierte Amerika-Tour von der in Berlin lebenden Kanadierin Peaches und der Zwei-Frau-Band Electrocute war wohl sehr erfolgreich, wie man hört.

Eine der exzessivsten Berliner Girlgroups aber ist Cobrakiller, zwei gut aussehende Betty-Page-Lookalikes, die sich auf der Bühne Rotwein über den Kopf schütten und auf dem Boden wälzen. Dass der zwar brachiale aber musikalisch eher schlichte Sound bei ihnen hinter die Performance zurücktritt, macht gar nichts, das rückt den Auftritt einfach nur in Richtung bildende Kunst.

Cobrakiller sind absolut sehenswert, werden aber erst am nächsten Wochenende wieder in Berlin auftreten. Deswegen müssten Sie an diesem Wochenende mit einem anderen Partytipp vorlieb nehmen. Dabei handelt es sich um das entgegengesetzte Phänomen: keine Performance, klarer Techno und – ausschließlich Männer. Aber auch die gehören zu den Berliner Exportschlagern: Heute feiert das Label namens Kanzleramt sein zehnjähriges Bestehen und seine hundertste Veröffentlichung im Maria am Ostbahnhof.

Kanzleramt ist das Label des ehemaligen Bad Nauheimers Heiko Laux und neben Kompakt aus Köln eine der feinsten deutschen Adressen für Techno und Minimalmusik. Morgen Nacht werden die wichtigsten DJs auftreten und viele Liveacts zu hören sein. Zu sehen gibt es ja nicht so viel: Die Jungs, die sich hinter ihren Rechnern verschanzen, können mit der Performance der Girlgroups nun einmal nicht mithalten. Aber ich will das eigentlich gar nicht gegeneinander ausspielen.

Morgen ab 23 Uhr: Boogy Bytes – B Pitch Control: The Aim of Design, DJ Ellen Alien, Heidi Mortenson u.a. im WMF/Café Moskau, Karl-Marx-Allee 34.

Morgen ab 23 Uhr „10 Jahre Kanzleramt“ Heiko Laux, Johannes Heil u.v.m. im Maria am Ostbahnhof, an der Schillingbrücke .

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