Zeitung Heute : Willi Lemke möchte die Schüler "fit für den Beruf" machen

Welche Schwerpunkte haben Sie sich für Ihre A

Willi Lemke (53) führt seit Wochenbeginn den Vorsitz der Kultusministerkonferenz. Der Bremer Wissenschaftssenator war lange Zeit Manager des Fußballclubs Werder Bremen. Mit ihm sprach unser Mitarbeiter Eckhard Stengel.

Welche Schwerpunkte haben Sie sich für Ihre Amtszeit als Chef der Kultusministerkonferenz gesetzt?

Ich möchte versuchen, das Ansehen der Lehrerschaft zu verbessern. Nach fast 60 Schulbesuchen habe ich festgestellt, dass die Lehrerinnen und Lehrer in einem dramatisch verschlechterten Umfeld arbeiten. Immer mehr Eltern ziehen sich aus der Erziehungsverantwortung zurück. Angesichts dieser miserablen Arbeitsbedingungen leistet die große Mehrheit der Lehrer einen tollen Job. Inhaltlich habe ich mir drei Schwerpunkte vorgenommen: Qualitätssicherung und Leistungsvergleich an unseren Schulen, verstärkter Einsatz neuer Medien und bessere berufliche Orientierung.

Was planen Sie im Bereich neuer Medien?

Das Thema wird in der Praxis noch nicht ernst genug genommen. Warum nutzen wir nicht in den Semesterferien das Lehrpersonal und die Medienräume der Hochschulen, um Schülerinnen und Schülern hier Fortbildungen anzubieten? Warum heuern wir nicht häufiger Studenten an, die für 25 Mark Stundenlohn den Zehntklässlern gezielt Computerkenntnisse für den Beruf beibringen? Und warum arbeiten wir nicht viel mehr mit der Wirtschaft zusammen? Unternehmen könnten sagen, welche Ausbildungsschwerpunkte gesetzt werden müssen, welche Programme und Geräte sich am besten eignen. Ganz wichtig ist mir auch eine verstärkte Fortbildung für Lehrkräfte, die sich noch zieren oder Angst vor dem Computer haben.

Damit sind wir bei Ihrem nächsten Schwerpunkt, der beruflichen Orientierung.

Ich bin oft ganz erschrocken, wie sorglos mit diesem Thema umgegangen wird. Die Schüler lernen oft Dinge, die sehr weit entfernt sind von dem, was sie für die Zukunft brauchen. Betriebe müssen in die Schulen kommen, und Lehrkräfte müssen in die Betriebe gehen, damit sie erfahren, worauf es im Beruf ankommt. Wir brauchen eine viel stärkere Abgleichung mit den Interessen der Wirtschaft, selbstverständlich unter Berücksichtigung gewerkschaftlicher Fragen. Wir müssen es aber auch schaffen, dass die Unternehmen noch mehr Ausbildungsstellen schaffen.

Stichwort: Qualität. Die internationale Pisa-Studie soll die Kenntnisse von 15-Jährigen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften abfragen und auch fächerübergreifende Fähigkeiten wie Selbständigkeit und Zusammenarbeit mit anderen Schülern überprüfen. Kritiker halten sie für kaum aussagekräftig.

Ich vertraue den Wissenschaftlern, die diesen Test auf höchstem internationalem Niveau ausgearbeitet haben. Als jemand, der aus dem Leistungssport kommt, meine ich, dass wir uns diesem Vergleich stellen müssen. Wir müssen die Kinder dazu bringen, dass sie fit fürs Leben, fit für den Beruf werden, dass sie Leistung nicht als etwas Negatives empfinden.

Auch die deutschen Hochschulen müssen sich der Konkurrenz und Leistungsvergleichen stellen. Welche Chancen sehen Sie für neue Abschlüsse wie Bachelor und Master?

Dazu habe ich mir noch keine endgültige Meinung gebildet. Man sollte sich nicht überall ausschließlich nach amerikanischem Vorbild richten. Ich halte es aber für eher gut, eine modulare Form der Ausbildung anzubieten: nicht für jeden unbedingt das große Studium, sondern Integration ins Arbeitsleben mit einem berufsqualifizierenden Erststudium.

Würden Sie die althergebrachten Diplome durch die neuen Abschlüsse ersetzen? Das wäre zweifellos der radikalste Schnitt.

Nein, ich sehe das als Zusatzangebot. Ich will nicht auf unsere traditionellen Prüfungen verzichten. Aber das ist noch nicht das Amen in der Kirche.

In Ihrer Partei wird seit langem über Studiengebühren gestritten. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn und der SPD-Bundesparteitag wollen zumindest das Erststudium weiter unentgeltlich anbieten, Niedersachsens Regierungschef Sigmar Gabriel möchte schon bei den Anfängern Gebühren erheben. Was meinen Sie?

Es gibt ganz klare Parteitagsbeschlüsse; insofern stimme ich Frau Bulmahn zu. Wir werden aber versuchen, in der KMK eine einvernehmliche, einheitliche Lösung hinzukriegen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass mittelfristig - vielleicht innerhalb der nächsten fünf bis sechs Jahre - keine Gebühren eingeführt werden. Danach diskutieren wir das neu. Völlig eindeutig wäre für mich, dass etwaige Gebühreneinnahmen in der Hochschule verbleiben müssten, um das Studienangebot zu verbessern.

In Brandenburg wird Religionsunterricht relativ kirchenfern als "Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde" (LER) angeboten. Wäre das ein Modell auch für andere Bundesländer?

Ich habe keine Berührungsängste gegenüber der Kirche und kann mir auch eine enge Kooperation mit ihr vorstellen. Ich habe biblischen Geschichtsunterricht bekommen von einer Schwester Elfrieda - die hat mich zu sozialem und christlichem Verhalten erzogen. Unsere Schulen sollten verstärkt menschlichen Umgang miteinander lehren, und ich bedauere, wenn so viel Religionsunterricht ausfällt.

Was halten Sie von den Vorschlägen, die Bezüge der Professoren künftig an ihre Leistungen in Forschung und Lehre zu knüpfen?

Es ist nichts schrecklicher als die Tatsache, dass der Öffentliche Dienst Beförderungen aufgrund von Leistungen kaum kennt. Wo finanzielle Anreize gesetzt werden oder Druck durch Zeitverträge entsteht, werden erheblich bessere Leistungen gebracht. Die Guten sollten mehr Geld verdienen, und den nicht so Engagierten sollte man etwas auf die Finger schauen. Im Interesse der Steuerzahler.

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