Zeitung Heute : Willkommen in der Wirtschaft

ANJA MÜLLER

Sabine Kröger (23) studiert Kunstgeschichte an der FU Berlin - entgegen den Gesetzen am Arbeitsmarkt.Zu diesem Schluß kommt sie, als sie in die Wochenendausgabe ihrer Tageszeitung blickt: "Wir suchen Absolventen aus den Fachrichtungen Wirtschaftswissenschaften..." so oder ähnlich lauten die Texte der meisten Stellenanzeigen."Rächt es sich bei der Jobsuche, daß ich studiere, was mir Spaß macht?", fragt sie sich.In Berlin gibt es rund 3000 arbeitslose Geisteswissenschaftler.Auf den ersten Blick sind das düstere Aussichten für Geisteswissenschaftler.Aber auch sie haben Chancen in Unternehmen.

Wer Germanistik oder Geschichte studiert und später in Unternehmen zum Beispiel als Kundenbetreuer oder Controller arbeitet, gilt in den Personalabteilungen als Quereinsteiger.Ihre Zahl in den Unternehmen schwankt: Rund 20 Prozent der Berufsanfänger bei der HypoVereinsbank gehören dazu.Noch mehr Kunsthistoriker, Sinologen und Ingenieure, die in der Bank auch zu den Exoten gehören, will der Leiter der Abteilung Personalmarketing und Nachwuchsentwicklung, Oliver Maassen, künftig einstellen.Er plant, die Quote auf rund 30 Prozent zu erhöhen.Bei debis in Berlin gibt es weniger Quereinsteiger.Ihr Anteil bei der Deutschen Bank, Frankfurt (Main), liege eher unter zehn Prozent, sagt Ottmar Kayser, Leiter der Nachwuchsgruppe Personalbereich.Siemens beschäftigt nur rund zwei Prozent.

Dabei benötigen Berufseinsteiger, selbst wenn sie Wirtschaft studiert haben, nur fünf bis zehn Prozent ihres Uniwissens für ihren späteren Job.Das ergab eine Umfrage der HypoVereinsbank bei ihren Trainees."Die studierte Fachrichtung ist gar nicht ausschlaggebend", sagt auch Katharina Heuer, Leiterin Projekte Personal bei debis.Hauptqualifikation sei Kundenorientierung und das, was die Bewerber nebenbei gemacht hätten: Praktika, Diplomarbeit, Aktivitäten außerhalb der Universität etwa in Studenten-Initiativen.

In dem Maße, in dem Zusatzqualifikationen wichtiger werden, steigen die Chancen für Quereinsteiger, wenn sie sich für den Weg in die Wirtschaft entscheiden.Soziale Kompetenz oder Team- und Kommunikationsfähigkeit avancieren zu Schlüsselqualifikationen und werden auch gefordert - dokumentiert durch Praktika, ehrenamtliche Tätigkeiten oder Nebenjobs."Die Bewerbung ist mehr als ein Puzzle aus alledem", sagt Maassen."Wenn ein Teil fehlt, entsteht kein Bild." Wichtig sei, daß sich besonders Geisteswissenschaftler frühzeitig Gedanken um ihre berufliche Zukunft machen."Sie sollen ruhig das studieren, was ihnen Spaß macht, aber zumindest neben dem Studium ihre Fähigkeit, mit ihrem Erlernten Geld zu verdienen, erhöhen", sagt Maassen.Von Quereinsteigern fordert der Schritt in ein Unternehmen mehr Eigeninitiative - vor, während und nach der Bewerbung.

Franziska Lambeck hat neben ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Werksstudentin bei Siemens gearbeitet."Ich habe das zwar aus Neigung studiert, aber immer so viel Realitätssinn besessen, daß ich nicht Taxifahrerin werden wollte", sagt sie heute, als Leiterin des Multimedia-AnwendungsForums bei Siemens."Und ich bin froh darüber." So wie Cornelia Franke-May.Das Pädagogik-Studium machte ihr Spaß.Sie erkannte aber kurz nach den Prüfungen, daß sie wenig Chancen hatte, damit Geld zu verdienen.Zwei Wochen nach der Prüfung begann sie 1988 eine einjährige Weiterbildung für Projektmanagement.Danach bekam Sie sofort eine Anstellung bei einer Bank, heute arbeitet sie bei der Deutschen Bank in Berlin im Firmenkunden-Bereich.Wenn Sie ihre Visitenkarte übergibt, wird sie häufiger auf ihren Studienabschluß als Diplom-Pädagogin angesprochen."Das interessiert die Leute schon." Schlechte Erfahrungen hat sie damit aber noch nicht gemacht.Zu den ehemaligen Kommilitonen hat sie keinen Kontakt mehr."Das ist eine andere Welt.Ich hab mich entschieden und will auch nicht mehr zurück." Nicole Neckermann absolviert zur Zeit ein Trainee-Programm bei debis.Ihr geht es ähnlich.Nach ihrem Lehramtsstudium gründete sie 1994 ein eigenes Unternehmen, das sie verkaufte, bevor sie zu debis kam."Ich war Exot im Studium, nicht im Unternehmen." Vorurteile gibt es auf beiden Seiten.

Ottmar Kayser, Personalleiter bei der Deutschen Bank, will die Motivation der Bewerber am besten durch mehrere Praktika von mindestens drei Monaten dokumentiert wissen."Wer vorher gar nichts in dieser Richtung gemacht hat, dessen Bewerbung wirkt wenig überzeugend." Jeder Bewerber müsse sich darüber im Klaren sein, daß die Konkurrenz groß ist.Wer da ein Wirtschaftsstudium in der Tasche hat, ist zunächst im Vorteil.In der Stabsabteilung, in der Öffentlichkeitsarbeit, aber auch in den Trainee-Programmen sei aber Platz für "Menschen, die mit unkonventionellem Denken ein Team bereichern".

Sabine Kröger schaut sich nun in den Praktikumsbörsen von Zeitungen und im Internet um.Sie hat noch genügend Zeit, sich in Unternehmen umzusehen.Vor allem aber Zeit, um festzustellen, ob der Weg in die Wirtschaft für sie wirklich der Richtige ist.Denn der Weg zurück ist nur selten möglich.

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