Zeitung Heute : Willkommen zur Reise in die eigene Kindheit

Wie die Zukunft aussehen könnte, hat der Science-Fiction-Autor Neal Stephenson in seinem Roman "Diamond Age - Die Grenzwelt" beschrieben.In Ermangelung einer richtigen Erziehungsperson lernt darin das Mädchen Nell die Welt der Zukunft aus einer Art elektronischem Allwissend-Buch kennen.Um Nell in allen Lebenslagen unterstützen zu können, mußte auch bei Stephenson zuvor die entsprechende Software geschrieben und installiert werden.Sollte es einmal einen solchen elektronischen Almanach geben, der Kindern den Weg in die Erwachsenenwelt ebnet, so steht dafür ein Titel bereits jetzt zur Verfügung: "Der kleine Prinz".Der Romanklassiker von Antoine de Saint-Exupéry gehört mit einer Auflage von über 25 Millionen Exemplaren zu den meistverkauften Büchern der Welt.Seit wenigen Tagen können die phantastischen Erlebnisse des fernen Sternenbewohners auch in einer Multimedia-Version genossen werden.Der Berliner Tivola-Verlag hat dazu die französische Originalausgabe der Edition Gallimard ins Deutsche übertragen und pünktlich zur Frankfurter Buchmesse auf den Markt gebracht.Der hohe Bekanntheitsgrad des Buches allein hat dafür gesorgt, daß der Handel zum Verkaufsstart 15 000 CD-Roms abgenommen hat, eine für Multimediaproduktionen durchaus ansehnliche Zahl.Tivola-Geschäftsführer Mil Thierig erwartet, daß bis zum Jahresende 40 000 Exemplare abgesetzt werden können.Dabei hat der kleine Prinz es ganz und gar nicht mit Zahlen.Die Romanfigur von Saint-Exupéry fühlt sich schließlich den Tieren und Pflanzen auf seinem Heimatasteroiden mehr verbunden als der nüchternen Welt der Erwachsenen, die Menschen eher nach ihrem Gehalt und Gegenstände nach ihrem Preis beurteilen und dabei die eigentlich wichtigen Werte zumeist übersehen.Zumindest stellt es sich so für den kleinen Prinzen dar.Ein zentraler Bestandteil der CD-ROM ist - verständlicherweise - das Buch selbst, das in voller Länge und mit allen Zeichnungen von Saint-Exupéry wiedergegeben wird.Dem Medium entsprechend werden Text und Bild um Multimedia-Elemente wie Musik, Sprache und Animationen in einer Weise ergänzt, die sich auf poetische Weise in die Handlung des Buches einfügen.Untermalt von eigens für die CD-ROM komponierter Musik wird der Leser so zum Hörer, der den Lesungen von Ben Becker und des Jungschauspielers Nicolzs Artajo lauschen kann, während er zusieht, wie aus einem Hut eine Riesenschlange wird, die einen Elefanten verschluckt hat.Seinen besonderen Charme verdankt die CD-ROM vor allem Romain Victor-Pujebet, der bereits vor einigen Jahren durch den Multimedia-Titel "Lulu" von sich reden machte..In seiner zweiten Produktion, der Schneekönigin, bediente sich Victor-Pujebet erneut eines Buches mit seiner linearen Erzählweise, um ein Multimedia-Märchen der besonderen Art zu erzählen."Der kleine Prinz" kann dabei als gelungene Fortsetzung des Versuches angesehen werden, das klassische Medium Buch durch die neuen Medien zu ergänzen, ohne den hinter den Büchern stehenden Ideen Gewalt anzutun.

In einem Interview hat Victor-Pujebet erklärt, daß die CD-ROM nicht mehr sein wolle als das Buch.Vielmehr solle mit ihr eine Möglichkeit geboten werden, eine andere Sicht der Geschichte zu erhalten.Dies ist ihr zweifellos gelungen.In welchem Buch werden schon Teile der Geschichte wie die Episode mit der Zähmung des Wüstenfuchses zu einem eigenständigen Spiel, bei dem der Leser zum Akteur wird, der sich zudem noch um die kleine Rose auf dem Stern des Prinzen kümmern muß?

"Der kleine Prinz" ist nicht zum wilden Herumklicken gedacht.Die Multimedia-Adaption will in Ruhe genossen werden.Und obwohl die Geschichte von einem Kind handelt, ist sie mehr für jene Großen gemacht, die nicht vergessen haben, daß sie auch einmal klein gewesen sind und nach der Devise gelebt haben: "Man sieht nur mit dem Herzen gut.Das Wesentliche ist für Augen unsichtbar.

"Der kleine Prinz", Tivola Verlag, 79 DM.Systemvoraussetzungen: Mindestens Multimedia-Pentium 90 mit Windows 95 oder vergleichbarer Macintosh mit System 7.5

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar