Zeitung Heute : Wim Wenders huldigen

Lars von Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Diesem Film verdanke ich mein Lebensglück. Vor etwa 17 Jahren sah eine junge Kanadierin in einem Torontoer Programmkino einen deutschen Film mit dem amerikanischen Titel „Wings of Desire“. Sie verguckte sich in die Stadt, in der der Film spielt. Vor allem die Säule mit dem goldenen Engel, auf der sich die leibhaftigen Engel versammeln, hatte es ihr angetan. Die Bilder ließen sie nicht mehr los, sie besuchte die Stadt aus dem Film auf einer Europareise, kam wieder, lernte einen Deutschen kennen – und blieb bis auf Weiteres. Inzwischen sind wir seit ein paar Jahren verheiratet, und jedes Mal, wenn ich an der Siegessäule vorbeikomme, spreche ich still ein paar Worte des Dankes an den goldenen Engel und an den Regisseur des Films, Wim Wenders.

Jetzt muss ich meinen Dank auf Rainer Maria Rilke ausweiten. Des Dichters Texte nämlich waren es, die Wenders zu „Wings of Desire“ alias „Der Himmel über Berlin“ inspirierten. Das erzählt der Regisseur in einem Interview, das zu einer sehr hübsch aufgemachten DVD-Sonderausgabe des Films gehört, die kürzlich erschienen ist. Darin erzählt Wenders auch von den Dreharbeiten im Niemandsland des Potsdamer Platzes, zeigt Szenen, die nicht in den Film gelangten, und verrät, wieso er die Engel zu seinen Hauptfiguren machte.

Das Schönste ist jedoch, den Film heute noch einmal anzuschauen. Kaum zu glauben, wie sich Berlin seit den Dreharbeiten vor 18 Jahren gewandelt hat. Wie Otto Sander und Bruno Ganz als Engel Damiel und Cassiel durch die geteilte Stadt wandeln und die Gedanken der Menschen erlauschen, das wirkt angesichts der teils unwiederbringlich verschwundenen Stadtkulissen noch verzauberter als damals beim ersten Ansehen. Auch die Texte von Peter Handke, die ich früher zu gestelzt und prätentiös fand, gewinnen mit zeitlichem Abstand an Schönheit. Vielleicht liegt das auch daran, dass man sich in manchen von ihnen erst wiederfindet, wenn man ein paar Lebenserfahrungen gesammelt hat. So wie in der Erkenntnis der Trapezkünstlerin Marion, in die sich der Engel Damiel verliebt: „Es gibt keine größere Geschichte als die von uns beiden, von Mann und Frau.“

DVD „Der Himmel über Berlin“, Special Edition, Arthaus/Kinowelt, 17,99 Euro

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben