Zeitung Heute : Wind im Getriebe

Harald Schumann

Windenergieerzeuger und Stromkonzerne streiten sich über die Kosten der Weiterentwicklung der Technologie. Was wäre die Folge, wenn sie sich jetzt nicht auf einen gemeinsamen Weg einigen?

Seit langem ist umstritten, welche Kosten Windkraftwerke durch zusätzliche Strom trassen und Reservestrom verursachen. Darum sollte ein von den Experten der Stromkonzerne und der Windkraftindustrie gemeinsam erarbeitetes Gutachten klären, wie der geplante Ausbau der Windenergie zu verwirklichen sei – und wie teuer das für die Stromkunden wird. So beschlossen es die Vertreter der Stromriesen Eon, RWE und Vattenfall und der Windkraftverbände im Jahr 2003. Die Moderation übernahm die bundeseigene Deutsche Energieagentur (Dena), deren Geschäftsführer Stefan Kohler das Projekt organisierte. Doch die Verabschiedung des Schlussgutachtens wurde mehrfach vertagt. Und noch immer ist unsicher, ob es wie geplant am kommenden Montag verbschiedet werden kann.

Dabei ist das Projekt im Grundsatz weit gediehen. Die Prüfung ergab, dass der Ausbau der Windkraftkapazität von heute etwa 16000 auf 35000 Megawatt im Jahr 2015 und deren Integration in das Stromnetz durchaus machbar ist, sogar zu vertretbaren Kosten. Allerdings müssten binnen zehn Jahren insgesamt 845 Kilometer neue Hochspannungstrassen errichtet werden, heißt es im jüngsten Entwurf der Studie, der dem Tagesspiegel vorliegt. Die Leitungen, vornehmlich von der Küste nach Süden, würden bis 2010 mit 800 Millionen Euro und in den folgenden fünf Jahren noch einmal mit 350 Millionen Euro zu Buche schlagen. Das ist, gemessen an den Gesamtkosten für das Stromnetz, nicht viel. Ohnehin investieren die Netzbetreiber zwei Milliarden Euro jährlich in ihre Leitungen. Und bei 30000 Kilometern Gesamtlänge, seien „die 1,5 Prozent zusätzlich für die Windkraft zu verkraften“, meint Dena-Chef Kohler. Für die Atomkraftwerke seien weit mehr Stromtrassen gebaut worden.

Trotz dieser von allen Teilnehmern getragenen Erkenntnis droht der beabsichtigte Konsens in letzter Minute zu scheitern. Denn die Netzbetreiber erklären, dass sie den notwendigen Netzausbau nicht rechtzeitig verwirklichen können. Darum forderten die Gutachter der Windkraftverbände, die Studie solle auch die Möglichkeiten zur Optimierung im bestehenden Netz berücksichtigen. Denn die Hochspannungsleitungen könnten zum Beispiel bei Wind wegen der damit einhergehenden Kühlung fast doppelt so viel Strom transportieren wie kalkuliert, erklärte Ralf Bischof, Sprecher des Bundesverbandes Windenergie. Die Betreiber würden die Leitungskapazität stattdessen für sommerliche Temperaturen bei Windstille berechnen.

Doch diese und andere Alternativen sollen nach dem Willen der von Stromindustrie und dem Bundeswirtschaftsministerium getragenen Mehrheit im Steuerungsausschuss des Projekts erst in einer zweiten Teilstudie geklärt werden. Gleichzeitig fordern aber die Netzbetreiber das Recht, Anträge auf Neuanschluss von Windparks aus technischen Gründen abzulehnen und wollen dies im Gutachten festschreiben.

Noch umstrittener ist die Frage, ob Windkraftwerke womöglich die Stabilität der Stromversorgung gefährden. Bei einem Kurzschluss in einer norddeutschen Hochspannungsleitung könne es zu einem „spontanen Leistungsdefizit von mehreren tausend Megawatt“ kommen, heißt es im Netzkapitel der Studie, erstellt vom Kölner Energiewirtschaftlichen Institut, das traditionell der Strombranche nahe steht. Schuld daran sei die plötzliche Abschaltung der Windgeneratoren bei Spannungsabfall. Wegen der Überlastung von Kupplungen mit den Auslandsnetzen sei sogar ein „Auseinanderbrechen des europäischen Verbundsystems“ möglich, schreiben die Autoren.

Dieses Problem hätten die Stromkonzerne jedoch „selbst zu verantworten“, meint Bischof. Denn sie hätten den Windkraftbetreibern vorgeschrieben, dass ihre Anlagen im Kurzschlussfall vom Netz gehen sollen. Erst vor zwei Jahren hätten sie diese Vorschrift geändert. Um die Gefahr zu bannen, plädieren die Gutachter nun für die Umrüstung der Altanlagen – zu wessen Lasten ist jedoch nicht geklärt. Können sich die Kontrahenten am kommenden Montag über all diese Fragen wieder nicht einigen, bleibt auch das Restrisiko der Windenergie erhalten – der große Blackout.

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