Zeitung Heute : Wind, Sand und Banditen

Woher kamen die Terroristen von Mombasa? Auf der Suche in einem Flüchtlingscamp

Christoph Link[Dadaab]

Im Büro des Distrikt-Beamten ist die Wahrheit wohl nur geschönt zu erfahren. „Es gibt hier nichts Bedrohliches oder Alarmierendes“, sagt er. „Ich bin von hier. Ich kann Ihnen sagen, es gibt hier keine Terroristen, und Trainingscamps schon gar nicht.“

Dadaab im Nordosten Kenias ist eine kleine Hüttensiedlung, 430 Kilometer nordöstlich von Nairobi gelegen, ein schmuddeliges Dorf mit Ziegen und Eseln, leeren Marktständen und Jugendlichen, die auf der Straße sitzen und in die Luft gucken. Das moderne Kenia ist fern, Somalia gleich um die Ecke, hundert Kilometer entfernt. Vergessen von der Welt wäre Dadaab, stünden nicht sechs Kilometer weiter drei große Flüchtlingscamps mit 130000 Somalis: Ifo, Hagadera und Dagahley. Zusammengepfercht auf fußballgroßen Parzellen wohnen die Menschen in Rundhütten mit Dächern aus Gras und gelben Plastikplanen, Dornenhecken grenzen die Lager ab.

Nichts Bedrohliches im Nordosten? Die Provinz gilt als eine der gefährlichsten des Landes. Kürzlich ist der Konvoi eines Ministers beschossen worden. Wegen der Banditen reist der Linienbus, der einmal am Tag aus Nairobi kommt, mit drei bewaffneten Polizisten an Bord. Besucher dürfen sich nur von Polizei eskortiert im Dorf bewegen. Wenn es dunkel wird, gilt für die Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks UNHCR – größter Arbeitgeber am Ort – eine Ausgangssperre.

Die Camps selbst gelten als Quelle der Gewalt. Bei einer Razzia sind dieses Jahr 23 Gewehre beschlagnahmt worden, vor allem Kalaschnikows. Die Nordostprovinz grenzt auf 670 Kilometern an Somalia, die Grenze sei ein Einfallstor „für illegale Einwanderer und Ausländer, die mit dem Terrorismus verbunden sind", behauptet Kenias Polizeidirektor Philemon Abong’o. Geheimdienste halten die Strecke nach Dadaab für eine Terroristen-Transitroute, hier könnten die SAM-7- Raketen eingeschmuggelt worden sein, die vergangene Woche in Mombasa auf ein israelisches Flugzeug abgefeuert wurden. Boden- Luft-Raketen, berichtet „Newsweek“, sind in Somalia schon für 2000 Dollar zu haben.

Wer Dadaab besucht, sieht sofort, dass es unmöglich ist, die Grenze zu kontrollieren. Nichts als Wind, Sand, Dornenbüsche und Termitenhügel. Dennoch meldete Kenias Polizei kürzlich einen Erfolg: Zwei Irakis, aus Somalia kommend, seien in Dadaab unter Terrorverdacht verhaftet worden. „Ja, ja“, ruft Mohamed A. Abdi, der Distrikt-Beamte, „ich persönlich habe die Irakis verhaftet!“ Die beiden Fremden seien mit irakischen Pässen und Plastiktüten eingereist, nicht einmal eine Tasche hätten sie dabei gehabt.

Reisen Al-Qaida-Terroristen mit Plastiktüten? Ist die gottverlassene Gegend ein Standort für professionelle Killer oder eher für lokale Banditen? Befragungen im DadaabCamp hätten ergeben, dass die somalische Terrorgruppe Al Ittihad Al Islamiya (Islamische Union) hier Kämpfer rekrutiere und ausbilde, behauptet das Zentrum für Flüchtlingsstudien in Kenia. Außerdem predigten Muslimführer des Lagers im „Taliban-Stil“.

Die Al-Ittihad-Gruppe ist nach den Anschlägen von Mombasa mehrfach als örtlicher Partner von Al Qaida genannt worden. Sie stammt ursprünglich aus der somalischen Provinz Gedo an der Grenze zu Kenia und will einen islamischen Staat Somalia. Nachdem Al Ittihad sich zu Bombenanschlägen in Äthiopien 1996 und 1997 bekannt hatte, marschierten äthiopische Truppen in Gedo ein und zerstörten das Al-Ittihad-Hauptquartier. Die Kämpfer – einst sollen es 2000 gewesen sein – wanderten Richtung Süden. Nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste sollen nun noch bis zu 250 gut bewaffnete Al-Ittihad-Leute unter dem Kommando eines gewissen Hassan Turki stehen, sie haben sich an den Südzipfel Somalias zurückgezogen. „Al Ittihad hat sich in Kampfeinheiten von zwei bis drei Leuten aufgelöst“, sagt ein westlicher Informant. „Die Gruppe versucht, sich über soziale Angebote in die Gesellschaften zu integrieren.“ Doch die Al-Ittihad-Mitglieder hätten in Somalia einen schweren Stand – unter den rivalisierenden Clans „sitzen sie zwischen allen Stühlen“.

Möglich, dass Al Ittihad es in Kenia einfacher hat. Die Nordostprovinz um Dadaab gilt als eine der ärmsten Regionen des Landes mit einer hohen Kinder- und Müttersterblichkeit. „Die Leute laufen zu Fuß 70 Kilometer bis zur nächsten Gesundheitsstation“, sagt Abdule Kore, Sprecher eines Jugendverbandes. Islamische Verbände würden Waisenhäuser eröffnen und Jobangebote machen, sie füllten die staatliche Lücke.

Auch Al Ittihad? „Es gibt bei uns keine Hinweise auf Al Ittihad“, sagt Daisy Buruku, die ugandische UNHCR-Direktorin in Dadaab. Auch die Flüchtlinge wollen von Al Ittihad nie gehört haben. „Wir sind hier abgeschnitten von der Welt“, sagt eine somalische Frau, „mit so bösen Dingen haben wir nichts zu tun.“ Die Gewalt in den Camps ist das größte Problem, vor vier Jahren gab es Statistiken, dass jeden zweiten Tag eine Frau in Dadaab vergewaltigt werde. Nachdem das UNHCR der klammen Polizei Kenias neue Autos und Telefone gekauft und ihr einen „Anreiz“ bezahlt hatte, verbesserte sich die Sicherheitslage ein wenig. Drei der Pick-ups stehen nun still im UNHCR-Verwaltungszentrum, mit Planen abgedeckt, zu Schrott gefahren. Im Juni erklärte das UNHCR, dass in sechs Monaten in Dadaab „nur“ noch 15 Frauen vergewaltigt worden seien – meist beim Holzholen.

Kenias wilder Nordosten ist ein möglicher Schlupfwinkel für Terroristen, aber die aktuellen Ermittlungen weisen in viele Richtungen: Vor dem Paradise-Hotel von Kikambala bei Mombasa wurden die Selbstmordattentäter als Männer „arabischen Aussehens“ erkannt – in Kenia wird fein zwischen „arabischen“ und „somalischen“ Gesichtern unterschieden. Am Mittwoch wurden in Mombasa zwei Kenianer „arabischer Herkunft“ und ein somalischer Autoverkäufer verhaftet. Die israelische Zeitung „Ha’aretz“ berichtete, dass einer der Hauptverdächtigen für den Mombasa-Anschlag ein 30-jähriger Muslim von den Komoren sei, der sich in Somalia verstecke. Bei allen Vermutungen ist nur so viel klar: Die Anarchie dieses Nachbarlandes wuchert längst über die Grenze nach Kenia.

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