Zeitung Heute : Windows oder Linux: Hohe Messlatte für Linux

Kurt Sagatz

Andreas Steffens sollte sich an frühes Aufstehen besser schnell gewöhnen. Selbst wenn die Strecke einigermaßen frei ist, braucht man mit dem Auto von Frankfurt nach Berlin selten weniger als sechs Stunden. Derzeit ist Steffens eine Ein-Mann-Firma. Er ist der Sales Representative des französischen Software-Hauses Mandrake, also Chef und Sekretärin in einem. Bald, so hofft er, wird er den Titel "Region Manager" tragen, denn schließlich will Mandrake in Deutschland seinen Marktanteil von vier Prozent auf zehn Prozent zum Jahresende ausbauen. Kein einfaches Unterfangen, schließlich ist der Name Mandrake hierzulande den wenigsten ein Begriff. Dann schon eher Linux, das alternative Betriebssystem. Und Mandrake, so das Ziel der französischen Software-Firma, soll das beste Linux aller Zeiten werden. Damit die Nutzerschaft dies auch erfährt, reist Steffens derzeit quer durch Deutschland.

Bislang hat Steffens sein Linux vor allem auf Messen vorgeführt. Auf der CeBIT in Hannover und der Internet World letzte Woche in Berlin. Oder auf den diversen regionalen Linux-Fachveranstaltungen. Aber da ist man schon fast unter sich. Jeder Experte schwört auf sein Linux, ob nun von Suse oder Red Hat. Ehemals war Mandrake eine Auskopplung der Red-Hat-Distribution, so nennt man die Aufbereitung der freien Linux-Software zu kommerziellen Software-Paketen. Linux selbst ist schließlich kostenlos. Firmen wie Suse, Red Hat und Mandrake verdienen daran, dass sie die vorhandenen Programme zu funktionierenden Paketen zusammenschnüren und um sinnvolle Zusatzprogramme erweitern. Dafür muss der Linux-Kunde allerdings nur einmal bezahlen, egal auf wie vielen Rechnern er später das System installiert. Nicht zuletzt deswegen interessieren sich inzwischen viele ganz normale Unternehmen für Linux.

Um die Bekanntheit von Mandrake-Linux zu steigern, hat Steffens eine Kooperation mit der Fachbuchhandlung Lehmanns geschlossen. Lehmanns ist in 32 Orten Deutschlands mit Filialen vertreten und überall dort, wo es eine Uni gibt. So ist sichergestellt, dass Mandrake auf seiner Tour - die erst einmal sechs Lehmanns-Standorte abdeckt - in jedem Fall das studentische Stammpublikum erreicht. An diesem Montag musste Steffens jedoch nicht nur die Fans von den Vorzügen der neuen Version mit der Nummer 8.0 überzeugen, sondern auch die Tagesspiegel-Redaktion. Auf einem etwas älteren Standard-Laptop, wie es unzählige Male in Kaufhäusern oder bei Aldi verkauft wurde, sollte Mandrake installiert werden, und was noch wichtiger ist: Auch die Soundkarte, die USB-Maus und am besten der Infrarot-Anschluss für das Handy-Modem sollten auch funktionieren.

Sieben CDs zur Installation

Andreas Steffens sah darin keine unlösbare Aufgabe. Das Handbuch blieb gleich im Karton, nur die sieben CDs wurden auf dem Tisch verstreut. Etwas übermütig sollte alles installiert werden, was die CDs hergeben. Also sowohl Büroprogramme, Spiele, Multimedia-Tools, Entwicklerwerkzeuge und und und. Ein paar Einstellungen zur Einrichtung der Festplatte mussten per Hand vorgenommen werden, der Rest lief - wie von Windows gewohnt - nahezu automatisch ab, einschließlich der Hardware-Erkennung. Ganz so reibungslos geht es aber dann doch nicht. Nach einer dreiviertel Stunde sind zwar alle Pakete installiert und es müssen nur noch Passwörter vergeben und ein Drucker ausgewählt werden. Und natürlich die Bildschirm-Auflösung eingetragen werden. Was bis dahin so gut lief, entpuppte sich nun als handfestes Problem. Mit der Standardeinstellung wäre möglicherweise alles gut gegangen. Der manuelle Monitor-Eingriff ließ jedoch nichts als Streifen übrig.

Geben wir also den Versuch auf? Ist Linux nun gescheitert? Immerhin wollte Steffens zeigen, dass Linux nicht alles anders, aber vieles besser macht als der große Konkurrent. Nein. Ein zweiter Anlauf wird gemacht. Diesmal weniger wagemutig. Ausgewählt werden die Standard-Werte, man beschränkt sich auf das Paket für Büroanwendungen. Der Rest kann nachinstalliert werden. Diesmal dauert es nur eine halbe Stunde, schnell noch Passwort, Drucker und Bildschirm-Einstellung. Die USB-Maus hat schon bei der Installation funktioniert, die Soundkarte gibt die Systemklänge nach deren Aktivierung ebenfalls anstandslos über die eingebauten Lautsprecher quäkend aus. Bloß die Infrarotschnittstelle muss noch von Hand eingerichtet werden, eine Übung, die nur vom Profi vorzunehmen ist.

Zwei Stunden nach dem Start des ersten Versuchs steht als Ergebnis fest: So weit war man mit Linux in so kurzer Zeit bislang nie gekommen. Auch das Feintuning geht fixer als erwartet. Die neue grafische Benutzeroberläche KDE erinnert stark an den Windows-Desktop, auch wenn die Systemeinstellungen nun im Kontrollzentrum vorgenommen werden. Selbst die Nachinstallation des StarOffice-Büropaketes klappt problemlos. Das Mandrake-Paket dürfte auch viele Windows-Fans positiv überraschen.

Allerdings steigt gleichzeitig mit der zunehmenden Benutzerfreundlichkeit auch bei Linux offensichtlich der Ressourcen-Hunger. Linux mag zwar stabiler sein, zur Beschleunigung älterer Hardware taugt es bei Nutzung der grafischen Oberfläche nicht. Bis das komplette Office-Paket im Arbeitsspeicher ist, bleibt genügend Zeit für einen großen Schluck Kaffee. An dem die Linux-Fans sicherlich zu schätzen wissen, dass sie ihn mit dem guten Gefühl trinken können, Microsoft eins ausgewischt zu haben.

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