Zeitung Heute : Wintersport: Eine Frage der Bindung

Adelheid Müller-Lissner

Der kleine braune Elch, der zum Skispringen antrat, hatte es gut: Bei der Winterolympiade der Plüschtiere, an der er Mitte Januar in Berlin teilnehmen durfte, war keiner der Teilnehmer von Knochenbrüchen und Bänderrissen bedroht. Der menschliche Wintersportler, ausgerüstet mit einem überaus nützlichen, aber störanfälligen Bewegungsapparat, ist da weitaus gefährdeter. Nehmen wir mal eine ganz normale vierköpfige Familie: Wer sich alljährlich in den Winterferien für 14 Tage zum Skifahren nach Tirol aufmacht, dann ist "rein statistisch" alle drei Jahre mit einem Skiunfall bei einem Familienmitglied zu rechnen. Denn sechs von 1000 alpinen Skiläufern verletzen sich an einem Tag im Schnee. 65 000 Wintersport-Verletzungen pro Saison registriert die DAK, davon 10 000, die einen Klinikaufenthalt zur Folge haben.

Sollten die Kinder der Musterfamilie sich dieses Jahr entschließen, endlich aufs Snowboard umzusteigen, das in ihrer Altersgruppe weit angesagter ist, so steigt das Risiko noch einmal ein wenig - vor allem in der allerersten Woche. Denn 73 Prozent aller Unfälle mit schweren Verletzungen finden beim Snowboarden in den ersten sieben Tagen statt. Es sind vor allem die Handgelenke, die brechen, und die Schultergelenke, die auskugeln, weil die Anfänger viel stürzen und sich typischerweise nach hinten fallen lassen und dort abstützen. Im Snowboard-Kurs wird deshalb zuallererst das richtige Fallen geübt und die Balance trainiert.

Dass die Verletzungshäufigkeit beim Snowboarden höher ist, wird allerdings in einer Studie des österreichischen Instituts "Sicher leben", für die 750 Wintersportler direkt auf der Piste befragt und 250 Verletzte am Spitalbett interviewt wurden, nicht allein mit der Unerfahrenheit und der "Risikofreude" der meist jugendlichen Einbrettfahrer erklärt. Hinzu kommt, dass der Sport selbst noch jung ist, während die einschlägige Ski-Industrie schon seit Jahrzehnten bemüht ist, die Ausrüstung rund um die klassischen Bretter zu verbessern. Immerhin gibt es schon einige Erkenntnisse zur Risikoreduktion auch für die Boarder: So raten die Experten unbedingt zu versteiften Handschuhen und sogar zum Helm.

Fallübungen auf dem Teppich

Der "typische" Skiunfall betrifft dagegen die unteren Extremitäten, wobei die Probleme sich seit der Entwicklung der festen, hohen Skistiefel vom Knöchel zum Knie verschoben haben. So mancher Knochenbruch und Bänderriss müsste nach Ansicht von Medizinern und Sicherheitsexperten aber gar nicht sein: "Mehr als die Hälfte der Skiverletzungen könnte durch fachgerechte Bindungseinstellung und ein mindestens vierwöchiges gezieltes Fitnesstraining vor jeder Skisaison vermieden werden", mahnt wie jedes Jahr das Bayerische Gesundheitsministerium. Für die Einstellung der Bindung, die Ski und Schuh zusammenhält, spielt das individuelle Maßnehmen beim Schienbeinkopf unterhalb des Knies eine gewichtige Rolle. Vor dem Start in die neue Saison muss überprüft werden, wie gut die Bindung noch auslöst. Der Orthopäde und Sportmediziner Holger Mellerowicz, Vorsitzender der Berliner Sportärzte, empfiehlt, das noch auf dem heimischen Teppich zu testen. Beim "typischen" Sturz lässt sich der Skifahrer nach hinten fallen, sein Unterschenkel zieht dabei nach vorne, die Bindung löst nicht aus, durch die ruckartige Bewegung des Beins reißt das vordere Kreuzband des Knies aus.

Snowboarder sind besser als ihr Ruf

Das Allerwichtigste ist für Mellerowicz, der regelmäßig Kurse in Wintersport-Medizin veranstaltet, neben der Bindung die Einstellung der Skifahrer selbst. "Sich warm machen, sich vordehnen, das stimmt mental auf das Skifahren ein, versetzt aber auch die Nerven in den optimalen Bewegungszustand." Zur richtigen Einstellung gehört es auch, die allgemeine Fitness in den Monaten davor zu stärken. Als jede Höhe noch im Grätschschritt erklommen werden musste, brauchte man das keinem Brettlfreund zu erklären.

Dafür war damals ein Phänomen seltener, das Mellerowicz als "Überschätzung durch Ausrüstung" beschreibt: Insbesondere die immer beliebteren Carving-Ski führen "mit weniger Können zu schnellerem Fahren"- und größerer Sturzgefahr. Insgesamt verletzen sich Skifahrer über 45 und Snowboarder unter 25 besonders häufig. Anders als im Straßenverkehr ist der typische Pistenunfall das Werk von Solisten: 93 Prozent der Skiunfälle sind Einzelstürze. Zusammenstöße mit den - bei vielen Skifahrern als Rowdies verschrieenen - Snowboardern machen nur ein Prozent der Unfälle aus, Kollisionen mit anderen Skifahrern sind in sechs Prozent der Fälle schuld.

Übrigens: Bei allem Nachdenken über mögliche Unfälle sollte man nicht unterschlagen, wie gesund ein Winterurlaub mit sportlicher Betätigung meist ist: Die Luft ist rein, das höhenbedingte Reizklima regt den Stoffwechsel an, die UV-Strahlung tut mitten im Winter besonders gut, ebenso wie der Topfenstrudel beim Après-Ski. Und dann gibt es da ja noch den Skilanglauf: Von Sportmedizinern besonders gelobt als gesundes Ausdauertraining, lockt er nicht nur im Land der Elche, sondern auch in den Alpen immer mehr leichtfüßige Läufer in die Loipen.

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