Zeitung Heute : Winterurlaub: Jenseits der Lawinengipfel

Birgit Kölgen

Stiefel wie Klötze am Bein, Schwitzen in der Warteschlange, Frieren auf dem Sessellift, Stöhnen am Steilhang. Wer ohne einen gewissen Ski-Stress Winterurlaub machen will, sollte es mal mit Gemütlichkeit versuchen - etwa in kleinen Allgäu-Orten in Bayern oder, wie Wangen, gerade noch in Baden-Württemberg.

Zugegeben, ganz schneesicher ist es nicht auf den Hügeln hinter Wangen, einem Städtchen rund 25 Kilometer nördlich vom Bodensee (Lindau). Aber Lawinen drohen garantiert nicht auf der harmlosen Höhe von 600 Metern, und der Fernblick zu den majestätischen Alpen ist bei klarem Licht einfach grandios. Am luftigsten Punkt des Ortes, zwischen den letzten Einfamilienhäusern und dem Waldrand, hat ein Bauer einen kleinen Schlepplift angelegt, ideal für Kinder und Anfänger. Für 50 Pfennig geht es hier aufwärts, eine Tageskarte kostet 13 Mark (elf Mark für Kinder).

An der gleichen Stelle beginnt auch die gespurte Langlaufloipe - zwei Routen, vier und acht Kilometer lang, führen über dick verschneite Wiesen mit durchgängig schönen Aussichten. Sanfte, aber konditionsfördernde Steigungen und einige kleine Abfahrten sorgen für den sportlichen Reiz des Skispaziergangs. Was es überhaupt nicht gibt: Hütten mit Disco-Musik und anderes Touristen-Amüsement. Wer nach der Tour einkehren will, macht einen Bummel durch die tiefer gelegene malerische Altstadt, trinkt eine große Apfelschorle im Hinderofencafé gegenüber der Martinskirche oder folgt dem Duft von Leberkäs mit Röstzwiebeln ins Fidelisbäck, eine traditionsreiche Bäckerei mit angeschlossener Bierkneipe, wo sich Gäste und Einheimische an großen Tischen fröhlich zusammen drängen.

Berühmte Attraktionen sucht man vergeblich in Wangen, aber die mit Sankt Martin und der Himmelskönigin Maria bemalten Stadttore könnten aus dem Bilderbuch der heilen Welt stammen. Jedes Ding hat hier seine Ordnung: Am Mittwoch morgen, auch im Winter, ist bunter Bauernmarkt, jeden Donnerstag um 15 Uhr 30 startet ein geführter Rundgang durch die mittelalterlichen Gassen. An Trubel gewöhnte Städter müssen sich damit abfinden, dass die Gasthäuser nur von 12 bis 14 Uhr Mittagessen servieren, dass das Heimatmuseum Winterschlaf macht, dass die hübschen Geschäfte um 18 Uhr schließen, und dass es im Romantikhotel kein Spaßprogramm gibt. "Lass Dir Zeit", steht mahnend unter der Turmuhr.

Auf der Suche nach den sanfteren Freuden kommt man auch ins etwa 15 Kilometer entfernt liegende Lindenberg, wo am Hallenbad gleich mehrere Skiwanderwege zwischen drei und 14 Kilometer Länge beginnen - relativ schneesicher auf 800 Metern Höhe. Ehrgeizige können vom Lindenberger Waldsee aus noch 50 Kilometer weiter bis zum Alpsee auf der Loipe laufen.

Andere schwimmen vielleicht lieber ein paar Bahnen oder gehen (nur Mittwoch, 15 bis 17 Uhr 30, und Sonntag, 10 bis 12 Uhr) in das Lindenberger Hutmuseum, wo sie Erstaunliches über die wirtschaftliche Vergangenheit des Luftkurortes lernen, der sich im 19. Jahrhundert vom Pferdedorf zu einem Zentrum der Hutindustrie gewandelt hatte. Im Jahr 1913 wurden hier nicht weniger als acht Millionen Strohhüte hergestellt.

Historische Halmspalter, Flechtmuster und Nähmaschinen geben Einblick in die Boom-Zeit der Produktion, als niemand ohne Hut ging. Noch 1960 trug die deutsche Olympiamannschaft Lindenberger Strohhüte, Elke Sommer und Nadja Tiller posierten mit Showmodellen aus dem Allgäu. Doch von den 70er Jahren an galten Kopfbedeckungen als spießig, und die Lindenberger Hutwirtschaft schrumpfte auf eine renommierte Fabrik - die es heute noch gibt. Ein Besuch lohnt: Im Fabrikverkauf bei Mayser (Bismarckstraße 4) findet man die schicksten Modelle zu Schnäppchen-Preisen.

Noch mehr Lust auf Allgäu? Das mondäne Oberstaufen ist nicht weit. Beschaulicher ist es in Weiler, von wo aus eine verschlungene Straße hinauf auf den Sulzberg führt und damit hinüber nach Österreich, in den Bregenzer Wald. Auch hier gibt es wunderschöne Loipen, man kann auf dem Hochplateau aber auch einfach geruhsam spazieren gehen und nachher im Gasthof Alpenblick den besten Kaiserschmarren diesseits von Wien probieren - aber bitte mit Marillenkompott!

Auskunft unter den Adressen

Wangen: Gästeamt, Marktplatz 1, 88239 Wangen im Allgäu; Telefon: 075 22 / 742 11, Telefaxnummer: 075 22 / 741 11.

Lindenberg: Verkehrsamt, Stadtplatz 1, 88161 Lindenberg im Allgäu; Telefon: 083 81 / 803 28, Fax: 083 81 / 803 88.

Weiler: Kuramt, Hauptstraße 14, 88171 Weiler im Allgäu; Telefon: 083 87 / 391 50, Fax: 083 87 / 391 53.

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