Zeitung Heute : „Wir bilden Klangfachleute aus“

Holger Schulze leitet den UdK-Studiengang Sound Studies

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In den Siebzigern gehörten elektronische Musik-Experimente zur AvantgardeKunst. Inzwischen sind Bands wie „Kraftwerk“ Geschichte, die Klangkunst jedoch ist in der Hochschule angekommen: mit dem neuen UdK-Aufbaustudiengang „Sound Studies – Akustische Kommunikation“. Seit April 2006 lernen 32 Studierende in dem Master-Studium vier Fachbereiche kennen: Klanganthropologie und -ökologie, Experimentelle Klanggestaltung, Akustische Konzeption und – bei Ex-Kraftwerker Karl Bartos – Auditive Mediengestaltung. Fünf Jahre lang wurden die Ideen für „Sound Studies“ in 30 Workshops mit Klangkünstlern, Musikern und Wissenschaftlern getestet. Holger Schulze, Leiter des gebührenpflichtigen Studiengangs, war von Anfang an dabei.

Herr Schulze, Sound Studies gilt als weltweit einzigartig. Was ist das Besondere an diesem Fach?

Das Einzigartige ist das Zusammenwirken von Kunst, Gestaltung und Kommunikationswissenschaft in einem Studiengang. Mit dieser Kombination begründen wir eine ganz neue Disziplin. Unsere Fachbereiche lehren die theoretische, die konzeptionelle und die künstlerische Seite der Arbeit mit Klang – eine Qualifikation, die es so nirgendwo sonst gibt.

Eine Qualifikation, die über zwei Jahre 9600 Euro kostet. Welche Vorteile hat man davon im Berufsleben?

Der Sinn von Sound Studies ist, Klanggestalter und -Berater auszubilden, die fähig sind, in den verschiedensten Anwendungsbereichen arbeiten zu können. Mit dem umfassenden Lehrangebot wollen wir ein hohes Wissens-Niveau für die Berufspraxis erreichen: Ein Klangdesigner für das Internet, der künstlerisch etwas drauf hat, arbeitet effektiver. Und ein Künstler, der sich mit angewandter Konzeption auskennt, arbeitet anders und besser, als jemand ohne dieses Wissen.

Ihre Studenten sind schon um die 30 Jahre alt und waren bereits berufstätig. Warum drücken sie jetzt wieder die Uni-Bank?

Bei uns studieren Architekten und Stadtplaner, ausgebildete Instrumentalisten, Techno-Musiker, Klangkünstler und Journalisten. Der Studiengang dient der Spezialisierung innerhalb der einzelnen Berufsfelder: Ein Architekt, der mit der Kompetenz für Klang aufwarten kann, wird im Architekturteam eine Spezialisten-Position einnehmen. Genauso wollen Redakteure hier zu Klang-Fachleuten werden und Mediengestalter mit der Akustischen Kommunikation über eine zusätzliche Kompetenz verfügen.

Sie selbst geben das Seminar „Sprechen über Klang“. Wie kann man jemandem beibringen, Geräusche gut zu beschreiben?

Wenn man als Architekt arbeitet und ein Klangkonzept für einen Raum entwickeln möchte, muss man das dem Kunden irgendwie vermitteln – man kann den Klang ja nicht einfach erzeugen. Ich bespreche deshalb zunächst verschiedene Texte über Klang, um die Vielfalt von Sprechweisen – wissenschaftliche, literarische und technische – aufzuzeigen. Durch Übungen lernen die Studenten, Eindrücke plastisch wiederzugeben, zum Beispiel welches Geräusch eine Zeitung erzeugt – und welches Gefühl dadurch beim Lesen entsteht. Man nehme nur das Beispiel Zeitung. Ihr Umfang und die Art ihres Papiers bestimmen, wie sie sich anhört, und dieses Geräusch erzeugt beim Lesen ein bestimmtes Gefühl. Das in Worte fassen zu können setzt in erster Linie eine sensibilisierte Wahrnehmung voraus: Auf Geräusche kann man nicht zeigen, die sind dann schon weg. Man muss sie erleben.

Die UdK-Professoren werden von einem fünfköpfigen Klangrat unterstützt, dem unter anderem auch der Musikjournalist Diedrich Diederichsen angehört. Was für einen Einfluss nehmen diese Experten?

Sie bilden ein Beratungsgremium fachlich engagierter Freunde und Unterstützer. Alle haben auf ihre Weise mit Klang zu tun, etwa Jürgen Barthel von Siemens: Er ist Leiter der Abteilung für Unternehmenskommunikation und beschäftigt sich intensiv mit akustischer Kommunikation. Zweimal im Semester treffen wir uns und besprechen Probleme aus dem Studienalltag, bei denen Lehrerfahrungen von auswärts sehr hilfreich sein können. Alle Mitglieder des Klangrates werden vom Präsidenten der UdK eingeladen und arbeiten ehrenamtlich.

Sabine Breitsameter, Professorin für Experimentelle Klanggestaltung, hat Ihrem Studenten Satoshi Morita schon eine Ausstellungsplattform beim Klangkunst-Festival Sonambiente vermittelt. Wie führen Sie Ihre Studenten ansonsten an die Praxis heran?

Alle Studierenden gehen im Laufe des Studiums in Unternehmen und arbeiten dort eigenständig an einer Aufgabe, erleben also eine Art vorgezogenen Berufsbeginn. Wir haben schon viele interessante Angebote für Projektarbeiten im Bereich Rundfunk, Forschung und Sound Branding. Das ist ein Berufsfeld, das sich immer mehr durchsetzt: Marken nicht nur visuell und sprachlich zu gestalten, sondern auch mit einem bestimmten Erkennungsgeräusch zu vertonen.

Das Gespräch führte Maike Schultz

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