Zeitung Heute : Wir brauchen mehr Rabenmütter

Barbara Bierach

Folgende Email kursiert dieser Tage im Freundeskreis: „Ihr Lieben! Nein, leider, es hat wieder nicht für Weihnachtskarten gereicht. Ich kann das gut und gerne auf Timmies Zähnchen schieben. Denn die führen bei Mama und Papa zu bleierner Müdigkeit. Ich könnte es auch auf die Arbeit schieben, denn der Weihnachtsmann darf nicht kommen, bevor nicht noch 27 Projekte fertig sind und die Budgetplanung für 2006. Es mangelt also nicht an Erklärungsansätzen und Ausreden. Was wäre das Leben ohne Schuldgefühle? Verschwendet!“

Die Frau hat einen anspruchsvollen Job, einen Haushalt und überdies drei wohlgeratene Kinder. Und sie hat ein schlechtes Gewissen. Das ist nichts Individuelles, sondern gilt für nahezu alle Mütter mit Beruf. Im Büro fühlen sie sich mies, weil sie nicht zu Hause sein können und wenn sie endlich daheim sind, fühlen sie sich auch mies, weil in der Firma soviel liegen bleibt. Dieses Schuldgefühl wird ihnen von anderen auch noch eingeredet: „Rabenmutter!“ heißt es, wenn mal wieder eine Karrierefrau auf den letzten Drücker zur Kita hetzt, um ihre Lieben abzuholen. Garantiert meckert eine nicht berufstätige Dame: „Warum schafft die sich überhaupt Kinder an, nur um sie dann sofort wieder wegzuorganisieren?“

Das ist nicht nur gemein, sondern auch dumm. Raben sind nämlich hingebungsvolle Eltern – sie bleiben ein Leben lang zusammen und kümmern sich gemeinsam um die Jungen. Was die Menschenkinder angeht: Es gibt tonnenweise Studien, die belegen, dass ordentlich gemachte Ganztagsbetreuung in Kitas und Schulen Kindern keineswegs schadet. Die Länder, in denen es sie gibt, stehen in der Pisa-Studie fast alle besser da als Deutschland.

Aber das ist nur eine Seite der Medaille, die andere ist: Die Wirtschaft braucht die Frauen. Von der Unternehmensberatung Boston Consulting ist etwa zu hören, dass sie händeringend Mitarbeiterinnen sucht: Wer auf 50 Prozent des Führungsnachwuchses verzichtet, so die Berater, ignoriert die Hälfte des Talents. Die Firma kann ihre Wachstumsziele nur schaffen, wenn sie gezielt Studienabgängerinnen einstellt. Hinzu kommen all die Studien die zeigen, dass Firmen mit vielseitiger Belegschaft erfolgreicher sind als solche, die homogen von Männern dominiert werden.

Vielleicht sollten wir also endlich mal anfangen, die Doppelbelastungsfrauen zu feiern, anstatt sie zu kritisieren: Ihre Kinder brauchen sie, die Unternehmen brauchen sie und die Gesellschaft braucht ihre Kinder. Solange ihnen aber alle Schuldgefühle machen, wird keine Familienpolitik dieser Welt beruflich erfolgreiche Mütter produzieren.

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