Zeitung Heute : „Wir brauchen vier bis sechs Elite-Unis“

Einhäupl will die besten Forscher in Deutschland halten

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KARL MAX

EINHÄUPL (56)

ist Vorsitzender des

Wissenschaftsrates und

Leiter der Neurologischen Klinik der Charité in Berlin.

Foto: ddp

Die SPD will mindestens eine Elite-Universität in Deutschland etablieren. Eine gute Idee?

Die Initiative überrascht mich, denn der Bund hat ja gerade den Haushalt 2004 für das Forschungsministerium um 210 Millionen Euro abgesenkt, darunter 135 Millionen Euro für die Förderung des Hochschulbaus. Aber ansonsten liegt die Idee ganz auf der Linie des Wissenschaftsrats. Ich habe vor zwei Jahren die Bildung von Elite-Universitäten in Deutschland gefordert; damals wurde das noch als Provokation empfunden. Natürlich braucht Deutschland nicht nur eine, sondern vier bis sechs Elitehochschulen.

Wie entsteht eine Elite-Universität?

Erstens braucht eine Universität eine gewisse Größe und Bedeutung; sie muss eine hohe Zahl forschungsstarker Fakultäten haben. Zweitens ist eine gute Struktur für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses erforderlich, zum Beispiel Promotionskollegs. Drittens müsste der Anteil der Studenten, die sich die Unis selber auswählen können, drastisch erhöht werden. Und für diese Studenten sollten dann an einzelnen Unis Betreuungsverhältnisse wie in den USA geschaffen werden: 30 Studenten pro Professor statt etwa 50 wie bei uns. Viertens muss ein wissenschaftliches Umfeld außeruniversitärer Einrichtungen mit Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten vorhanden sein.

Wer soll die bessere Betreuung finanzieren?

Die Hochschulfinanzierung ist weitgehend Ländersache. Der Bund kann nur über Hochschulbau, Großgeräteförderung und bestimmte Sonderprogramme Einfluss nehmen. Die Länder aber können auf Grund der allgemeinen Finanznot nicht aus sich heraus Elite-Universitäten aufbauen. Sicher kann es nicht 16 solcher Leuchttürme geben, aber selbst in reichen Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg sind die Universitäten mittlerweile mit Kürzungen konfrontiert. Insofern ist es kontraproduktiv, dass jetzt auch der Bund deutliche Kürzungen im Hochschulbereich vornimmt. Nur mit einer Bund-Länder-Initiative wird es möglich sein, Elite-Unis zu finanzieren. Hier ist in erster Linie die Föderalismuskommission gefordert.

Elite-Universitäten brauchen die besten Köpfe – und damit noch mehr Geld.

Die Universitäten müssen stärker in die Lage versetzt werden, die international besten Wissenschaftler an Land zu ziehen, indem sie Professorengehälter in Einzelfällen deutlich anheben. Eine strikt leistungsorientierte Mittelvergabe hieße aber auch, in Berufungsverhandlungen Zugesagtes zu korrigieren, wenn Leistungen nicht erbracht werden.

Wo werden Elite-Hochschulen entstehen? An der Uni München und an der Humboldt-Uni Berlin, die bei Rankings sehr gut abschneiden?

Ich möchte keine Standorte nennen. Aber Berlin mit seinen vielen hochrangigen universitären und außeruniversitären Einrichtungen wäre gewiss ein guter Kandidat. Insgesamt ist ja das Durchschnittsniveau der deutschen Hochschulen gut. Weltweit werden unsere Absolventen mit Kusshand genommen. Wir müssen diesen Brain-drain (Weggang) stoppen, indem wir die Bedingungen für Spitzenforschung im eigenen Land massiv verbessern.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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