Zeitung Heute : „Wir dürfen das nicht überdramatisieren“

Der Geschäftsführer des Presserats, Lutz Tillmanns, über Prominente und Medien

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Herr Tillmanns, hat der Presserat festgestellt, dass sich die Grenzen bei der Berichterstattung über die Intimsphäre von Prominenten in den letzten Jahren verschoben haben?

Das konnten wir generell nicht feststellen. Aber wir haben im Rahmen von vielen Beschwerden immer wieder mit der Berichterstattung über Persönliches und das Privatleben von Prominenten und Nichtprominenten zu tun. Dafür gibt es die Ziffer 8 des Pressekodexes.

Was besagt dieser Passus?

Der besagt einerseits, dass die Presse insgesamt das Privatleben der Menschen achtet. Andererseits aber auch, dass Privates in den Medien erörtert werden kann, wenn öffentliche Interessen berührt werden. Die Güterabwägung zwischen dem Persönlichkeitsrecht des Einzelnen und dem Informationsrecht der Allgemeinheit muss im Einzelfall getroffen werden. Da ist keine generelle Aussage möglich.

Funktioniert diese Güterabwägung?

Ich glaube, dass sie sehr gut funktioniert hat und weiterhin gut funktioniert. Wir haben in Deutschland eine sehr sorgfältig arbeitende Presse, die nicht dafür bekannt ist, dass sie das Privateste nach außen kehrt. Dass es dennoch immer wieder zu Verletzungen von ethischen Grundsätzen kommt, ist eine andere Sache. Da schreiten wir aber ein, prüfen und rügen Verstöße gegen den Kodex bei Bedarf.

Reichen die Sanktionsmaßnahmen des Presserates aus?

Ich denke schon. Die Rügen sind keine abstrakten Sanktionen, sondern eine öffentliche und nachhaltige Kritik an der journalistischen Arbeit, die gleichzeitig wieder einwirkt auf die Berichterstattung der Zukunft.

Gibt es presserechtlich einen qualitativen Unterschied zwischen Politikern, Schauspielern und Sportlern?

Grundsätzlich sind das alles so genannte absolute Personen der Zeitgeschichte. In der konkreten Abwägung ist wichtig, was die jeweilige Berichterstattung bewirkt: Erlauben die privaten Verhaltensweisen etwa Rückschlüsse auf die Ausübung der Dienstgeschäfte von Politikern? Dann ist eine Berichterstattung sehr wichtig. Oder erhöhen die Presseberichte – wie bei Schauspielern – den Bekanntheitsgrad?

Ist das nicht eine Gratwanderung, bei denen die Grenzen laufend verschoben werden?

Sicherlich werden Grenzen auch verschoben, sie werden aber nicht ins Gegenteil verkehrt. Wir dürfen das nicht überdramatisieren. Der Bereich des Privaten hat doch in den letzten Jahren ein zunehmendes Interesse bekommen – nicht zuletzt deswegen, weil die Prominenten das so wollten und ein eigenes Interesse daran hatten.

Also sind die Promis selbst schuld?

Der Begriff Schuld ist sehr juristisch, den möchte ich gar nicht verwenden. Schauspieler und Politiker sind manchmal auch nur zu Prominenten geworden, weil sie sich der Presse bedient haben und entsprechend aufgetreten sind. Die Prominenten können das nicht über Jahre betreiben und sich dann ab einem Zeitpunkt X wundern, dass das öffentliche Interesse zurückschlägt und weiterhin bedient wird.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

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