Zeitung Heute : „Wir gehen extrem aggressiv vor“

Freenet-Chef Eckhard Spoerr will der Telekom Anteile am Ortsnetz streitig machen – wie der Anbieter in den Preiskampf geht und was er ihn kostet

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ECKHARD SPOERR

ist Vorstandsvorsitzender des zweitgrößten deutschen Onlinedienstes Freenet. Das Unternehmen übernahm Anfang April das Festnetzgeschäft von Mobilcom.

Foto: promo

Herr Spoerr, mit der Vorwahl 01019 hat Mobilcom 1998 den Preiskampf bei Ferngesprächen in Gang gebracht. Wie wird es im Ortsnetz sein?

Wir lassen die Tradition wieder aufleben und gehen mit einem extrem aggressiven Preis an den Markt: tagsüber 1,5 Cent und abends 1,3 Cent pro Minute.

Sehen Sie da noch einen Spielraum?

Nein. Ich erwarte nicht, dass der Preis langfristig darunter gehen wird.

Ihr Mitbewerber 01051 Telecom verlangt nur einen Cent pro Minute rund um die Uhr.

Das kann kein langfristiges Angebot sein.

Wie setzt sich denn der Preis für ein Ortsgespräch zusammen?

Wir müssen die Vorleistungen an die Deutsche Telekom bezahlen. Denn noch immer haben 95 Prozent der Deutschen ihren Anschluss bei der Telekom. Der Preis variiert mit der Tageszeit. Im Schnitt sind es 1,1 Cent pro Minute netto. Daran erkennen Sie, dass ein Preis von einem Cent unrealistisch ist. Hinzu kommen Kosten für Netz und Technik.

Wie viel wollen Sie für Werbung ausgeben?

Wir haben für das Ortsnetz ein Budget von zwei Millionen Euro in diesem Jahr. Die wollen wir sehr gezielt einsetzen, bei regionalen Tageszeitungen und im Internet.

Wo werden Sie mit ihrem Angebot starten?

Wir fangen an diesem Freitag in 200 Vorwahlbereichen an – vorwiegend in mittelgroßen Städten, aber auch in München und Hamburg. Dort allerdings noch nicht flächendeckend. Um in ganz Deutschland ein Angebot machen zu können, müssen wir unser Netz an 475 Punkten mit dem der Telekom zusammenschalten. Das wird noch ein paar Monate dauern. Auch in Berlin wird es erst in sechs bis acht Monaten so weit sein.

Das werden Sie Ihren Kunden aber nur sehr schwer vermitteln können.

Das stimmt leider. Die Kunden werden bei den Anbietern Enttäuschungen erleben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle flächendeckend an den Markt gehen – Arcor vielleicht.

Wie viele Bewerber werden es langfristig sein?

Ich rechne mit fünf bis acht, darunter werden zwei bis drei echte Telefongesellschaften wie Arcor und Freenet sein und ein paar kleine Schnäppchenanbieter.

Werden wir so ein enormes Marktwachstum sehen wie bei Ferngesprächen?

Ich rechne auf gar keinen Fall mit einer so explosionsartigen Entwicklung wie 1998 bei den Ferngesprächen. Der Markt war damals heiß auf so ein Produkt. Der Preisvorteil ist heute zwar prozentual genauso hoch – bis zu 75 Prozent. In Cent gerechnet macht er aber nicht so viel aus. Heute warten die Kunden nicht mit der gleichen Intensität auf so ein Angebot wie damals.

Wie viel Marktanteil werden die alternativen Anbieter der Telekom abnehmen?

Ich erwarte etwa zehn bis 20 Prozent im Bereich des Ortsnetzes.

Wird der Markt insgesamt wachsen, weil die Leute jetzt billiger mit dem Nachbarn telefonieren können?

Sparen ist im Moment in, denken Sie nur an „Geiz ist geil“. Ich denke nicht, dass die Menschen mehr telefonieren werden. Sie werden das eingesparte Geld eher für anderes einsetzen, zum Beispiel für den Zugang zum Internet.

Das Gespräch führte Corinna Visser .

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