Zeitung Heute : Wir leben noch

Drei Monate nach dem Tsunami ist im indonesischen Aceh noch nichts aufgebaut. Ein neues Beben sorgt für neuen Schrecken

Moritz Kleine-Brockhoff[Banda Aceh]

Der Boden zittert erst ein wenig, dann schwingt die Erde kräftig hin und her, rhythmisch, wie eine gigantische Schaukel. Es ist kurz nach elf in der Nacht zum Dienstag, und schnell ist klar, dass dieses Beben viel stärker ist als all die anderen Nachbeben, die Banda Aceh seit der Katastrophe vom 26. Dezember haben zittern lassen. Diesmal wackelt es heftiger, diesmal ist es nicht nach 15 oder 20 Sekunden vorbei, diesmal scheint es ein oder zwei Minuten zu dauern. Kronleuchter pendeln, Bilderrahmen verrutschen, eine Wasserflasche fällt vom Nachtisch. Im Hotel Cakradonya fällt der Strom aus, im Dunkeln versuchen die Gäste, ins Freie zu kommen. Zum Glück kommt jemand mit Taschenlampe aus einem Zimmer.

Draußen, auf den Straßen, rennen die Menschen, so schnell sie können. Wer Motorrad oder Auto hat, gibt Gas. Weg, nur möglichst weit weg von der Küste, wo vor drei Monaten der Tsunami angekommen war. „Wir haben einen Riesenschrecken bekommen, aber wir sind okay“, meint Theo Kidess, ein Diplomat, der zusammen mit vier Kollegen in der Vertretung ist, die Deutschland in Banda Aceh eingerichtet hat, um Not- und Wiederaufbauhilfe zu koordinieren. Kidess und die anderen Diplomaten sprangen aus den Betten und rannten erst einmal über die Terrasse in den großen Garten. „Später sind wir auf die Straße. Da war viel Verkehr war, alle Menschen sind geflüchtet. Wir haben keine Verletzten gesehen und auch keine Schäden an Gebäuden“, sagt Kidess. „Aber niemand weiß, wie es an der Westküste aussieht. Dort gibt es seit der Zerstörung vom Dezember weder Telefonleitungen noch Handynetz."

Die Westküste Acehs war damals am härtesten getroffen worden. Davor und auch etwas weiter südlich liegen mehrere Inseln. Auf einer von ihnen, auf Nias, gab es jetzt dutzende neue Tote. Ein Lokalbeamter berichtet im indonesischen Fernsehen, dass viele Menschen unter Trümmern lägen. Dass weitere Nachbeben kommen, war bekannt. Aber bis zu dieser Nacht waren alle harmlos gewesen, die Menschen in Indonesiens Tsunamigebieten hatten sich fast schon daran gewöhnt. Sie waren seit dem Dezember-Desaster damit beschäftigt, sich ein neues Leben zu schaffen, eine Zukunft.

Vergangenen Freitag, ein heißer Nachmittag in Banda Aceh: Busfahrer Raizal legt seine Ellenbogen auf das Lenkrad und staunt. „Unglaublich, was hier los ist. Früher hat es in Banda Aceh nie Stau gegeben.“ Fußgänger, Mopeds, Laster und Autos von Hilfsorganisationen schlängeln sich vorbei an kleinen Ständen. Teenager in Schuluniformen rennen über die Straße. Männer stehen vor einem Zeitungskiosk, sogar die englischsprachige „Jakarta Post“ gibt es jetzt. Im vom Tsunami verschonten Teil Banda Acehs ist so viel Leben, dass der Massentod vom 26. Dezember weit weg erscheint.

Und dann, selten, aber grausam, stehen plötzlich wieder zwei Dutzend Menschen auf einer Brücke. Sie schauen hinab in den Fluss und halten sich dabei eine Hand vor den Mund. Kein Wort. Kein Weitergehen. Kein Weinen. Gelähmt starren sie auf die Wasserleiche, die am Ufer an einem Ast hängen geblieben ist. 127000 sind bislang in Aceh geborgen. Unvorstellbare 127000 Leichen. Weil es nicht anders geht, werden sie wie Müll eingesammelt: in Plastiksäcke gesteckt, auf Lkw-Ladeflächen gestapelt, in Gruben geworfen. Drei Monate lang im Schnitt 1400 Leichen pro Tag. Im Moment sind es täglich noch zwei Dutzend.

Die Meeresbrise treibt Wolken über Banda Acehs Küste. Ihre Schatten ziehen über die Stadtteile, die der Tsunami nahm. Lkw und Planierraupen sind abgezogen. Wo nach der Flut einen Meter hoch alles in Fetzen lag, was zum Leben und Wohnen gehörte, ist wieder Erde zu sehen. Dunkel ist sie, bis eben hatte es geregnet. Eine Frau in langem Rock durchsucht, was die Bagger übrig ließen. Sie bleibt stehen, bückt sich, hebt etwas auf und wirft es dann wieder weg. „Ich suche Material. Wir wollen eine Hütte bauen“, sagt sie. Nursinah ist Mitte 40. Wenn sie lacht, sieht man ihre schiefen Zähne. „Lässt die Regierung zu, dass die Ausländer bleiben? Wir haben gehört, dass sie ganz viel Geld für den Wiederaufbau haben. Warum hat noch niemand angefangen?“

Nursinah lebt in Lampulo, früher ein Stadtteil, heute eine Fläche. „Der Besitzer ist Herr Hashyim, 258 qm“, steht auf einem Holzschild, das an einen Pfahl genagelt ist. „Wir leben noch und kommen zurück. Bitte nicht alles platt machen. Familie Rhasid“, steht auf einer Wand, die stehen blieb. Einige sind schon zurückgekehrt. Aus Tsunamiresten haben sie Hütten gebaut, so, wie auch Nursinah es vor- hat. Wer genug Planken und Nägel fand, zimmert Wände. Andere leben in Zelten, die früher in Flüchtlingslagern standen. Isa, ein junger Mann mit Kraushaar, hockt im Schneidersitz auf einer Steinplatte. „Wir müssen Essen und Trinken an Verteilungsposten abholen. Wir wollen unser Grundstück nicht verlieren, deshalb sind wir zurück. Und bald beginnt ja der Wiederaufbau, oder? Dürfen die Ausländer bleiben und ihr Geld einsetzen?“

Der Tsunami, so Indonesiens Regierung, zerstörte 1,3 Millionen Gebäude. Bislang wurde mit wenigen Ausnahmen nichts wiederaufgebaut. Die Hilfsorganisationen waren mit Nothilfe beschäftigt, und die lief hier in Aceh aufs Allerbeste. Erst jetzt, da Indonesien und die UN die Versorgung im Griff haben, ist mehr Zeit für Bauplanung. Doch dabei gibt es reichlich Probleme. „Wir wissen immer noch nicht, was die Menschen wollen. Das ist ein Grund, weshalb wir nicht mit dem Häuserbau loslegen können“, sagt Paul Dillon von der IOM, der Internationalen Migrationsorganisation. „Erst sagten uns die meisten, sie wollten nicht zurück ans Meer. Dann wollten sie doch. Und jetzt überlegen es sich viele wieder anders. Das ist verständlich, die Menschen sind traumatisiert.“

Drei Kilometer vom IOM-Büro entfernt atmet Birgit Zeitler von der Welthungerhilfe tief ein. Auch sie hört oft die gleiche Frage. „Der Wiederaufbau startet langsam, weil wir in einem souveränen Staat arbeiten. Wir können nicht ohne Genehmigung ein Haus hinstellen. Vielleicht wird es dann später abgerissen. Dokumente gingen verloren, Landrechte sind unsicher.“ Nächste Station: UNDP, das Entwicklungsprogramm der UN. „Wir müssen vor Vergabe von Bauaufträgen drei Angebote einholen, das braucht Zeit“, sagt Imogen Wall. Und ein Entwicklungshelfer, der anonym bleiben möchte: „Es können keine Entscheidungen getroffen werden, weil die Richtlinie der indonesischen Regierung fehlt.“

Offen ist auch der Aufenthaltsstatus von Ausländern. Indonesiens Regierung möchte, dass nur bleibt, wer sich am Wiederaufbau beteiligt. Für eine Überprüfung aller Hilfsorganisationen wurde erst der 26. März angesetzt, dann wurde die Aufenthaltserlaubnis plötzlich verlängert, jetzt heißt es, die Entscheidung falle Ende April. „So kann doch niemand einen Aufbau planen“, stöhnt ein Deutscher in Banda Aceh. Das UN-Flüchtlingshilfswerk hatte genug vom Hickhack und zog ab. Andere möchten und müssen bleiben, ihr Spendengeld ist längst nicht ausgegeben. Menschenrechtler von Terre des hommes, Mediziner des Malteser Hilfsdienstes, Krisenhelfer von Welthungerhilfe und Caritas – alle haben Hausprojekte. Und so schwirren hunderte Experten und Nichtexperten durch die Provinz, um Bedarf und Wünsche zu ermitteln, viele parallel und ohne später Informationen zu teilen. Größter Aufbauer wird wohl die Weltbank. Geber wollen ihr mehr als 400 Millionen Euro für einen Indonesien-Fonds zur Verfügung stellen. Aber noch ist das Geld nicht geflossen. Ein Entwicklungshelfer fasst die Lage in Aceh kurz und hart zusammen: „Selbst wenn fortan alles glatt läuft, beginnt der Wiederaufbau frühestens 2006.“ Aber niemand sagt das den Acehnesen. Sie wissen um Milliardenspenden und hoffen, dass jeden Moment eine Baggerkolonne um die Ecke geknattert kommt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar