Zeitung Heute : „Wir müssen die Natur verstehen, um sie zu erhalten“

Thomas Borsch ist neuer Leiter des Botanischen Gartens und des Botanischen Museums der Freien Universität Berlin

Kerrin Zielke

Beim Betreten des Mittelmeerhauses im Botanischen Garten strömt dem Besucher ein würziger Geruch entgegen aus Lavendel und Oregano, Lorbeer und Zypressen. „Blütenzauber und Duftrausch sind einmalig um diese Jahreszeit“, schwärmt Professor Thomas Borsch von seiner künftigen Wirkungsstätte. Anfang Mai wird er sein neues Amt antreten als Leitender Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums der Freien Universität Berlin. Außerdem wird er als Professor für Systematische Botanik und Pflanzengeographie forschen und lehren. „Den ganzen Garten kennenzulernen, erfordert sicher eine eigene und lange Entdeckungsreise“, sagt der Botaniker. Immerhin ist der Botanische Garten der Freien Universität Berlin der zweitgrößte Botanische Garten Europas und einer der artenreichsten der Welt. Schätzungsweise 3500 wild vorkommende Pflanzenarten wachsen in Deutschland, in Europa sind es etwa 14 000. Im Berliner Botanischen Garten werden 22 000 Arten kultiviert.

Die Geschichte des Gartens geht zurück bis ins Jahr 1679. Zunächst auf dem Gelände des heutigen Kleist-Parks angelegt, wurde der Garten Anfang des 19. Jahrhunderts der Berliner Universität unterstellt. Sowohl das Königlich-preußische Herbarium als auch die umfangreiche Forschungsbibliothek und das Schaumuseum sind im Laufe des 19. Jahrhunderts aufgebaut worden. Ende des Jahrhunderts galt der Botanische Garten bereits als eine der weltweit bedeutendsten wissenschaftlichen Einrichtungen ihrer Art. Weil der Platz für geplante Neupflanzungen nicht ausreichte, wurde die Anlage zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf einen ehemaligen Kartoffelacker südlich von Berlin verlegt, der zur Königlichen Domäne Dahlem gehörte und heute im Stadtteil Lichterfelde liegt. Der Garten unterstand damals den preußischen Behörden. Adolf Engler, der damals führende Pflanzenkundler, legte das Areal an und erweiterte den Garten.

Seit Mitte der 1990er Jahre steht der Botanische Garten wieder unter dem Dach einer Berliner Hochschule, der Freien Universität Berlin. Markenzeichen des Gartens sind weiterhin die Pflanzenvielfalt, die Bibliothek und das Museum: Nirgends in Mitteleuropa gibt es vergleichbar große Sammlungen an getrockneten oder lebenden Pflanzen aus aller Welt, an Fachliteratur in vielen Sprachen und ein Museum, das ausschließlich der Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt gewidmet ist. „Angesichts der großen Aufgaben der biologischen Diversitätsforschung hat der Botanische Garten mit seinen Sammlungen und wissenschaftlichen Einrichtungen nationale Bedeutung“, erläutert Thomas Borsch, „er spielt eine weltweite Rolle.“

Die Vielfalt der Pflanzen zu erforschen und zu erhalten, versteht der neue Direktor als wissenschaftlichen Auftrag. „Von unseren Mitbewohnern auf der Erde sind uns längst nicht alle bekannt, das gilt nicht nur für die Tierwelt, sondern auch für die Pflanzen“, führt Borsch aus. Sein Spezialgebiet sind die Blütenpflanzen: Bäume, Sträucher, Gräser, Kräuter und Blumen. Etwa 300 000 Arten weltweit sind derzeit gültig beschrieben. Damit sind nach wissenschaftlichen Schätzungen immerhin 90 Prozent der Blütenpflanzen bekannt. Doch selbst bei dieser auffälligen Organismengruppe kommen jährlich 2000 neu entdeckte Arten hinzu. Bei Algen und Pilzen halten Forscher es für wahrscheinlich, dass bisher erst zehn Prozent der Arten beschrieben sind. Um neue Arten zu entdecken, muss man nicht einmal auf entlegene tropische Inselgruppen reisen: Thomas Borsch beschreibt derzeit zum Beispiel eine Seerosenart aus Kanada, die vor einigen Jahren auf einer Expedition entdeckt wurde.

Den Seerosen widmete der 39-jährige Wissenschaftler schon seine Doktorarbeit, als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und der Virginia Polytechnic University in Blacksburg, USA. Die Evolutionsgeschichte aller Blütenpflanzen – heute die artenreichste Pflanzengruppe, die alle terrestrischen Ökosysteme dominiert, umfasst 130 Millionen Jahre. Alle heutigen Seerosenarten haben sich vor etwa 45 Millionen Jahren aus einer Stammform entwickelt. Die Riesenseerose Victoria – ein Exemplar ist auch im Berliner Botanischen Garten zu bestaunen – entstand erst vor 20 Millionen Jahren.

Die Evolution der Seerosen rekonstruierte Borsch mit mehreren Methoden: Er untersuchte ihre Gestalt und Anatomie, analysierte deren Erbmaterial und beschäftigte sich mit fossilen Vorfahren. Gerade die molekularen Methoden brächten neuen Wind in die Botanik, sagt Thomas Borsch: Habe man in früheren Zeiten vor allem von der Gestalt der Pflanzen auf ihre Eingruppierung geschlossen, gewährten Genanalysen heute verlässlichere Einblicke in Verwandtschaftsverhältnisse. „Salopp gesagt, gibt es keine Victoria, sondern nur an verschiedene Lebensweisen angepasste Seerosen, die alle auf eine heute ausgestorbene Art als gemeinsamen Vorfahren zurückgehen“, sagt Borsch. Die Lotusblume hingegen, die lange als den Seerosen verwandt galt, sei tatsächlich eher mit der Platane verwandt, die als Straßen- und Alleebaum bekannt ist.

Sein Selbstverständnis als Wissenschaftler geht über die Erkenntnisfreude in der Grundlagenforschung hinaus. Stets sucht Thomas Borsch auch die praktischen Belange. „Wir müssen unsere Lebensräume erst verstehen lernen, ehe wir sie nachhaltig nutzen und schützen können“, sagt er. Biologische Vielfalt sei ein Thema mit wachsender Bedeutung, das zunehmend gefördert werde: Das hat der Botaniker auf Forschungsreisen nach Äthiopien, Bolivien, Mexiko und Venezuela erfahren, die er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und als Privatdozent nach der Habilitation bei Professor Wilhelm Barthlott von der Universität Bonn aus unternahm sowie später als Professor von der Universität Oldenburg aus. „Die internationalen Kooperationen, gerade mit Entwicklungsländern mit ihrer großen botanischen Vielfalt, liegen mir sehr am Herzen“, sagt Borsch. „Die werde ich pflegen und ausbauen.“

Neben der wissenschaftlichen Arbeit will er im Botanischen Garten Besuchern die Schönheit der Gewächse präsentieren und sie für die Pflanzenwelt begeistern. Außerdem wird er verstärkt Umweltbildung für Kinder anbieten. Schließlich wurde auch seine eigene Faszination für die Botanik in der Kindheit geweckt. Borsch wuchs in Kronberg im Taunus auf, umgeben von alten Landschafts- und Kurparks. Die Eltern züchteten im Garten alte Apfelsorten, und als Schüler leitete er Führungen durch die Natur. „Irgendwann entdeckte ich, dass für mich als Beobachter Pflanzen gegenüber Tieren einen entscheidenden Vorteil haben. Sie sind immer da – und genauso faszinierend“, sagt Borsch. Sein Interesse verfolgte er schon als Jugendlicher mit wissenschaftlicher Akribie. Seine Eltern ließen ihn im Keller ein eigenes Labor unterhalten – hier untersuchte er mehrere Jahre lang Bodenproben aus den Waldwiesentälern seiner Heimat und wies Veränderungen der Pflanzen, des Bodens und der Nährstoffkreisläufe nach. Als Schüler erhielt er für seine Untersuchungen im Jugend-forscht-Wettbewerb den zweiten Bundespreis in Biologie.

Den Anstoß, sich der Natur nicht nur als Freund, sondern auch als Wissenschaftler zu nähern, erhielt Borsch als Jugendlicher bei einem Schulpraktikum am Naturkundemuseum Senckenberg in Frankfurt am Main. Entscheidenden Anteil hatte der ehemalige Leiter der Botanischen Abteilung des Museums, Professor Hans Joachim Conert. Dieser vermittelte ihm auch nach Abitur und Zivildienst im Umweltschutz einen sechsmonatigen Aufenthalt an den Royal Botanic Gardens, Kew, in Großbritannien, dem weltgrößten Botanischen Garten. Bei diesem Aufenthalt reifte sein Wunsch, Biologie zu studieren, zum Vorsatz. Thomas Borschs früher Förderer Conert wurde übrigens vor 50 Jahren an der Freien Universität promoviert, bevor er seine wissenschaftliche Laufbahn in Frankfurt begann. Nach seiner Emeritierung zog es Conert zurück nach Berlin – wo Thomas Borsch den Kontakt nun wieder aufgenommen hat. Die Freie Universität begleitet Thomas Borsch also seit dem Beginn seiner forschenden Neugier bis heute.

Weiteres im Internet:

www.bgbm.org

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