Zeitung Heute : „Wir müssen lernen“

Werner Schönewolf vom Fraunhofer-Institut über die Herausforderungen der Elektromobilität.

Foto: Fraunhofer IPK
Foto: Fraunhofer IPK

Herr Schönewolf, 2020 sollen in Deutschland eine Million E-Autos fahren. Schaffen wir das?

Das ist auf jeden Fall eine gewaltige Kraftanstrengung, ich bin skeptisch, ob die Umstellung so schnell funktionieren wird. Noch sind E-Autos sehr teuer, nicht jeder kann sich das leisten. Und viele sind skeptisch.

Wie fahren Sie?

Seit zwei Monaten elektrisch! Und ich kann sagen: Ein tolles Fahrgefühl. Das macht keinen Krach, stinkt nicht, kein CO2-Ausstoß. Wenn ich auf den Straßen die ganzen Benziner sehe, denke ich jedes Mal: Was für Steinzeitfahrzeuge! Mit Getriebe, Explosion, Auspuff, Gestank... Unglaublich, was die Menschen 100 Jahre lang gemacht haben.

Den Ottomotor gibt es seit über 100 Jahren. Warum fahren wir erst heute elektrisch?

Das ging auch schon früher. Um 1900 wurde der Lohner-Porsche Semper Vivus entwickelt, mit Radnabenmotor und Bleibatterie. In Berlin fuhren elektrische Taxen, stellen Sie sich das vor. Dann wurde alles eingestampft, weil die Energiedichte der Batterien nicht vorhanden war. In den 1970er Jahren, zu Zeiten der Ölkrise, experimentierten die Automobilhersteller, wie man ohne Benzin fahren kann. Da gab es ja immer die Fahrverbote, alle mussten sparen. Aber als die Krise bewältigt war, waren die E-Antriebe weg, schwupps, das ging ganz schnell. Die Entwicklung heute ist nicht mehr aufzuhalten, in 50 Jahren werden wir elektrisch fahren.

Automobilhersteller und Zulieferer sind ein großer und wichtiger Teil der deutschen Wirtschaft - ist diese Branche dann nicht gefährdet?

Für den Mittelstand wird es eng, ja. Denken Sie an den lawinenhaften Sturz der Hersteller von Bildröhren, als TFT kam. Innerhalb von zwei Jahren waren die meisten Unternehmen weg. Ähnliche Veränderungen befürchtet man in der Elektromobilität, daher sind viele vorsichtig.

Warum kommt Elektromobilität so langsam voran – ist es nur Angst vor Veränderungen?

Nein. Das E-Auto hat ein großes Defizit: die Batterie. Die zu entwickeln, dauert sehr lange, das unterliegt einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Und noch immer ist unklar, ob die Energiedichte eines Benziners erreicht werden kann.

Und weiter?

Eine zweite Herausforderung ist die Infrastruktur. Die meisten Städte sind darauf nicht vorbereitet: Wo sollen die Autos geladen werden? Jemand, der im Hinterhaus, zweiter Stock wohnt, soll der sein Ladekabel auswerfen? Da sehe ich viel Entwicklungspotenzial. Wir müssen lernen, wie wir Städte elektrisch betreiben können.

Der Tesla kommt aus den USA, Toyota Hybrid aus Japan, in Asien werden Hochleistungsbatterien entwickelt. Wo bleibt Deutschland?

Die konventionelle Automobiltechnik aus Deutschland lässt sich nicht kopieren, Motortechnologie und so, das kann niemand nachmachen. Elektromobilität ist der erste große Hebel, der diese Dominanz infrage stellt. Unsere Aufgabe ist es, jetzt zu reagieren, sonst sind wir schneller weg vom Fenster, als wir glauben. Frieden, Wohlstand, Freiheit, all das basiert auf unserer Automobilproduktion, sie macht 40 Prozent unserer Wirtschaft aus, das dürfen wir nicht vergessen. Wir müssen also Gas geben.

Das Gespräch führte Jana Gioia Baurmann

Werner Schönewolf ist Verkehrsexperte des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin, das angewandte Forschung für industrielle Aufgaben betreibt.

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