• „Wir müssen über eine Vertiefung des Wissens reden“ Botschafter Rangachari über das Indienbild der Deutschen

Zeitung Heute : „Wir müssen über eine Vertiefung des Wissens reden“ Botschafter Rangachari über das Indienbild der Deutschen

und die Perspektiven seines Landes

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Herr Botschafter Rangachari, was erwarten Sie von den AsienPazifik-Wochen Berlin, bei denen Indien Schwerpunktland ist?

Ich danke dem Berliner Senat, dass er uns die Möglichkeit gibt, Indien so breit darzustellen. Wir zeigen die ganze Bandbreite indischer Kultur aus Vergangenheit und Gegenwart, es werden aber auch Geschäfts- und Wissenschaftsdelegationen Berlin besuchen. Ich hoffe, dass wir den Berlinern einen Hauch von dem zeigen können, was ich Indiens multiple Realität nennen möchte.

Entspricht das Indienbild der Deutschen dieser Vielfalt ?

Meine Erfahrung aus den letzen 15 Monaten in Deutschland zeigt mir, dass viele Deutsche sehr viel über Indien wissen. Es gibt eine lange Tradition der Indologie, das erste Buch Indiens wurde in Deutschland ge druckt. Nicht umsonst hat man Bonn wegen der Indologie in Indien „Benares am Rhein“ genannt. Was wir jetzt tun müssen, ist, ein größeres Wissen über das vielfältige Indien unserer Tage zu vermitteln. Das enorme Experiment, die wirtschaftliche und soziale Transformation Indiens friedlich und demokratisch zu organisieren, zeigt sich darin, wie verschiedene Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion in Wirtschaft, Politik und Kultur zusammenarbeiten. Wir haben alle Weltreligionen in Indien, und wir haben große kulturelle Unterschiede. Wie das moderne Indien diesen Transformationsprozess friedlich und demokratisch angeht, könnte für andere multireligiöse und multiethnische Gesellschaften interessant sein. Wenn man das auf gleichberechtigter Ebene hier studieren könnte, ergäbe das ein sehr reiches Bild der künftigen Richtung Indiens.

Wissen die Deutschen, dass Indien mehr zu bieten hat als eine reiche Vergangenheit?

Ja und nein. Viele Deutsche kennen die Vergangenheit und wissen etwas von unseren Fähigkeiten, mit denen wir in den Nachrichten vorkommen. Aber wir müssen über die Vertiefung dieses Wissens reden. Ich habe viele Geschäftsleute hier getroffen, die mir sagen, dass einer der Gründe, warum Indien nicht genügend ausländische Investitionen anzieht, das Image Indiens als Land mit Geschichte, aber weniger als Land mit Zukunft sei. Die Menschen wissen nicht immer von Indiens Fähigkeiten. Wann immer ich erzähle, dass Indien Satelliten für Deutschland in den Weltraum schickt, bin ich überrascht, dass die Deutschen über diese Information überrascht sind. Vielleicht ist aber auch unserer Tourismuswerbung zu erfolgreich gewesen, so dass die Deutschen nun denken, Indien sei vor allem das Land der Denkmäler, Forts und Paläste. Die Tempel des modernen Indiens sind das, was wir nach der Unabhängigkeit aufgebaut haben. Jetzt müssen wir diese Anstrengungen Indiens stärker kommunizieren. Wir müssen zeigen, dass wir eine wachsende und stabile Wirtschaft haben, in die die Deutschen hoffentlich mehr und mehr investieren.

Unsere Nachrichten über Indien werden oft von Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Hindus geprägt. Wie sehen Sie die aktuelle Lage nach den schweren Bombenanschlägen in Bombay?

Man muss hier sehr genau hinschauen. Es war ein schrecklicher Anschlag. Und jedes Mal nach einem solchen Anschlag kommen Fragen nach sozialer Stabilität und friedlichem Zusammenleben auf. Nimmt man die Börse als Maßstab, so zeigt sich, dass die Kurse in Bombay einen Tag nach dem Anschlag wie eine Rakete gestiegen sind. Das zeigt den Charakter der Bewohner Bombays. Sie leben in recht schwierigen Verhältnissen, aber sie schlagen zurück. Und Bombay ist auch ein Mikrokosmos Indiens. Es zeigt die Fähigkeit Indiens, solche Schocks zu absorbieren und sich nicht vom Pfad der inneren Stabilität und des Friedens abbringen zu lassen. Ich wünschte mir, dass dies das letzte Ereignis dieser Art gewesen wäre. Die große Stärke ist Indiens Demokratie, Indiens Pluralität, die Fähigkeit, über die Dinge offen und ohne Furcht zu sprechen, um Lösungen zu finden.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt.

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