Zeitung Heute : Wir packen´s an

Karriere einer Strickpuppe VI

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Die Premierenfeier fand in einer urigen Kneipe unweit vom Theater statt. Die Strickpuppe fühlte eine Mischung aus Triumpf und Sorge. Nach Spielplan sollte das Stück noch elf Mal aufgeführt werden. Über eine Verlängerung war noch nicht entschieden. Die Strickpuppe grübelte gerade, wie es weitergehen soll.

Da sprach sie der Regisseur an. „Hör mal zu. Ich verhandle gerade mit einer Schweizer Bühne über die Aufführung meines Stückes. Die haben wenig eigene Leute. Hättest Du Lust?“ Die Strickpuppe ribbelte sich vor Begeisterung fast auf. Doch eine Woche später war´s vorbei mit der Freude. Die Verhandlungen waren geplatzt. Da traf die Strickpuppe auf einer Party einen Hörspielproduzenten, dem ihre Stimme gefiel. „Könntest Du Dir vorstellen, in einer unserer Produktionen mitzumachen?“ Die Strickpuppe zögerte. Eigentlich hatte sie immer nur eines gewollt: Auf der Bühne spielen, vor Publikum eine Rolle verkörpern. Aber ein Bühnenengagement war nicht in Sicht. Sie willigte ein. Ein halbes Jahr später konnte sich die Strickpuppe schon in vier Hörspielen hören, und es machte ihr immer mehr Spaß. Das merkten andere auch. Ein Rundfunksender bot ihr Moderationsaufträge an, und ein Kosmetikhersteller ließ anfragen, ob er sie für einen HörfunkWerbespot buchen könnte. Da ahnte die Strickpuppe, dass sie viel besser dran war als all die Kollegen, die nur an Bühnenengagements interessiert waren. Sie war wandlungsfähig und bereit, sich immer wieder zu verändern. War das nicht die schönste Rolle der Welt? chd

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