Zeitung Heute : Wir schlachten den Papiertiger

UWE SCHLICHT

In Berlin ist der Ausstieg aus der Massenuniversität nicht als Reform zur Qualitätssteigerung konzipiert, sondern als Notlösung unter unsäglich schlechten Bedingungen VON UWE SCHLICHT

Berlin als Wissenschaftszentrum.Da fallen die Spruchweisheiten nur so vom Himmel - alte und neue.Wissenschaft ist das Pfund, mit dem wir in der Stadt wuchern wollen, sagt der Regierende.Der Standort Deutschland ist auf Bildung und Wissenschaft angewiesen, sagt von Rüttgers bis zum Bundeskanzler so gut wie jeder.Bildung ist in Investition in die Zukunft.Das behaupten sogar die Manager. Am kommenden Montag beginnen die Beratungen über die Neuordnung der Hochschullandschaft in Berlin.Eine Neuordnung ist es in der Tat, wenn bis zum Jahr 2003 die Stadt mit den meisten Studenten in Deutschland die Zahl der Studienplätze so weit dezimiert, daß der Ausbildungsbedarf für die Landeskinder aus der Region kaum noch gedeckt werden kann.So schlägt die Veränderung der Quantität in eine neue Qualität um.Doch wie sieht diese Qualität aus? Die Zeit der Massenuniversitäten ist im Jahr 2003 in Berlin zu Ende.Gott und der Finanzmisere sei es gedankt.Zur Zeit sind noch 146.000 Studenten in der Stadt, ihnen stehen 115.000 Studienplätze zur Verfügung.Im Jahre 2003 werden es nur noch 62.250 Studienplätze sein.Aber für wie viele Studenten? Die Politiker wollen den Papiertiger Massenuniversität schlachten.Für die Freie Universität, die heute 49.000 Studenten mehr schlecht als recht betreut, bleiben im Jahr 2003 nur noch 16.600 Studienplätze - das entspricht der Größe einer Provinzuni.Die Technische Universität hat 36.000 Studenten - für sie bleiben nach der Jahrtausendwende 13.600 Studienplätze.Die Humboldt-Universität mit zur Zeit 29.000 Studenten muß auf 15.850 Studienplätze schrumpfen.Eine solche Radikalkur könnte man begrüßen, wenn damit wirklich das Ende der Massenuniversität eingeläutet wäre.Aber solch ein Ausstieg setzt zweierlei voraus: daß er nicht überhastet mit dem Brecheisen erfolgt und die Betreuungszahlen zwischen Wissenschaftlern und den Studenten stimmen.Alles das ist in Berlin nicht zu erwarten.Denn hier ist der Ausstieg aus der Massenuniversität nicht als Reform zur Qualitätssteigerung konzipiert, sondern als Notlösung unter unsäglich schlechten Bedingungen.Ganze Jahrgänge des Wissenschaftlichen Nachwuchses drohen unter dem Zufallsdiktat - weil in den nächsten vier Jahren jede freiwerdende Stelle einzusparen ist - verlorenzugehen.Für Lehre und Forschung unverzichtbare Professuren werden ebenfalls dem Zufallsprinzip unterworfen.Und wie will man eigentlich die 146.000 Studenten von heute zwingen, innerhalb der nächsten vier Jahre fluchtartig die Stadt zu verlassen, damit am Ende 62.500 übrigbleiben? Was wenn 120.000 in Berlin ausharren? Der Massencharakter der hiesigen Universitäten würde erhalten bleiben.Jahrelange Wartezeiten als Folge eines inneren Numerus clausus und eine Verlängerung der Studienzeiten allein auf Grund miserabler Bedingungen.Die Einhaltung der Regelstudienzeiten, die für den Standort Deutschland so wichtig geworden ist, können die Politiker dann in den Wind schreiben.Wer die Rahmenbedingungen so miserabel setzt, kann trotz aller Reformbemühungen an den Hochschulen nur schlechte Resultate erzielen. In der Tat müssen sich die Politiker bei den anstehenden Haushaltsberatungen überlegen, ob sie das wirklich wollen.Über eine Milliarde Mark werden aus den Hochschulen der Stadt herausgespart - der Etat einer ganzen Massenuniversität fällt dem Rotstift zum Opfer.Aber keine Universität und keine der 17 Hochschulen in der Stadt wird geschlossen.Ist das die wahre Investition in die Zukunft? Eine solche Art der Finanzierung läuft auf den Ausstieg eines Landes aus der überregionalen Bildungsversorgung der Republik hinaus.Ist das zu verantworten? Solange die Wirtschaft nicht mehr als 600.000 Ausbildungsverträge pro Jahr abschließen will, müssen die Hochschulen in Deutschland in die Lage versetzt werden, über 300.000 Studienanfänger aufzunehmen.Denn es gilt im wiedervereinigten Deutschland Jahrgangsstärken mit 800.000 und 900.000 Jugendlichen zu versorgen.Wird diese Perspektive unter dem Diktat des knappen Geldes aus dem Auge verloren, stellen Wirtschaft und Politik die Zukunft des Standortes Deutschland in Frage.Wer keine Ausbildung erhält, verläßt die Schule auf direktem Weg in die Perspektivlosigkeit.

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