Zeitung Heute : „Wir sehen keine Lichtblicke“ DGB-Vorstand Sehrbrock

über Lehrlinge und Ausbildung

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INGRID SEHRBROCK (55)

ist Mitglied des Vorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und Vizechefin des Bundesvorstandes

der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). Foto: R/D

Frau Sehrbrock, einerseits herrscht Lehrstellenmangel, andererseits fehlen Facharbeiter – wie passt das zusammen?

Viele Betriebe haben in diesem Jahr die Zahl der Ausbildungsplätze erheblich reduziert. Das hat auch mit der konjukturellen Lage zu tun, aber vor allem kalkulieren die Betriebe ganz stark unter Kostenaspekten. Dies sind sehr kurzfristige Überlegungen, aber die Frage, wie man das Fachkräftepersonal der Zukunft gewinnt, wird so nicht beantwortet.

Das heißt, dass sich die Unternehmen ins eigene Fleisch schneiden?

Die schneiden sich mit Sicherheit ins eigene Fleisch. Sie hoffen möglicherweise darauf, dass sie sich die Fachkräfte auf dem Markt besorgen können, ohne sich selbst dieser Ausbildungsanstrengung zu unterziehen, aber das ist der falsche Weg.

Was wäre denn der richtige Weg?

Mittelfristig und längerfristig zu denken. Aber natürlich auch, sich darüber im klaren zu sein, dass man dann, wenn man selbst ausbildet, so ausbilden kann, wie man die Leute braucht. Die neuen Ausbildungsordnungen geben das in vielen Bereichen her. Ich denke, das ist die bessere Strategie, und sie zahlt sich aus, denn Ausbilden ist allemal günstiger, als Leute auf dem Markt einzukaufen – das Bewerbungsverfahren ist teuer, das Einarbeiten ist teuer.

Die Betriebe haben Angst, auszubilden und danach die Lehrlinge abwandern zu sehen. Die Rechnung geht also nicht auf, oder?

Das ist eine Sache, die wir schon seit langem beklagen, die Ungerechtigkeit zwischen den Betrieben, die ausbilden, und denen, die nicht ausbilden. Wir finden, es müsste da einen finanziellen Ausgleich geben, um mehr Gerechtigkeit herzustellen.

Wären denn die betrieblichen Öffnungsklauseln für die Tarifverträge, die jetzt gefordert werden, sinnvoll?

Wir kennen Beispiele, wo sich Betriebsräte auf Öffnungen eingelassen haben, die aber nicht dazu geführt haben, dass der Betrieb gesichert worden ist. Besser ist es, wenn sich Unternehmen zusammentun und im Verbund ausbilden. Auch außerbetrieblich kann ausgebildet werden, was in Ostdeutschland mit Erfolg gemacht wird. Das wären Ansätze, um zu mehr Ausbildung zu kommen, aber da muss die Frage der Finanzierung geklärt sein.

Dann halten Sie von der Ausbildungsplatzabgabe nicht so viel?

Doch, die passt ja in das System, aber wir möchten mit einer Umlage ergänzende Angebote schaffen. Heute finanziert dies in hohem Maße der Staat oder die Bundesanstalt für Arbeit, und das ist nicht gerechtfertigt.

Gibt es denn Lichtblicke?

Wir haben in allen Branchen Einbrüche. Gerade in denen, die in der Vergangenheit keine Probleme hatten, zum Beispiel der Bankenbereich, auch das Handwerk hat viel ausgebildet. Wir sehen keine Lichtblicke.

Dabei bilden doch Bäcker oder Fleischer noch recht viel aus, haben sogar freie Stellen.

Aber die Attraktivität dieser Berufe hält sich in Grenzen. Man muss das ändern, damit junge Leute diese Berufe ausüben wollen.

Das Gespräch führte Stephanie Nannen.

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