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Microsoft stellte das erste Windows-basierte Handy vor. 2003 kommt das „SVP“ in Deutschland auf den Markt

Antje Kraschinski[London]

Von Antje Kraschinski,

London

Sie können einem fast leid tun, die Damen und Herren von Microsoft. Keine 24 Stunden waren vergangen, seitdem der weltgrößte Softwarehersteller seinen neuesten Coup gelandet hatte, da hagelte es im Internet schon wüste Beschimpfungen: „Die Seuche verbreitet sich schlimmer als damals Pest oder Cholera“, so der Tenor der Kritik. Dabei war das, was Microsoft am Dienstag zeitgleich in London und Redmond bekannt gab, der Strategie des Konzerns zufolge nur logisch und vorhersehbar.

„SPV“ (Sound, Pictures, Video) heißt das neue Superprodukt, mit dem Microsoft nun in den Mobilfunkmarkt drängt. Das Triband Smartphone im Handylook mit Farbdisplay ist das erste GPRS-Mobiltelefon auf Windows-Basis und bietet über das Telefonieren hinaus eine Reihe der bekannten Pocket PC- Programme. Pocket Outlook, Pocket Internet und der Windows Media Player sollen die versprochenen Funktionen Ton, Bild und Video einlösen. Word und Excel bleiben zunächst den Pocket-PCs vorbehalten.

Große Bedeutung wird den E-Mail Funktionen zugewiesen. Lesen und beantworten kann man diese zwar auch schon auf anderen Handys, aber über eine Infrarotschnittstelle und das Synchronisationsprogramm ActiveSync soll das SPV problemlos Daten mit Outlook auf dem Desktop-PC abgleichen können. Zusätzlich soll beim SPV eine gemeinsame Inbox für alle Nachrichten, egal ob SMS, MMS oder E-Mail, für einen besseren Überblick sorgen.

Die weiteren technischen Daten – aufsteckbare Kamera, Instant Messaging, 100 Stunden Stand-by, Farbdisplay, Steckplatz für SD-Speicherkarte – orientieren sich an den üblichen Standards anderer Handys und Smartphones. Lediglich eine „Home-Taste“, die sofort auf die Menüauswahl zurückbringt und eine „Zurück-Taste“ sind neu.

„Das SPV ist hauptsächlich ein Handy“, sagte Juha Christensen, Vizepräsident der Microsoft Mobility Group. Die Einfachheit seiner Aussage macht deutlich, worum es bei dem SPV wirklich geht. Während die Nachfrage nach PCs, und damit auch Windows Betriebssystemen, schon seit längerem stagniert, ist ein Ende des Handy Booms nicht absehbar. Zwar ist der Markt im Moment leicht gesättigt, aber spätestens mit der Einführung von UMTS wird eine neue Handygeneration fällig. Und dann will Microsoft auf jeden Fall dabei sein. „Wir wollen unseren Kunden Zugang zu ihren Informationen verschaffen, zu jeder Zeit, an jedem Ort“ hatte Bill Gates bereits 1999 angekündigt. Das Handy ist das ideale Werkzeug dazu, und warum nicht gleich dort die intuitive Benutzerführung einrichten, die über 90 Prozent aller PC-User von ihrem Desktop her seit Jahren kennen? Der Benutzer kann sich auf gleiche Schemata und Kompatibilität verlassen, das Unternehmen auf immer wieder zahlende Kunden. Schöne neue Microsoftwelt.

Um die Konzentration, die auf dem PC-Software Markt stattgefunden hat, bei den Mobilfunkgeräten zu verhindern, haben sich eine Reihe von Handy-Herstellern dem 31,7 Milliarden Euro umsatzschweren Softwaregiganten von Bill Gates entgegengestellt. Allen voran weigert sich der derzeit führende Handyhersteller Nokia, seine Handsets Windows-kompatibel zu bauen.

Microsoft hat nun reagiert und beginnt, den Spieß umzudrehen. In Zukunft wird der Kampf um die Kunden nicht mehr über das Endgerät ausgetragen, sondern darüber, welchen Zusatznutzen der jeweilige Netzbetreiber mitliefert. In Japan ist NTT DoCoMo mit dieser Content-orientierten Strategie sehr erfolgreich. E-Plus hat die deutsche Lizenz erworben und ist gerade dabei, die „i-mode Welt“ auch hier zu etablieren.

Microsoft ist am Dienstag mit dem britisch-französischen Netzbetreiber Orange an den Start gegangen, mit über 40 Millionen Kunden einer der größten Mobilfunkanbieter der Welt. Das SPV Smartphone wurde von der vergleichsweise kleinen taiwanesischen Firma HTC gebaut. 200 000 Stück, mit kleinem Orange-Logo auf der Vorderseite, sollen ab November in die britischen und französischen Shops kommen, kurz darauf nach Dänemark, Belgien, die Niederlande und die Schweiz, nach Deutschland erst im nächsten Jahr.

Schwachpunkt an dem hübschen Gerät ist der Internet Explorer. Erstens wird mit einem visitenkartengroßen Display wohl kaum jemand ganze Internetseiten abscrollen. Zweitens können in der abgespeckten Handy-Version weder ActiveX-Programme noch Cookies ausgeschlossen werden. Ein Schutz vor Viren ist damit nur bedingt gegeben. Hacker dürften ihre Freude daran haben. Bei Microsoft ist man sicher, dass die weltweit über sechs Millionen Entwickler Windows-orientierter Software Lösungen finden werden. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis alle nötigen Programme und darüber hinaus zahlreiche weitere Applikationen angeboten werden.

Welcher Betreiber das SPV in Deutschland anbieten wird, ist noch nicht entschieden. „Wir stehen mit T-Mobile und Vodafone in Verhandlungen, befinden uns aber noch in der Testphase“, sagte Juha Christensen. In Frankreich wird Orange-Kunden das SPV für 300 Euro angeboten. Ein günstiger Preis für ein Smartphone. Microsoft hat den Kampf eröffnet. Mal sehen, wie Nokia reagiert.

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