Zeitung Heute : "Wir sind nicht zwangsläufig die Nummer eins"

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Besonderen Lustgewinn hatte der größte Fußballer aller Zeiten nicht verspürt bei dieser brasilianischen WM-Ouvertüre: "Ich erkenne noch kein System, keine Ordnung und keine Harmonie", stellte Pelé nach einer mäßig begeisternden Premiere des Weltmeisters beim 2:1 gegen Schottland fest und stimmte seine grenzenlos fanatischen Landsleute daheim vorsorglich schon einmal auf etwas mehr Bescheidenheit ein: "Wir werden es nicht leicht haben bei diesem Turnier, wir sind nicht zwangsläufig die Nummer eins".Die größte Freude, bekannte der Kultstar, habe ihm bei diesem Eröffnungsspiel das "nackte Ergebnis" gebracht, über die Qualität wolle er "jetzt am liebsten schweigen".

Dem in herzlicher Feindschaft verbundenen Trainer Mario Zagalo, dem er seit Jahr und Tag Verrat an den Traditionen brasilianischer Spielkultur vorhält, verpaßte Pelé freilich gleich noch den ersten Tiefschlag im laufenden Wettbewerb: "Gegen Schottland spielen wir wie ein Drittwelt-Land des Fußballs, mit einer Sturmspitze".Er verstehe nicht, "daß nicht gleich Angreifer wie Denilson oder Edmundo auf dem Platz standen".

Das muntere Scheibenschießen zwischen Ex-Größen wie Pelé und dem dünnhäutigen Trainer Zagalo, aber auch das interne Intrigenspiel um Plätze und Positionen im Weltmeister-Team werden nach dem knappen, äußerst glücklichen Erfolg gegen Schottland wohl in weiteren tragikomischen Kapiteln fortgeschrieben."Das Theater ist nicht beendet", sagte der inzwischen für das brasilianische Fernsehen arbeitende Ex-Star Falcao, "die Grabenkämpfe werden jetzt erst recht entbrennen".Der kurz vor WM-Beginn ausgemusterte Stürmer Romario, kurzfristig als Berichterstatter für eines der großen brasilianischen Networks verpflichtet, ließ sich mit dem Statement vernehmen, ihm habe dieses Spiel "ganz und gar nicht gefallen".Frustriert habe er die Partie verfolgt und sich manches Mal gefragt: "Das soll Brasilien, das soll der Weltmeister sein".

Ähnliche Schwierigkeiten bei der Wiedererkennung hatten auch die 80 000 Augenzeugen im prunkvollen Fußball-Palast "Stade de France" und das milliardenschwere Auditorium an den Bildschirmen.Angsteinflößend jedenfalls war die erste Arbeitsprobe des Titelträgers gegen ein wackeres schottisches Team nicht."Was zählt, ist der Sieg", beschwichtigte Zagalo, der schon bei der Pressekonferenz von den Hundertschaften brasilianischer Medienvertreter in die Zange genommen worden war, "wir haben Fehler gemacht, aber wir werden jetzt hart arbeiten, um uns zu verbessern".

Allerdings muß Zagallo damit rechnen, daß die frappierende Schwäche einzelner Hauptdarsteller neue Begehrlichkeiten bei den zunächst zum Reservisten-Dasein verdonnerten Ballkünstlern geweckt hat: Was dem 66jährigen Meister in den nächsten Tagen an Rangeleien und Remplern droht, hat sein abendlicher Verzweiflungsschrei in der offiziellen Talkshow mit den Medien bereits offenbart."Umbesetzungen kann es geben", sprach Zagalo da, "aber hier und heute werde ich bestimmt keine Namen nennen".

Noch größere Kopfschmerzen werden Zagalo die Schnitzer und der Schlendrian in seiner von weltmeisterlicher Form weit entfernten Deckungsformation bereitet haben: Die international keineswegs erstklassigen schottischen Stürmer wie Jackson oder Gallacher deckten die Schwächen der Abteilung Abwehr erbarmungslos auf."Gegen Topteams wie Deutschland oder Italien werden wir so nicht bestehen können", gestand Team-Koordinator Zico ein, der offiziell Zagalo als Aufpasser zur Seite gestellt ist.

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