Zeitung Heute : „Wir suchen eine noch stärkere Annäherung an Deutschland und Europa“

Mexiko hat mehr zu bieten als Strände und Pyramiden – Interview mit Botschafter Francisco Nicolas Gonzalez Diaz

Herr Botschafter, Mexiko feiert am 16. September 200 Jahre Unabhängigkeit. Wo sehen Sie Ihr Land heute?

Wir befinden uns gerade in einer Phase des Übergangs, nicht nur in punkto Demokratie, sondern auch in den Bereichen Wirtschaft und Umwelt. Mexiko ist heute ein modernes Land, Mitglied der OECD. Wir machen vielfältige Erfahrungen, gute und schlechte, aber klar ist dabei, dass sich unser Land hin zu etwas Besserem entwickelt.

Wenn man die Geschichte betrachtet, hat man dann nicht die Abhängigkeit von Spanien gegen die Abhängigkeit von den USA eingetauscht?

Ich glaube nicht. Vor 200 Jahren ging es um die politische Unabhängigkeit. Heute sind wir ein demokratisches und unabhängiges Land. In Entscheidungen, z. B. über unsere Haltung zum Irakkrieg, sind wir vollkommen souverän. Unsere Entscheidungen sind nicht gegen jemanden gerichtet, sondern entsprechen unseren eigenen Überzeugungen. Dennoch existiert eine wirtschaftliche Abhängigkeit. In einer globalisierten Welt sind wir alle miteinander vernetzt. Wir sind auch kulturell voneinander abhängig und andere Länder sind ihrerseits kulturell von Mexiko abhängig. Denken Sie an Texmex, das hat ein „mex“ als Endung, Mariachi-Musik wird überall geschätzt.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Europa und Deutschland?

Wirtschaftlich sind wir gegenüber den USA und Kanada im Nachteil. Früher haben wir 85 Prozent unseres Handels mit diesen beiden Ländern abgewickelt. Heute sind das nur noch 72 Prozent, aber nicht weil wir weniger kaufen und verkaufen, sondern weil wir unseren Außenhandel breiter gefächert und ein Freihandelsabkommen mit Europa abgeschlossen haben. Auch kulturell ist Mexiko für Europa eine Referenz auf dem amerikanischen Kontinent, und natürlich liegt ein Teil unserer Wurzeln in Europa.

Das heißt, Europa ist noch immer ein wichtiger kultureller Orientierungspunkt?

Ja, speziell mit Deutschland verbinden uns nicht nur historische Beziehungen. In verschiedenen Bereichen der Wirtschaft, der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, aber auch in Kultur und Ausbildung sind wir uns ein Stück näher gekommen.

Welche Gebiete sind das in der Wissenschaft?

Da möchte ich die Raumfahrttechnologie nennen. Wir sind führend in einigen Bereichen der Biotechnologien, so bei der Züchtung von Maissorten – natürlich frei von Genmanipulation!

Was bedeutet die Lateinamerika-Initiative der Bundesregierung für Ihr Land?

Sie ist uns sehr, sehr wichtig. Unser Blick ist immer auf den Handel mit Europa gerichtet. Deutschland ist weltweit unser viertwichtigster Partner, für Deutschland ist Mexiko die Nummer 30 oder 35. Dieses Verhältnis ist aus unserer Sicht durchaus noch verbesserungswürdig. Wir suchen eine noch stärkere Annäherung an Deutschland und Europa. Die Lateinamerika-Initiative der Bundesregierung bietet sehr viel Entwicklungspotenzial für unsere bilateralen Beziehungen.

200 Jahre Mexiko bringen auch Touristen ins Land. Was empfehlen Sie deutschen Reisenden jenseits des Klischees?

Mexiko hat noch sehr viel mehr zu bieten als Strände und Pyramiden. Die kolonialen Städte sind sehr empfehlenswert. Wir legen jetzt ein neues Programm auf: Guanajuato, Zacatecas, Querétaro, Bundesländer und Orte, etwa Oaxaca, wo man die Geschichte der Unabhängigkeitsbewegung und der Mexikanischen Revolution erleben kann.

Was sagen Sie den Touristen in puncto Sicherheit und Umwelt?

In 162 von 2456 Kreisen und Gemeinden gibt es ein großes Sicherheitsproblem, das auch in den Nachrichten sehr präsent ist. In den restlichen Gemeinden ist die Lage ruhig. In Mexiko kommen wir durchschnittlich auf 12,1 Morde je 100 000 Einwohner landesweit. 80 Prozent der Morde geschehen vor allem in Sinaloa, Tamaulipas, Chihuahua und Baja California. Aber es gibt viele Gebiete, wo es ruhig und friedlich zugeht und man den Gouverneur im Café treffen kann. Ohne die Problemgebiete kommen wir durchschnittlich auf 5,5 Morde je 100 000 Einwohner. Das sind Raten wie in den USA oder vielen Ländern Europas. In anderen Ländern Lateinamerikas gibt es eine Quote von 43, aber davon ist in den Medien kaum die Rede.

Fühlen Sie sich in Deutschland gut über Mexiko informiert?

Leider nicht, und das ist wirklich ein Problem. In die Medien tauchen immer nur die schlechten Nachrichten aus den Problemgebieten auf. Vom Rest des Landes wird kaum berichtet. Dabei gibt es so viele andere nennenswerte Dinge: deutsche Investitionen oder auch Investitionen von Mexikanern in Deutschland und Europa. Mexiko ist viel weiter entwickelt, als es die Nachrichten vermuten lassen. Man sieht immer nur den Staub, aber nicht das ganze Haus.

Ist die Berichterstattung über den Drogenkrieg übertrieben?

Nein, aber wenn man nur ein Detail betrachtet, kann man die Gestalt im Ganzen nicht erkennen. Es gibt natürlich Probleme in Mexiko, aber sie machen nicht den Charakter des ganzen Landes aus!

Was können Deutsche und Mexikaner voneinander lernen?

Vieles! Beispielhaft sind der Fleiß und die Ordnungsliebe der Deutschen, aber auch die Flexibilität der Mexikaner ist eine sehr positive Eigenschaft. Wenn wir innerhalb von 24 Stunden etwas regeln müssen, dann schaffen wir das, weil wir spontan reagieren können. Das ist für die Industrie sehr wichtig.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt





Francisco Nicolas

Gonzalez Diaz
ist seit dem 26. Juni 2010 außerordentlicher und bevollmächtigter

Botschafter Mexikos in Deutschland.

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