Zeitung Heute : "Wir wollen kein Windows, wir wollen unser Geld zurück"

JOACHIM ZEPELIN

High Noon im Silicon Valley: Ein bunter Umzug marschierte am Montag zur Mittagszeit durch die kahlen Hochhausfassaden von Foster City, einem Ort, der nur aus nüchtern gestalteten High-Tech-Firmen und langweiligen Wohnanlagen besteht.Ihren Gegner traf die auffällige Truppe auf dem Oberdeck eines Parkhauses, wo unter einem sauber gedruckten Banner mit der Aufschrift "Microsoft begrüßt die Linux-Gemeinde" zwei Vertreter des Softwareriesen mit Getränken warteten."Wir wollen keine Erfrischungen, wir wollen kein Windows, wir wollen unser Geld zurück", riefen ihnen die Demonstranten zu.Linux ist ein kostenloses Betriebssystem für Computer, das seit einigen Jahren kooperativ von professionellen und Hobby-Programmierern im Internet entwickelt wird.Die alternative Software gilt inzwischen als zuverlässiger als die von Microsoft, die Zahl ihrer Nutzer blieb in der Vergangenheit trotzdem begrenzt.Bedienungsfreundliche Anwendungsprogramme fehlten, und die Installation des Betriebssystems überforderte durchschnittliche Computerbesitzer.Doch nachdem in den vergangenen beiden Jahren die Linux-Gemeinde auf geschätzte acht Millionen Nutzer angeschwollen ist, haben die Windows-Abstinenzler Selbstbewußtsein gewonnen.Sie fordern von Computerherstellern, daß diese auch Rechner mit Linux anbieten, und von Microsoft wollen sie Geld für nicht genutzte Windows-Lizenzen zurück.

Mehr als 90 Prozent aller Computer werden heute mit einer vorinstallierten Version von Windows verkauft.Wer seinen fabrikneuen Rechner anschaltet, muß zunächst die Frage beantworten, ob er die ellenlangen Lizenzbestimmungen von Microsoft akzeptiert.Klickt man mit der Maus ins "Nein"-Kästchen, grüßt Bill Gates mit der Botschaft, man könne sich wegen der Rückgabe des Programms und einer Rückerstattung der Kosten für die Windows-Lizenz an den Hersteller des Computers wenden.Das haben in den vergangenen Monaten immer mehr Linux-Nutzer versucht, doch Geld sahen nur wenige.Die Hersteller verwiesen an Microsoft, und Microsoft gab den Schwarzen Peter zurück an die Hersteller.

Um aus dem Teufelskreis zu kommen, machten sich die Aktivsten der Linux-Bewegung am Montag in verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten, den Niederlanden, Japan und Neuseeland auf den Weg zu Niederlassungen der Gates-Firma, um sich das Geld persönlich auszahlen zu lassen.Eine Stunde belagerte die Hacker-Gemeinde den Geschäftssitz von Microsoft im Silicon Valley.Geld gab es nicht, doch die Organisatoren sahen in der neuen Popularität der Gratis-Software ohnehin den eigentlichen Zweck ihres Protestmarsches.

Microsoft sieht die anwachsende Linux-Bewegung immerhin mit gemischten Gefühlen.Einerseits stiehlt das alternative Betriebssystem dem Monopolisten zwar Marktanteile, zumal alle großen Hersteller künftig auch Computer mit Linux anbieten.Andererseits kann der Softwareschmiede derzeit aber nichts besseres geschehen, als daß ein Konkurrent lautstark auf sich aufmerksam macht.Schließlich wird der Gates-Firma beim Monopolprozeß in Washington vorgeworfen, den Markt so vollständig zu kontrollieren, daß die Kunden keine Wahl mehr haben.

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