Zeitung Heute : „Wir wollen neue mutige Gedanken entwerfen“

Der Sozialstaat am Scheideweg: Pastor Friedrich Schophaus äußert sich zur Situation und Zukunft Bethels

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Der Gesundheitssektor befindet sich im Umbruch, die Mittel der Sozialkassen und der öffentlichen Hand werden knapper. Wie geht Ihre Einrichtung damit um?

Es wird deutlich, dass unsere diakonische Arbeit eingebunden ist in die Bedingungen der Wirtschaft und der allgemeinen Konjunktur. Wir waren und sind ständig bemüht, unsere Arbeitsabläufe und unsere Strukturen zu verbessern, um möglichst viel für die Menschen, die wir unterstützen oder betreuen, zu erreichen. Doch die Möglichkeiten der „Rationalisierung“ sind begrenzt, denn bei uns arbeiten Menschen mit Menschen und die menschliche Qualität unserer Arbeit darf nicht verloren gehen. Darum sind wir sehr dankbar, dass wir großartige Unterstützung bei unseren rund 350 000 Freunden und Förderern finden. Durch Stiftungen und Spenden sind uns viele Verbesserungen und Entwicklungen in unserer Arbeit für Menschen mit Behinderung möglich, die sonst nicht finanzierbar wären.

Was wird sich in Zukunft ändern, wo steht Bethel?

„Neue große Nöte bedürfen neuer, mutiger Gedanken“, dieses Wort Friedrich von Bodelschwinghs haben wir nicht ohne Grund als Überschrift für unser Bodelschwingh-Jahr 2006 ausgewählt. Es ist uns weiterhin Pflicht, neue große Nöte zu entdecken, sie zur Sprache zu bringen und sie möglichst prophylaktisch zu verhindern oder ihre Folgen zu bekämpfen. Wir wollen neue mutige Gedanken entwerfen, so dass deutlich wird, die Diakonie und mit ihr Bethel sind bei denen, die ausgeschlossen werden von der Teilhabe am Leben, sie sind für die Schwachen da. Wir stehen für eine Gesellschaft, die Solidarität übt mit Menschen, die mit Einschränkungen leben müssen und die Fürsorge in Achtung der Autonomie des Einzelnen praktiziert. Dafür müssen wir immer wieder neue Formen der individuell angemessenen und gewünschten Unterstützung finden. In Zukunft wird es mehr ambulante und weniger stationäre Angebote für Menschen mit Behinderung geben und wir müssen mehr Assistenz organisieren, damit Menschen möglichst selbstständig und selbstbestimmt in unserer Gesellschaft leben können.

Welche Veränderungen stehen konkret an?

Große Heime in Einrichtungen der Behindertenhilfe wird es immer weniger geben. Zum Beispiel im Ruhrgebiet, in Ostwestfalen oder in Brandenburg haben wir inzwischen zahlreiche Nachbarschaftsprojekte verwirklicht. Wir sprechen heute von der „sozialräumlichen Orientierung“ der Behindertenhilfe und von „neuen Nachbarschaften“. Das bedeutet, ein Haus, in dem Menschen mit Behinderungen leben, liegt mitten in einem gewachsenen Wohngebiet und Menschen mit Behinderung sind ein Teil der Anwohnerschaft mit nachbarschaftlichen Bezügen, idealerweise integriert in die Kommune und die örtliche Kirchengemeinde. Daneben gibt es immer mehr ambulante und familienentlastende Dienste, die es ermöglichen, dass behinderte Menschen in ihren Familien oder auch eigenständig wohnen und leben können.

Wie steht es aus Ihrer Sicht um die gesellschaftliche Verankerung von diakonischer und sozialer Arbeit?

Mir scheint, wir stehen da derzeit am Scheideweg. Diese Frage richtet sich an uns alle, wir müssen erklären, wie viel Sozialstaat wir wirklich wollen und damit wie viel Integration von schwächeren Menschen. Die Grundfrage lautet: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Für Bethel habe ich die Frage eben beantwortet; für uns ist darüber hinaus klar, Bethel und alle Träger von Wohlfahrtseinrichtungen brauchen künftig mehr Freunde und mehr Unterstützung, die die gleichen Ideen vertreten. Das zielt zum einen auf Menschen, die uns materiell unterstützen können, auf Menschen die aufgrund ihrer persönlichen guten Situation anderen etwas abgeben wollen. Zum anderen zielt es auf Menschen, die ihren Einfluss und ihre Kontakte nutzen wollen, um die Belange von Menschen mit Behinderung zu unterstützen. Politiker, Journalisten, Manager und andere einflussreiche Menschen können hier in der Gesellschaft viel bewirken, damit behinderte Menschen nicht allein gelassen werden.

Wo steht Bethel mit seiner Arbeit und seinem Anspruch in dem Dreieck aus wissenschaftlichem Fortschritt, ethischem Anspruch und praktischer Arbeit?

Fortschritt ist gut, muss aber ethisch gegründet sein und ich muss auf der anderen Seite meine Ethik praktisch fundieren. Bei uns steht natürlich die praktische Hilfe und Assistenz für behinderte, kranke oder benachteiligte Menschen an erster Stelle. Damit sich die Arbeit weiterentwickelt und verbessert, bedarf es aber des wissenschaftlichen Fortschritts. Bethel engagiert sich wissenschaftlich in der Weiterentwicklung von therapeutischen und pädagogischen Konzepten oder auch mit Forschung im Bereich der Epilepsie. Bei allem sind aber unsere christliche Grundhaltung und die Orientierung an der Menschenwürde, so wie sie Gott von uns erwartet, der Maßstab. Gleichzeitig muss ich für meine ethischen Grundhaltungen einstehen und daraus praktische Konsequenzen ableiten. So muss zum Beispiel jede Argumentation gegen Sterbehilfe auch praktische Folgerungen haben. Für Bethel heißt das, dass wir uns intensiv in der Hospizarbeit engagieren und auch stationäre Hospize aufgebaut haben, in denen Sterbenden ein würdiges Lebensende mit menschlicher Nähe ermöglicht wird.

Bethel wurde auch aus der Erweckungsbewegung heraus gegründet. Welche Bedeutung hat christlicher Glaube heute für die Einrichtung?

Wir stehen zu unseren evangelischen Wurzeln. Der christliche Glaube ist nach wie vor bestimmend für unsere Arbeit und Motivation für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir haben unsere Vision formuliert „Bethel – Gemeinschaft verwirklichen“. Diese Vision gründet im christlichen Glauben und sie beruht auf der unveräußerlichen Würde jedes einzelnen Menschen als Geschöpf Gottes. Das bedeutet, es wird nicht zwischen jung oder alt, krank oder gesund, mehr oder weniger leistungsfähig unterschieden.

Welche Wünsche und Forderungen richten Sie an die Politik? Ist das, was sich zurzeit an Reformen abzeichnet, aus Ihrer Sicht der richtige Weg?

Es steht mir nicht zu, die Reformen zu bewerten. Ich kann von unserem Ausgangspunkt und Auftrag her nur immer wieder den Wunsch äußern: Mögen die Reformer im Blick behalten, dass nicht alle Menschen gleichermaßen in der Lage sind, den Anforderungen nachzukommen, denn die Parole „Jeder ist seines Glückes Schmied“ schließt viele Menschen von vornherein aus. Mir ist wichtig, dass alle, die Veränderungen gestalten, nicht nur einen Ausschnitt der Gesellschaft im Blick haben, sondern auch die möglichen Folgen gerade für die Menschen bedenken, hinter denen keine einflussreichen Lobbyisten stehen.

Liegt die Zukunft des Sozialstaats in Spenden und Stiftungen?

Der Hilfebedarf für alte, kranke oder sozial benachteiligte Menschen wird in unserer Gesellschaft ansteigen. Von daher wird die Arbeit diakonischer Einrichtungen wie Bethel auch in Zukunft sehr notwendig sein, mit immer mehr ambulanten Hilfen. Die Gesellschaft muss entscheiden, wie viel sie für die Versorgung von Menschen, die mit Einschränkungen leben müssen, ausgeben will. Bethel hat dank unserer Förderer und Freunde viel unmittelbare Unterstützung, die für uns zunehmend an Bedeutung gewinnt. Allgemein erwarte ich, dass die Finanzierung gemeinnütziger sozialer Arbeit durch privates Engagement, seien es Spenden, Stiftungen oder Vermächtnisse deutlich zunehmen wird. Ich erwarte aber auch, dass die Politik handhabbare Rahmenbedingungen schafft, wie es die Bundeskanzlerin im September bei ihrem Besuch in Bethel zugesichert hat.

Das Gespräch führte Volker Pieper

Der gebürtige Dortmunder Pastor Friedrich Schophaus ist seit 1994 Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel. Er ist 63 Jahre, verheiratet und hat zwei Kinder.

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