Zeitung Heute : Wird ein neues Windows 98 benötigt?

KURT SAGATZ

Der Streit um die Internet-Programmiersprache Java beschäftigt nicht nur die Gerichte, sondern gleichermaßen Computernutzer und Software-Entwickler.Ein US-Gericht erließ am Dienstag eine einstweilige Verfügung, nach der Microsoft seine Version von Java sowohl aus Windows 98 als auch aus dem dort integrierten Internet Explorer entfernen muß.Für die Nutzer des Microsoft-Betriebssystemes stellt sich somit natürlich die bange Frage, ob nun das gerade erst angeschaffte Windows 98 ebenfalls ausgetauscht werden muß, also auch eine neue Installation des System und aller Programme auf der Festplatte vonnöten ist.Ein solcher Schritt wäre mehr als unangenehm, denn die Einrichtung eines kompletten Systems ist zeitraubend und zumindest für Firmen auch kostenintensiv.

Aus Sicht von Microsoft-Sprecher Thomas Baumgärtner muß es so schlimm nicht werden.Zum einen müsse vor allem erst einmal rechtlich geprüft werden, ob die gerichtliche Auflage umgesetzt werden muß.Und auch dann wären die Konsequenzen zumindest für die Windows-98-Nutzer eher gering, da im schlimmsten Fall einige Windows-Tools per Internet erneuert werden müßten.

Zum Verständnis: Die Java-Programmiersprache wird dafür verwendet, bei der Internet-Nutzung Programme auf dem Rechner des Nutzers auszuführen, die mittels der sonst im Netz üblichen HTML-Technik nicht darzustellen wäre.Ein Beispiel: Die Darstellung von Börsendaten im Internet würde bei herkömmlicher Technik für jede Aktie die Übermittlung einer großen Bilddatei erfordern.Mittels Java wird hingegen am Anfang ein einzelnes Mal ein Programm auf den Rechner des Nutzers überspielt, das nun beliebige Finanzdaten grafisch darstellen kann.

Von der Firma Sun Microsystems, die Java im wesentlichen entwickelt hat, wurde die Programmiersprache nicht nur in Hinblick auf eine komfortablere Nutzung des Netzes geschaffen, sondern zugleich als plattform-unabhängige Entwicklungsumgebung.Anders als bei Programmen wie Winword oder Excel sollen Java-Programme nicht nur auf Windows-Rechnern, sondern eben genauso auf Computern mit Betriebssystemen wie MacOS, OS/2, Unix oder dem immer stärker werdenden Linux laufen.Doch genau diese Eigenschaft wurden von Microsoft durch einige Sonderentwicklungen zu Java nach Ansicht von Sun - und zumindest das Gericht in San José sieht das genauso - torpediert.So nutzen die Microsoft-Erweiterungen zu Java spezielle Programmbestandteile des Windows-Betriebssystemes, um - wie Thomas Baumgärtner ausführt - die Java-Programme noch komfortabler und schneller zu machen.Dagegen wäre nichts zu sagen, wären da nicht die anderen Betriebssysteme, die mit den speziellen Microsoft-Java-Anweisungen nicht mehr zurechtkommen.Erste Wirkung hat die Microsoft-Politik der Sonderwege schließlich auch schon gezeigt.In Deutschland nutzen über zwei Drittel der Web-Programmierer die Microsoft-Erweiterungen, was damit zusammenhängen dürfte, daß Windows auf neun von zehn Rechnern weltweit eingesetzt wird.

Doch Microsoft wäre nicht so erfolgreich, wenn man nicht auch in diesem Fall ein Hintertürchen eingebaut hätte.Bei der eigenwilligen Java-Erweiterung wurde immerhin darauf geachtet, daß der Internet-Explorer auch den Original Java-Code richtig interpretiert.Sollte sich Sun also tatsächlich durchsetzen und die Erweiterungen erfolgreich untersagen lassen, würde dies der Windows-Nutzer kaum merken.Und auch für die Entwickler, die Java-Anwendungen mitHilfe von Microsoft-Tools schreiben, wäre der Aufwand zumindest bei Neuprogrammierungen zu verschmerzen.Beim Kompilieren der Programme müßte nur eine entsprechende Option deaktiviert werden.Ärgerlich wird es allerdings bei den bereits fertiggestellten Arbeiten, die dann ebenfalls auf ihre Java-Tauglichkeit neu überprüft werden müßten.Vor allem in sensiblen Bereichen würde das zu weiteren Irritationen führen, meint dazu auch Axel von Maydell von der Berliner Multimedia-Produktionsfirma bvm, die unter anderem für die Teilbanken der Bankgesellschaft Berlin die Internet-Auftritte erstellt hat.Dabei wurde zwar bislang auf Java verzichtet.Doch im Relaunch ist die Programmiersprache vorgesehen.Zum Glück für bvm hat man sich allerdings dafür entschieden, nur die Originalsprache einzusetzen und nicht das verlockende Microsoft-Derivat.

Diesen feinen Unterschied seinen Kunden klarzumachen, dürfte freilich manchem Entwickler schwer fallen.Vor allem im Finanzbereich mit seiner sensiblen Sicherheitsthematik sind zusätzliche Irritationen über die Funktionstüchtigkeit des Netzes mehr als schädlich.

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