Zeitung Heute : Wirtschaft in Wahllaune

HEIK AFHELDT

Der Jahreswirtschaftsbericht des Bundeswirtschaftsministers verheißt für das Wahljahr 98 ein Wachstum von 2,5 bis 3 Prozent bei einer historisch niedrigen Inflationsrate von unter 1,5 Prozent!VON HEIK AFHELDTNatürlich sind die Statistiker unbestechlich.Bruttoinlandsprodukt ist Bruttoinlandsprodukt - und das, was es nicht mißt, wie die wachsende Schattenwirtschaft, erfaßt Wiesbaden in keinem Jahr.Und dennoch läuft es seit Jahren zuverlässig wie eine Schweizer Uhr: Zum Wahljahr ziehen die Wachstumskurven jeweils deutlich nach oben.Das war 1990 (+ 5,7 %) so, 1994 (+ 2,9 nach -1,2 % 1993) und nun auch 1998 wieder! Der Jahreswirtschaftsbericht aus dem Hause des Bundeswirtschaftsministers verheißt für das Wahljahr 98 ein Wachstum von 2,5 bis 3 Prozent bei einer historisch niedrigen Inflationsrate von unter 1,5 Prozent! Das sind fast amerikanische Verhältnisse.Und es spricht alles dafür, daß hier nicht der Zweckoptimismus des für die Wirtschaft zuständigen liberalen Ressortchefs die Daten geschüttelt und geschönt hat.So sehr die Freien Demokraten jedes Fünkchen von Erfolg brauchen, um am 27.September die Hürde der 5 Prozent zu nehmen und damit im Bundestag weiter mitzuspielen, der Umschwung zum Aufschwung ist echt.Was macht die deutsche Wirtschaft plötzlich so erfolgreich? Viele der radikalen Schlankheitskuren aus den vergangenen Jahren zeigen endlich Wirkung.Die deutschen Unternehmen sind wieder fit für den harten Wettbewerb draußen auf den Weltmärkten und im eigenen Lande.Der günstigere D-Mark-Kurs, die vorsichtigen Tarifabschlüsse und die niedrigen Realzinsen helfen die innovativen deutschen Produkte zu günstigen Kosten zu produzieren und zu auskömmlichen Preisen abzusetzen.Und so steigen auch endlich die Gewinne wieder.Nicht nur Daimler hat den wirtschaftlichen Elchtest erfolgreich bestanden.Vor allem die Exporte laufen weiter auf Hochtouren.Die Schatten aus Asien fallen nicht so lang wie anfänglich befürchtet.Ein erneutes Plus von 7,5 Prozent ist ein eindrucksvoller Beweis für die Exportstärke der deutschen Wirtschaft.Also wird auch wieder ordentlich in Modernisierung und Erweiterung der Anlagen investiert (+ 6 Prozent real).Nur mit den Bauinvestitionen geht es auch in diesem Jahr geringfügig weiter bergab, so daß wieder etliche Baufirmen aufgeben müssen.Das tut weh, vor allem im Osten, weil hier viele Existenzgründer sich im Markt bewähren wollten.Anders als 1997 nimmt in diesem Jahr auch der private Konsum endlich, wenn auch bescheiden, zu.Hier warten wir alle noch ungeduldig auf eine wirksame Entlastung durch die überfällige Steuerreform, die die nominalen Steuersätze deutlich senkt und die nötige Transparenz und Gerechtigkeit in unser Steuersystem bringt.Der Wirtschaftsjahrgang 1998 zeigt aber an, daß nicht mehr nur die "Shareholder" die Gewinner des Aufschwungs sind.Die Einnahmen der öffentlichen Hände werden wieder reichlicher sprudeln und erste Zeichen sind auszumachen, daß auch die Beschäftigung endlich langsam wieder zunimmt.Ob es die halbe Million mehr Arbeitsplätze werden, die Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bis zum Jahresende für möglich hält, oder nur die rund 200.000 im Jahreswirtschaftsbericht, das kann heute keiner wissen.Aber die Zunahme an offenen Stellen in den vergangenen Wochen ist eine gute Basis für Optimismus.So bleibt zu hoffen, daß die Vernunft der Tarifparteien auch im Wahljahr eine deutsche Tugend und ein Standortvorteil dieses Landes bleibt.Ein Streik zum Beispiel der Müllwerker, Lehrer oder Polizisten wäre ein schlimmer Dämpfer für die guten Perspektiven.Wenn die anstehenden Reformen nach den Wahlen endlich durchgeführt worden sind, dann werden alle an einem reicher gedeckten Tisch sitzen und sich das ihnen Zustehende nehmen können.

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