Zeitung Heute : Wirtschaft reagiert zurückhaltend auf Schröders Erfolg

URSULA WEIDENFELD

FRANKFURT (MAIN) .Mit großer Zurückhaltung haben Vertreter von internationalen und deutschen Banken und Investmenthäusern das Ergebnis der Bundestagswahlen kommentiert."Es war kein guter Tag", sagte Jürgen Heraeus, der Mitglied im Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ist auf der Wahlveranstaltung des Düsseldorfer Handelsblattes am Sonntag abend in Frankfurt.Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Investmenthauses Merrill Lynch, erklärte, daß man nun zwar Sicherheit auf der politischen Ebene habe.Doch würde ein falsches Signal was die notwendigen Reformen angehe, möglicherweise fatale Auswirkungen auf den deutschen und die europäischen Finanzmärkte haben.

Im Hinblick auf ein zukünftiges Bündnis für Arbeit warnte der Dresdner Bankvorstand Ernst Moritz Lipp, daß "diejenigen, die heute jubeln, sich zu früh freuen".Zwar werde eine Regierung Schröder erst einmal einen Teil der Reformen zurückschrauben, dann aber werde knallhart reformiert."Deutschland ist keine Insel und in einer globalisierten Welt werden die Lohnunterschiede noch zunehmen".Dagegen sagte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Ursula Engelen-Kefer, die Gewerkschaften würden alles für ein Bündnis für Arbeit tun."Wichtig ist, daß nun die Provokation aufhört." Heraeus lehnte ein Bündnis für Arbeit dagegen ab."Ich bin sehr dafür, daß jeder seine Arbeit macht."

Gerhard Grebe, Chefstratege der Bank Julius Bär, zeigte sich skeptisch, daß eine rot-grüne Regierung die Kraft zu den notwendigen Reformen in der Steuer- und Sozialpolitik finde.Zwar sei das Wahlergebnis keine wirkliche Überraschung, und so rechne er auch kurzfristig nicht mit dramatischen Reaktionen an den Börsen.Einig waren sich die Finanzexperten dagegen, daß die Situation in Rußland und in Asien sowie die mögliche Zinssenkung in den USA für die deutsche Konjunktur und die Börse wichtiger seien als die Bundestagswahl.Wenn sich die Abkühlung der Weltkonjunktur auch in Deutschland niederschlagen werde, schlage für eine Regierung Schröder die Stunde der Wahrheit."Dann wird sich zeigen, ob Schröder auch in schlechten Zeiten konsequente Politik macht." Horst Zirener, Vorstandsmitglied der Deka-Bank fürchtet, daß Schröder in seiner Partei über kurz oder lang isoliert wird - "wie Helmut Schmidt zu Beginn der achtziger Jahre".Dann werde für die Reformen des Standortes Deutschland eine mehrjährige Verzögerung eintreten, die dramatische Folgen haben könne.Die Auswirkungen einer Wiedereinführung der Vermögenssteuer auf den deutschen Markt zum Beispiel wäre verheerend, sagte Zirener.Julius Bär Bänker Grebe warnte Deutschland sei so stark in die internationale Politik eingebunden, daß eine Regierung kaum noch Handlungsspielräume habe.Doch "würden gerade ausländische Investoren sehr genau hinschauen" was in Deutschland Tagen geschieht.Auch ausländische Investoren würden langfristig negativ auf Rot-Grün reagieren, meinte Grebe.Manfred Link, Leiter der Strategieabteilung für Privatkunden bei der Deutschen Bank, sagte, jede Regierung in Deutschland müsse einsehen, daß es keine politischen Insellösungen mehr geben könne.

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