Wirtschaft : Von Sinnen

Manager als Juden von heute: Die Banker wollen sich ihr Fehlverhalten nicht eingestehen. Wenn sie sich nicht schämen, müssen sie sich aber zumindest kritisch befragen lassen. Nicht von den Gesellschaftern, sondern von der ganzen Gesellschaft.

Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

Keine Scham, keine Selbstkritik, keine Selbstbespiegelung, nicht einmal eine kurze Selbstvergewisserung. Nichts von alledem. Unsere Ökonomen, unsere Manager machen weiter wie bisher. Und noch mehr. Falsch.

Was Hans-Werner Sinn da gesagt hat, der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, ist ungeheuerlich. Manager als die Juden von heute: Das ist als Vergleich monströs. Und er war gewollt, ungeachtet der Entschuldigung – damit sich dahinter alle aus der Branche versammeln können. Auf dass sich jede Kritik an ihnen verbiete. Sie wollen sich ihr Fehlverhalten nicht eingestehen, nicht am Pranger stehen. Darum auch hat sich niemand, kein einziger Manager oder Forscher, umgehend oder wenigstens nach zwölf Stunden Bedenkzeit von Sinns Worten distanziert. Hieran zeigt sich ihr Geist.

Das Selbstbild dieser vermeintlichen „Klasse“ wird zum Problem. Angriff ist die beste Verteidigung, so sehen sie es wohl. Das aber offenbart eine Dimension des falsch Verstandenen, die gefährlich wird fürs System, für die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft. So generieren die Herren Menschen der Wirtschaft keinen Gewinn, nicht einmal für sich, sondern nur Radikalität in der Gesellschaft. Die Geister, die sie rufen …

Was haben sich die Blüms, Geißlers, Seehofers nicht alles von Managern und sogenannten Experten anhören müssen. Wie haben die verächtlich über diese „Herz-Jesu-Marxisten“ gesprochen. Seit Anfang der 90er Jahre ging es ums Soziale, und heute wissen wir: Wirtschaftsweise sind oft dumm genug, weiter so zu tun, als hätten sie immer schon alles gewusst. Oder sie haben es immer besser gewusst. Wer’s nicht glaubt, der lese ihre Bücher, Interviews, Kommentare. Wenn sie alle das alles aufessen müssten, was sie gesagt haben – wie sie dann aussähen. Wie das Abziehbild des Kapitalisten. Schön ist das nicht.

Dabei lösen sich gerade Ideologien zum Guten auf. Alle Welt sucht nach dem richtigen Weg in eine bessere Zukunft, sucht dafür Konzepte. Der Konservative Sarkozy wirbt wie der Linke Lafontaine für die Teilverstaatlichung von Schlüsselindustrien und wird dabei von CSU-Präsidiumsmitgliedern unterstützt. Ist es noch ein Wunder, dass „Das Kapital“ von Marx ein echter Gewinnbringer wird und antizyklisch Geld macht?

Heute ist ein neues Stabilisierungsprogramm für Währungen das Thema, ein Stimulierungsprogramm von Regierungsseite, eine EU-Wirtschaftsregierung und die bisher abgelehnte Einwirkungsmöglichkeit auf die Geldpolitik der Zentralbank. Das hätte mal einer vorher wissen, vorhersagen sollen. Wer in den vergangenen Zeiten leise „Keynes“ sagte und damit dessen These meinte: Befeure die Wirtschaft in den schwierigen Zeiten, spare dann in den guten, der wurde als Gestriger belächelt. Oder verspottet. Das wussten die Experten doch besser. Aber auch Keynes wird inzwischen wieder beifällig „Lord Keynes“ genannt und steht in gutem Ruf. So sehr, dass viele, viele nach seinen Rezepten rufen. Wie sinnfällig.

Der (kurze) Moment des Innehaltens ist vorbei. Es wird schon wieder werden, und damit auch wieder wie vorher, so lernen wir gerade. Dazu gehört, dass unsere Experten alles, was kommt und auch das Gegenteil davon immer schon gewusst haben. Oder gesagt? Gleichviel. Einerlei. Die Zeit ihrer ewigen Gewissheiten ist trotzdem vorbei.

Wenn sie sich schon nicht schämen – sie müssen sich kritisch befragen lassen. Nicht nur von ihren Gesellschaftern, sondern von der ganzen Gesellschaft.

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