Wirtschaftskrise : Die sächsische Falle

Sie setzten alles auf Hightech – auf Autos und Computerchips. „Silicon Saxony“ boomte. Nun häufen sich die Hiobsbotschaften: In Dresden steht Qimonda vor dem Aus, bei BMW in Leipzig zittern die Zulieferer. Hat der Freistaat sich verzettelt?

Sandra Dassler[Dresden/Leipzig]
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Himmel, hilf. Blick durch die transparente Hofüberdachung des Dresdner Residenzschlosses. -Foto: dpa

Der Mann steht am Straßenrand, er sagt: „Qimondianer heulen nicht.“ Mit dem rechten Fuß schießt er einen kleinen Klumpen Dreck in Richtung Fahrbahn. „Irgendein Asiat wird uns schon kaufen, verdammt.“ Gerade hat der Mann erfahren, dass Brüssel nicht helfen wird. EU-Wirtschaftskommissar Günter Verheugen habe die Bittsteller aus Sachsen mal wieder abblitzen lassen, hieß es im Radio.

Der Klumpen fliegt unbemerkt unter die vorüberfahrenden Autos. Manchmal hupt ein Lkw-Fahrer, reckt die Faust aus dem Fenster und ruft „Kämpft weiter, Leute!“, oder etwas Ähnliches, der Mann und seine Kollegen können es nicht genau verstehen, die Sätze gehen unter im Verkehrslärm. Die Königsbrücker ist eine der großen Dresdner Ausfallstraßen, sie führt direkt an dem Werk vorbei, auf das sie hier so stolz waren: Qimonda Dresden, Hersteller von Speicherchips. 3200 Arbeitsplätze. Hochtechnologie. Weltniveau. Manche sprachen vom „Leuchtturm des Ostens“. Jetzt ist Qimonda insolvent.

Deshalb stehen der Mann und seine Kollegen hier. Immer mittwochs. Machen Getränke heiß, entzünden Feuer, entrollen Plakate. Auf einigen sind wankende Leuchttürme zu sehen, auf anderen sind sie schon eingestürzt. Qimonda ist auch ein Symbol des Niedergangs einer Region: Mikroelektronik in Dresden, Automobilindustrie in Leipzig. Zulieferfirmen, Forschungseinrichtungen. Sachsens Leuchttürme.

Am Zaun des Umspannwerks hinter den Qimonda-Leuten hängen Fotos. Von ihnen, ihren Kindern, ihren Hobbys. „Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht“, steht darüber. „Das Motto kommt aus der Belegschaft“, sagt Andreas Friedrich, der die Aktion betreut, seit 1995 bei Qimonda arbeitet und viele Kollegen mit eingestellt hat. Friedrich ist Gruppenleiter, 54, groß gewachsen, mit einem Gesicht, das schon deshalb freundlich wirkt, weil jeder andere Ausdruck nicht zu seinem sächsischen Akzent passen würde.

„Der Reinraum ist das Herz von Qimonda. Wie ein Menschenherz darf es nicht aufhören zu schlagen“, sagt Friedrich, während er weiße Plastüberzieher auf seine Straßenschuhe schiebt. Dazu Mantel und Haarhaube, die jeder tragen muss, der einen Blick ins Allerheiligste werfen will: den Reinraum, wo die Schaltkreise gefertigt werden. Ganz in Weiß gekleidete Gestalten bevölkern ihn, einzig die Augen sind unbedeckt. Wer hier arbeitet, darf zwei Stunden vor Schichtbeginn keine Zigarette mehr geraucht haben. Den Maschinen im Reinraum sind höchstens 100 Staubpartikel pro Kubikmeter zuzumuten. Normale Stadtluft enthält eine Billion Partikel pro Kubikmeter.

„Seit der Inbetriebnahme 1995 wurden diese Maschinen nie völlig abgeschaltet“, sagt Andreas Friedrich. „Aber noch wichtiger als die Produktion ist die Weiterentwicklung der Technologie.“ Deshalb arbeiten rund ein Drittel der mehr als 3000 Qimondianer in der Entwicklung: Deutsche aus allen Teilen des Landes, Briten, Inder, Chinesen. Ingenieure, Physiker, IT-Experten.

Nach der Zukunft des insolventen Werks befragt, erzählen alle hier die gleiche Geschichte: vom dramatischen Preisverfall der Speicherchips, die jeder Computer braucht und die in Europa nur Qimonda herstellt. Dass es deshalb widersinnig sei, wenn die EU auf ihren strengen Wettbewerbsregeln beharre: Nur 30 Prozent der Investitionen dürfen aus Fördertöpfen von Land und Bund stammen, während vor allem Asiaten ihre Betriebe bis zu 90 Prozent subventionieren und den Markt mit billigen Chips überschwemmen. Südkorea etwa hat seinem Speicherchip-Produzenten Hynix Milliarden Dollar Schulden erlassen, um ihn vor dem Bankrott zu bewahren.

„Die Asiaten denken eben strategisch“, sagt Thomas Jurk, Sachsens Wirtschaftsminister. „Im Gegensatz zu Brüssel. Qimonda als einziger Speicherchiphersteller in Europa ist das einzige Unternehmen, in dem die Technologie weiterentwickelt werden kann. Und diese Technologie ist der Motor für die gesamte Mikroelektronik. Geht Qimonda kaputt, ist Europa auf Amerika und Asien angewiesen.“ Jurk schüttelt den Kopf, schon die Vorstellung findet er absurd. „Das ist, als würde Europa auf eigene Kraftwerkstechnologie verzichten.“

Thomas Jurk ist Chef der sächsischen SPD, das Wirtschaftsressort im Freistaat leitet er seit 2004. Ein kräftiger, groß gewachsener Mann, der selbst mit Schlips und Anzug noch bodenständig wirkt. Er sitzt im sechsten Stock seines Ministeriums, ein Nachwendebau mit viel Glas, gleich gegenüber der Staatskanzlei. Hinter den Fenstern liegt das barocke, das goldene Dresden. Und die Elbe, deren Wasserstand wieder mal sehr hoch ist.

Jurk seufzt. Wenn das Hochwasser im Jahr 2002 eine Jahrhundertkatastrophe war – was ist dann die jetzige Krise? Gegen das Hochwasser konnte man etwas tun: Menschen in Sicherheit bringen, Gebäude schützen, Sandsäcke stapeln. Das Wasser war der Feind. Wer ist jetzt der Feind? Die EU mit ihren Förderrichtlinien? Die Infineon-Chefs, die ihre Tochter Qimonda abgeschrieben haben? Oder der Koalitionspartner CDU und Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der sich aus Jurks Sicht viel zu spät für die Rettung Qimondas engagiert hat?

Bis er 2004 das Wirtschaftsressort übernahm, saß Jurk in der Opposition. „Da haben wir von der SPD immer vor der einseitigen Ausrichtung Dresdens auf die Halbleiterbranche gewarnt“, sagt der 47-Jährige. „Aber die waren ja ganz närrisch auf ihr Silicon Saxony.“

1,5 Milliarden Euro Subventionen wurden in die Chipindustrie am Technologiestandort Dresden investiert. Neben den Fabriken von Infineon und Advanced Micro Devices (AMD) haben sich mehr als tausend Firmen angesiedelt mit fast 44 000 Arbeitsplätzen. Was bleibt Jurk übrig, als um jeden Job zu kämpfen?

Nicht, dass ihm das schwer fiele. Er ist ein Mann der Praxis, hat mal Funkmechaniker gelernt. Jetzt telefoniert Jurk mit Brüssel, verhandelt, arbeitet sich in Bilanzen ein. Nicht nur in die von Qimonda. Im Wirtschaftsministerium trafen die Hiobsbotschaften zuletzt in immer kürzeren Abständen ein: Die Posttochter DHL senkt am Luftfrachtdrehkreuz Leipzig/Halle die Arbeitszeit von 2200 Mitarbeitern. 240 Unternehmen in der Region Chemnitz haben Kurzarbeit beantragt. Der Textilmaschinenbau klagt über Umsatzrückgänge von bis zu 50 Prozent. BMW, Saab, Nissan und Mitsubishi haben ihre Teilnahme an der Leipziger Automesse abgesagt, die am Sonnabend beginnt. Auch der Prozessorchip-Hersteller AMD schreibt rote Zahlen und wird 2009 Verluste machen, die 3000 Beschäftigten der beiden Dresdner Werke sind in Kurzarbeit.

Um Qimonda will Jurk weiter kämpfen. Er wirft der EU vor, ihr Wettbewerbsrecht „stranguliere“ die IT-Branche. Er kritisiert die Öffentlichkeitsarbeit des Vorstands. Vielleicht sind auch die Beschäftigten zu spät auf die Straße gegangen. „Die von Qimonda dachten immer, sie seien was Besseres“, sagt ein Dresdner Taxifahrer. „Die haben auf uns runtergeschaut, dabei sind sie auch nur Arbeiterklasse, sieht man ja nun.“

In Leipzig hat die Arbeiterklasse derweil keine Illusionen mehr. In Gestalt ihrer Betriebsräte sitzt sie morgens um acht in einem schmucklosen Besprechungszimmer einer Fabrikhalle. Einmal im Monat treffen sich hier die Arbeitnehmervertreter von BMW mit denen der wichtigsten Zulieferfirmen. Im Raum ist es trist, wie draußen, aber wenigstens ist der Kaffee heiß und stark, und die Arbeiterklasse kommt jetzt richtig in Fahrt. „Unsere Leute haben die Schnauze voll“, sagt Thomas Göhle, Betriebsratsvorsitzender beim BMW-Zulieferer Faurecia. „Obwohl es weniger Arbeit gibt und wir nur noch eine Schicht fahren, wird der Druck größer. Die Arbeitszeit hat sich erhöht, zugleich werden Taktzeiten gesenkt und weniger Springer eingesetzt. Da bleibt nicht mal Zeit zum Pinkeln.“

Faurecia produziert in Leipzig Sitze, die am Hauptband bei BMW montiert werden. Das Faurecia-Werk steht direkt auf dem BMW-Gelände, wie viele Zulieferfirmen, dadurch entfallen Transportkosten, und die Lagerhaltung, die anderswo Millionen verschlingt. Dafür darf nichts schiefgehen. „Wenn wir stehen, steht eine halbe Stunde später auch bei BMW die Produktion“, sagt Göhle. Und beschreibt die Stimmung unter seinen Kollegen als dramatisch: „Die da oben verzocken Milliarden, und wir verlieren unsere Jobs. Oder unsere Gesundheit.“

Keiner im Raum widerspricht. Thomas Arnold, bei der IG Metall für Faurecia zuständig, erklärt: „Was die Leute hier machen, ist schwere körperliche Arbeit. 2004 fuhr alle 82 Sekunden ein Sitz vorbei, jetzt alle 76 Sekunden, bei Engpässen alle 70. Die Handgriffe bleiben dieselben. Länger als zehn Jahre hält das niemand aus, dann ist man kaputt.“

Insgesamt arbeiten rund 4500 Menschen auf dem Gelände, davon 2600 direkt bei BMW, 1er- und 3er-Baureihen werden hier gefertigt, 700 Autos pro Tag waren es vor der Krise. Da wurde noch in zwei Schichten gearbeitet.

Jetzt verlassen in einer Schicht etwa 400 Wagen das Werk, allerdings wird auch sonnabends produziert. Für Kollegen mit Kindern sei das schwierig, sagt Jens Köhler, Betriebsratsvorsitzender bei BMW. Auch entfallen die Spätschichtzuschläge, das seien mehr als 100 Euro im Monat. Ganz zu schweigen von den Zulieferfirmen, da mag Köhler manchmal gar nicht mehr hören, was seine Kollegen berichten: Die Gießerei in Rackwitz muss wegen des Wegfalls der zweiten Schicht ihre Produktion drosseln, bei Transportunternehmen wie Schenker Logistic ist seit Wochen Kurzarbeit angesagt. Selbst der Betrieb, der für BMW Handtuch- und Toilettenrollen liefert, hat Probleme. 1600 Leiharbeiter bei BMW und den direkten Zulieferern wurden in den vergangenen Wochen entlassen. „1600 Paar Hände weniger“, sagt einer der Betriebsräte. „Sag doch gleich, 1600 Ärsche“, fügt ein anderer grimmig hinzu.

Seit 1991 ist Jens Köhler bei BMW, ein drahtiger Mittvierziger mit Schnauzbart. Er hat Kfz-Mechaniker gelernt und in einem Chemnitzer Autohaus gearbeitet. Als 2001 klar war, dass BMW ein Werk in Leipzig baut, bewarb er sich. „Ich wollte Karriere machen“, sagt er. „Aber weil ich früher im Betriebsrat war, ergab sich das so.“ Er lächelt gequält: „Irgendwie ist das ja auch Karriere.“

Köhlers Betriebsratsbüro ist einer der wenigen abgeschlossenen Räume in dem futuristischen Zentralgebäude, durch das in luftiger Höhe auch das Produktionsband läuft. Von den verkürzten Taktzeiten und dem Stress der Leute am Band ist hier wenig zu spüren: Gemächlich und lautlos schwebt ein dunkler Wagen nach dem anderen heran. Darunter arbeitet die Verwaltung, auch Pressesprecher Michael Janßen hat hier seinen Tisch. „Wir haben Probleme, hoffen aber, dass wir ab Juni wieder zwei Schichten fahren können“, sagt er. Der Standort Leipzig sei nicht gefährdet: „Gerade investieren wir hier etwa 100 Millionen Euro in ein neues Presswerk mit 150 Jobs.“

Allerdings hat sich das Unternehmen von allen Leiharbeitern getrennt. Einer der letzten ist Uwe Abraham. Am 31. März muss er gehen, nach vier Jahren in der Werkstatt. „Es war ein guter Job“, sagt der 49-Jährige. „Ich war nur Leiharbeiter, aber im Vergleich mit anderen im Osten habe ich fast das Doppelte verdient.“ Ein neues Angebot hat er noch nicht. „In der Region wird es nichts geben“, schätzt er, denn auch bei Porsche in Leipzig werde nur noch einschichtig gearbeitet. Der Absatzeinbruch des Unternehmens betrug allein auf dem wichtigen US-Markt im letzten Jahr 24 Prozent, das Minus beim in Leipzig montierten Porsche-Cayenne lag bei elf Prozent.

Angesichts der Krise bei Automobil- und Chipherstellern hört man in Sachsen immer öfter, das Land hätte die Fördergelder für die Ansiedlung von BMW, AMD oder Infineon lieber anderswo investieren sollen. Wirtschaftsminister Thomas Jurk findet das wohlfeil – nicht nur, weil die 2600 Stammarbeitsplätze bei BMW Leipzig im Gegenzug für die Fördergelder noch bis Mitte 2014 sicher sind. „Durch Steuern und Sozialabgaben haben wir die Fördergelder schon mehrfach wieder drin“, sagt er. „Andere Städte haben damals ähnlich viel geboten und hätten sich die Finger danach geleckt, die Firmen bei sich anzusiedeln.“

Momentan ist die Stimmung zwischen den Verwaltungen und ihren Leuchttürmen allerdings getrübt: Dass die Stadt Leipzig im Dezember 30 neue Dienstwagen bei Suzuki kaufte und SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung auf einen Protestbrief von BMW hin lediglich auf das Wettbewerbsrecht verwies, löste helle Empörung aus. Mangelndes Fingerspitzengefühl wirft man auch der Dresdner CDU-Oberbürgermeisterin Helma Orosz vor, die sich nicht bei den Qimonda-Demonstrationen sehen ließ. Das schmerzt die Chiphersteller ebenso wie der Spott von Sachsens Ex-Innenminister Heinz Eggert, der zur Debatte um Hilfen des Landes sagte, nur Jesus könne Tote zum Leben erwecken, aber nicht die Politik.

Die Qimondianer hoffen trotzdem auf das Wunder. Und auf den neuen Speicherchip, den sie entwickelt haben – mit zwölf Monaten Vorsprung vor der Konkurrenz aus Übersee. Das sei viel in der Branche, sagen Experten. Es könnte die Rettung sein. Auch wenn viele befürchten, dass der potenzielle Käufer, sobald er die Technologie hat, das Werk in Dresden schließt.

Genau das will Insolvenzverwalter Michael Jaffé, die zweite Hoffnung der Qimondianer, verhindern. Jaffé hat Kirch-Media saniert und den Caravan-Hersteller Knaus Tabbert. Dieser Tage will er nach Peking fliegen, weil ein chinesisches Staatsunternehmen Interesse an Qimonda signalisiert hat. Und EU-Kommissar Verheugen deutete am Wochenende einen Kurswechsel in Sachen Subventionsgrenzen der „für Europa strategisch wichtigen Chipindustrie“ an. Doch für Qimonda könnte das zu spät sein. Die Zeit drängt.

„So lange der Reinraum nicht abgeschaltet wird, ist Hoffnung“, sagt Andreas Friedrich, der Qimonda-Gruppenleiter. Und macht mit seinen Kollegen erst einmal mit der Aktion „Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht“ weiter. Eins der Fotos zeigt Friedrich mit seiner Frau, die auch bei Qimonda arbeitet. Frau Friedrich hat den Kopf vertrauensvoll an ihren Mann gelehnt. Drei Töchter hat das Paar, zwei haben gerade ihr Studium begonnen. Ihre diesjährige Urlaubsreise hat die Familie erst einmal verschoben. Falls sich doch kein Käufer findet.

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