Zeitung Heute : Wirtschaftsmediation löst Konflikte und erhält Geschäftsbeziehungen - Eine preiswerte Alternative zum Prozess

Regina Köthe

Die Graphikerin Anna Weber sitzt in ihrem Büro und kocht vor Wut. Sie hat bereits mehrere Telefonate geführt und Mahnungen geschrieben, aber nichts als Ausflüchte von ihrem Kunden, dem Geschäftsführer einer Lebensmittelkette, zu hören bekommen. Es handelt sich um einen hohen Rechnungsbetrag und einen wichtigen Kunden. Der behauptet zusätzlich noch, dass sie sich nicht an das Angebot gehalten hat und er einen Teil der Kosten deshalb nicht zahlen wird. Ein Stück geschäftlicher Alltag: Eigentlich ist man nur noch wütend und möchte dem Kunden am liebsten den Gerichtsvollzieher auf den Hals hetzen. Der Kunde wiederum fühlt sich ungerecht behandelt und schaltet auf stur. Das ist eine der typischen Konfliktsituationen, in denen sich nichts mehr bewegt und eine gerichtliche Klärung unausweichlich scheint. Doch ein Rechtsstreit kann teuer werden, lange dauern und der Ausgang ist ungewiss.

Eine Alternative zu langwierigen Prozessen bietet die Wirtschaftsmediation: die außergerichtliche Einigung mit Hilfe einer professionellen Verhandlungsberaters. Wenn beide Parteien noch zu solch einem letzten Schlichtungsversuch bereit sind, kann ein Mediator gesucht werden. Adressen und Informationen bietet der Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt ( www.bmwa.de ), hilfreich sind auch - vorwiegend für Konflikte im familiären Umfeld - die Internet-Seiten des "Göttinger Instituts für Mediation" unter www.mediation-goettingen.de .

Vor Beginn einer Mediation wird der sogenannte "Mediationsvertrag" aufgesetzt und unterschrieben. Er regelt die Rahmenbedingungen für den jeweiligen Fall, den Zeitraum, rechtliche Besonderheiten und Vertraulichkeitsklauseln. Die Ergebnisse der Mediation werden wiederum in der "Mediationsvereinbarung" festgehalten. Sie ist das konkrete und belegbare Ergebnis der Mediation. Beispiele und Vertragsentwürfe bietet die Neuerscheinung "Businessmediation. Einigung ohne Gericht" von Cristina Lenz und Andreas Mueller (Verlag Moderne Industrie, 1999, 98 Mark).

Wenn Reiner Ponschab, Münchener Rechtsanwalt und Mediator, sich auf einen Fall vorbereitet, dann bekommt er zuerst die Unterlagen zugesandt. Manchmal sind das mehrere Leitzordner voller Material. Als Mediator verschafft er sich einen groben Überblick über die Situation, um die Verhandlung zu leitet und zu strukturieren. Zuerst stellen beide Parteien ihre Standpunkte dar und benennen Hintergründe und jeweilige Interessen. Der Kunde von Anna Weber hat sich bereits mehrmals darüber geärgert, dass die Rechnungen höher waren als das ursprüngliche Angebot. Für die Auftraggeberin hingegen war klar, dass nachträgliche Wünsche des Kunden zu höheren Kosten führen würden. Sie hat dies dem Kunden aber nur einmal explizit mitgeteilt.

Ein professioneller Mediator verhält sich neutral und versucht mit Hilfe seiner Kommunikationstechniken und psychologischen Kenntnisse, die Parteien dazu zu bewegen, konstruktive Lösungen zu formulieren. Nach einer Gegenüberstellung der Standpunkte werden Optionen für eine Lösung gesucht, die dem sogenannten BATNA ("best alternative to a negociated agreement") oder schlicht Wunschergebnis beider Seiten am meisten entspricht. So überprüfen Anna Weber und ihr Kunde ihre Forderungen und Ansprüche und einigen sich auf einem neuen Rechnungsbetrag und einen definitiven Zahlungstermin. Darüber hinaus hat das klärende Gespräch eine neue, solide Basis für die weitere Zusammenarbeit geschaffen.

Anders als vor Gericht gibt es bei der Mediation nicht einen Gewinner und einen Verlierer, sondern es erfolgt ein Interessenausgleich. Die Methode basiert auf dem in den USA entwickelten Harvard-Konzept für sachbezogenes Verhandeln. Das Modell "zukunftsorientierte Gewinner-Gewinner-Lösung" ruft jedoch oft Skepsis hervor. "Viele Wirtschaftsleute und Juristen halten es für Warmduscherei mit zuviel Psychologie. Da ist noch Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit zu leisten", erklärt Reiner Ponschab, selbst Senior einer Münchner Anwaltskanzlei. "Aber wer damit in Berührung kommt, der erkennt schnell den Nutzen." Es gehe nicht um einen therapeutischen "Heilauftrag", sondern um praktische Lösungen. Wer wütend ist, kann nicht mehr sachlich verhandeln. Emotionen müssen ernst genommen werden, aber sie sollen nicht die sachlichen Entscheidungen bestimmen. Vor allem die Kosten sind wesentlich geringer als bei einem Streit vor Gericht. So betragen die Kosten für die Mediation laut den Autoren Lenz und Mueller etwa ein Zehntel des Prozesskostenrisikos (das ist die Summe, die eine Partei im Falle ihres Unterliegens zu zahlen hätte). Und Wirtschaftsmediationen dauern in der Regel nicht länger als einen Tag, meint Reiner Ponschab. Abgerechnet wird nach Stundensätzen zwischen 300 und 700 Mark oder nach der Gebührenverordnung für Rechtsanwälte (BRAGO). Das Honorar des Mediators teilen sich beide Parteien. In den USA ist das Verfahren bereits seit 20 Jahren bekannt, in Deutschland steckt Businessmediation noch in den Kinderschuhen. Ob Streit zwischen Gesellschaftern, Lizenzverletzungen oder Vertragsprobleme: "Wirtschaftmediation bietet sich für fast alle Probleme an", sagt Reiner Ponschab. Besonders in der schnelllebigen Software-Branche oder bei Streitigkeiten in Familienunternehmen ist Mediation eine Alternative.

Mediation ist kein eigenständiger Beruf, sondern eine Zusatzqualifikation für Juristen, Psychologen und Unternehmensberater. Es ist nicht unbedingt ein Feld für Berufsanfänger, da es viel Branchenkenntnis und Souveränität erfordert. Dennoch interessieren sich besonders junge Juristen für die neue Methode der Konfliktlösung. Es bietet ein weiteres Standbein der beruflichen Existenz. Ob Baurecht, Umweltgesetze oder Vertragsrecht, juristische Grundkenntnisse über Haftung, Vertragsrecht und arbeitsrechtliche Sachverhalte braucht jeder, der sich als Businessmediator betätigen will. "Da bin ich knallhart, solche Kenntnisse setze ich voraus", betont auch Jutta Hohmann, die Fortbildungskurse in Mediation leitet. Die Berliner Rechtsanwältin und Mediatorin hat bereits Mitte der achtziger Jahre bei ihrer Arbeit im Ausland Mediation als Mittel der Konfliktlösung schätzen gelernt.

Wer Wirtschaftsmediator werden will, braucht fundierte wirtschaftliche Kenntnisse. Für komplexe Sachverhalte werden auch Spezialisten als Co-Mediatoren hinzugezogen. Vor allem die Klienten achten auf Fachkompetenz. "Einen gewissen Stallgeruch erwarten die Mandanten schon", bestätigt Reiner Ponschad. Er ist direkt nach Harvard gegangen, um sich vor Ort fortzubilden. Inzwischen werden aber auch in Deutschland verschiedene Fortbildungen und Einführungen angeboten. Informationen zu Veranstaltungen und Seminaren bekommt man bei den Verbänden für Wirtschaftsmediation ( www.gwmk.org , und www.bmwa.de ). In Berlin bieten die Diakonische Akademie Deutschland (Tel: 488 37 - 489) und auch Viadukt (Tel: 678 20 71) Fortbildungen an. Mediation bedeutet kooperative Lösungen für die Zukunft statt Aufrechnung von Ansprüchen aus der Vergangenheit.

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