Wissenschaft : Phantom im Ohr

Dr. Hartmut Wewetzer forscht nach guten Nachrichten aus der Medizin: Es gibt Hoffnung auf eine wirksame Behandlung von Tinnitus.

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Dr. Hartmut Wewetzer
Dr. Hartmut WewetzerFoto: Tsp

Der Vagus-Nerv ist ein kleiner Gigant. Er tritt durch eine Öffnung an der Schädelbasis aus, um sich in seine vielen Äste aufzuteilen, bis in den Bauchraum hinabzutauchen und hier geflechtartig zu verzweigen. Dabei versorgt er die Muskeln von Gaumen, Schlund und Kehlkopf und verleiht Ohrmuschel, Gehörgang, Zunge und Rachen Gefühl. Und er steuert die Eingeweide, lenkt Verdauung, Herzschlag, Atmung. Wirklich gigantisch.

Als Zugang zum Gehirn ist der Vagusnerv auch für die Medizin interessant. Mit winzigen Stromimpulsen, genannt Vagusnerv-Stimulation (VNS), behandeln Ärzte Epilepsie und Depression. Im Tierversuch haben nun amerikanische Forscher sogar Tinnitus, ein ständiges Ohrgeräusch, mit dem Verfahren behandelt. Erfolgreich, wie sie sagen.

Das lärmende Phantom im Ohr ist vermutlich ein fehlgeschlagener Versuch des Gehirns, Hörverlust auszugleichen. Tinnitus entsteht also gar nicht im Ohr, sondern im Oberstübchen. Mitunter wird das Klingeln, Brummen oder Pfeifen über einen kleinen Apparat mit einem anderen Geräusch „maskiert“, um das Gehirn vom schrillen Dauerton abzulenken.

Die Forscher der Universität von Texas und der Firma Microtransponder haben dieses Prinzip bei Ratten mit der VNS kombiniert. Die Nagetiere, bei denen zuvor ein Tinnitus durch Lärm erzeugt worden war, bekamen Stromimpulse über den Vagus-Nerv ins Gehirn gesendet, gleichzeitig hörten die Tiere einen bestimmten Ton. So gelang es nach Ansicht der Wissenschaftler, die Störgeräusche produzierenden Hirnareale wieder umzuprogrammieren. Bald sollen die ersten Tinnituspatienten behandelt werden.

Die Neurologin Astrid Carius von der Uniklinik Freiburg ist skeptisch. „Wenn es klappen würde, wäre es schön“, sagt sie. „Aber da man die Ratten nicht befragen kann, weiß ich nicht, ob die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind.“ Carius behandelt Patienten mit schwerer Epilepsie, bei denen als letzte Maßnahme eine VNS erfolgt. Dabei wird die stimulierende Elektrode, ein dünnes Metallkabel, im Halsbereich an den Vagus-Nerv angehängt, die Batterie unterhalb des linken Schlüsselbeins verankert.

Immerhin, jeder vierte hat weniger oder keine epileptischen Anfälle mehr. Aber Nebenwirkungen sind häufig und mitunter erheblich, zu ihnen zählen Heiserkeit, Schmerzen, Schluckauf und Muskelkrämpfe. Die Ministröme unterdrücken die Krampfanfälle vermutlich, weil sie das Gehirn „beschäftigen“.

Auch bei Depressionen kommt eine VNS infrage, berichtet der Psychiater Malek Bajbouj von der Berliner Charité. „Die Stimulation eignet sich zur Langzeitbehandlung“, sagt Bajbouj. „Es sieht so aus, als ob die Patienten weniger und schwächere Rückfälle haben.“ Jedoch gilt hier wie für die gesamte Erprobung der VNS: noch weiß man nicht, wem die Behandlung wirklich nützt. Mindestens natürlich dem Hersteller. Unter 12 000 Euro ist ein Stimulator kaum zu haben, die Kosten fürs Einsetzen kommen noch hinzu.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

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